Der Wahnsinn Speed Project ist geschafft. Was auf 550 Kilometern von Los Angeles nach Las Vegas mit zehn Männern passiert ist und warum das alles weit mehr als ein Laufprojekt war.

Klaus Molidor
Klaus Molidor

Karfreitag früh, 6.30 Uhr, Lankershim Boulevard Ecke Strathern Road, irgendwo am Rande des 18-Millionen-Molochs Los Angeles an einer Tankstelle. So beginnt für mich das Abenteuer Speed Project. Am Horizont färbt sich der Himmel langsam gelb-blau. Bis zu meinem eigenen Horizont sehe ich noch nicht. Adrenalin pumpt durch den Körper, lässt mich zappeln, schreien, die Fäuste ballen. Da ist er. Markus Rainer, der vierte Mann unseres zehnköpfigen „Team Austria“. Einen Zebrastreifen entfernt. „Gemma!“ Abklatschen, das „No Shortcuts“-Armband, unser selbstgewähltes Staffelholz, übernehmen und los. So fühlt es sich also an. 505 Kilometer noch vor der Brust bis wir in Las Vegas sind. Die Gedanken rasen, das Herz tut es auch. Viel zu schnell, denke ich noch. Da reißt mich der ältere Herr auf dem Fahrrad neben mir aus den Gedanken. „Hey Man, trainierst du für ein Rennen“, fragt er auf Englisch. „Das ist ein Rennen“, gebe ich zurück. „Wohin läufst du?“, will er wissen. „Nach Las Vegas“. „Waaaas? Das ist ja verrückt.“ Ich erkläre ihm kurz das Staffelformat und, dass wir eh zu zehnt sind. Schmälert seine Ehrfurcht nicht. „Bist verdammt schnell unterwegs, Dude. Viel Glück.“

Kurz danach ist der erste Einsatz auch schon vorbei. Drei Meilen, also knapp fünf Kilometer haben wir uns pro Einsatz auferlegt. In zwei internen Fünferteams gehen wir das Rennen an. Während die eine Truppe im Zehn-Meter-Wohnmobil regeneriert, wechselt sich die andere Truppe, begleitet von einem SUV, beim Laufen ab. Die erste Angst verfliegt schon früh am Morgen, noch bevor die Sonne in der Mojave-Wüste zeigen kann, was sie hier Ende März schon draufhat. Langeweile oder zähes Wartegefühl auf den nächsten Einsatz kommt nämlich keines auf. Die Etappen sind schnell absolviert. Dazwischen heißt es trinken, Plan studieren, navigieren, Auto fahren, essen. Schwupp, sind wir aus der Stadt draußen, erstmals in der Wüste.

Die Straße schlängelt sich durch die immer karger und einsamer werdende Landschaft in die Berge hinauf. Es läuft und der Schmäh rennt. Körper und Geist sind frisch, jeder Laufeinsatz eine Belohnung, die man möglichst lange auskosten möchte. Vor allem, weil das Ganze einen eigenen Spirit verströmt. Das Speed Project verströmt den Geist eines Outlaw-Events. Etwas Besonderes, das nicht für jeden gemacht ist. Kein Kommerz, kein Ergebnisdruck, sondern Ungewissheit und Abenteuer stehen hier im Fokus. Darum feuern sich die Teams gegenseitig an, klatschen ab, winken, pfeifen, hupen, machen Fotos

Inzwischen sind 14 Stunden vergangen. Endlose Geraden dominieren jetzt das Bild, nur hin und wieder donnert ein Truck oder Pick-up vorbei. Ansonsten: Stille, Hitze, Einsamkeit. Zeit für Abkühlung an der Außendusche des Wohnmobils und ein Nudelgericht aus der Mikrowelle. „Chicken Alfredo“, dazu Wasser aus dem Galonen-Kanister und als Nachspeise ein Energie-Riegel. Ja, man muss sich dazu zwingen. Jetzt wird es zum ersten Mal spannend. Vor uns liegt die „sketchy neighborhood“ – was sich vorsichtig als „zwielichtige Gegend“ übersetzen lässt. „Willkommen im Trump-Country“, sagt Markus Rogan. Der ehemalige Schwimm-Superstar lebt als Psychotherapeut in Los Angeles und läuft mit uns im Team nach Vegas. „Hier sind die Abgehängten zu Hause“, erklärt Rogan. Jene, die sich von „The Donald“ eine bessere Zukunft erhoffen. Verlassene und verottete Kinderspielplätze und verwahrloste Häuser inmitten des Nichts erinnern stark an Horrorfilme. Gelaufen wird jetzt mit einer Dose Pfefferspray in der Hand. Der streunenden Hunde, vor allem aber auch der Einwohner wegen. Ein Mann mit elektronischer Fußfessel macht neben unserem Läufer Joe ein paar Schritte her.

Die Straßen sind hier unbefestigt. Sandpisten, gesäumt von Glasscherben, Dosen, Plastiksackerln und rollenden Büschen. Die Landschaft ist weit und die Aussicht speziell. Links liegt ein Flugzeugcockpit an der Straße, weiter vorne taucht der Flugzeugfriedhof auf und ein Feld mit Autos. Zigtausende, die VW nach dem Dieselskandal in den USA nicht mehr verkaufen darf, schmoren in der Hitze dahin. Sandwege, Weite, Sonnenuntergang – das Auge hat ständig neue Reize. Gleichzeitig fällt der Alltag ab. Mit jedem Schritt entwirrt sich der Gedankenknäuel im Kopf, die Brust wird freier, der Blick klarer. Laufen als kontemplative Erfahrung. Längst ist das alles mehr als nur ein Laufprojekt. Einander vorher fremde oder wenig bekannte Menschen sitzen bei Burger und Sprite spätabends vor einer Tankstelle auf dem Boden und philosophieren über das Leben.Dann endlich: sechs Stunden Pause. Zeit für ein wenig Schlaf. Drei Stunden, mehr geht sich in Summe für keinen im Team aus. Erstaunlich, was der Körper zu leisten im Stande ist. Im Vollmond geht es um drei Uhr früh weiter. Steil bergauf, steil bergab, das ganze auf Sand und mit fußballgroßen Felsbrocken garniert.

Nach Sonnenaufgang wird uns noch einmal die Dimension bewusst. Wir sind in Baker angekommen, am Eingang zum Death Valley. Auftanken, Vorräte und vor allem Wasser kaufen, denn ab hier: 150 Kilometer nichts. Kein Haus, kein Geschäft, kein Handyempfang bis Las Vegas. Dafür: atemberaubende Landschaft und 35 Grad Hitze. Staubtrocken aber, sodass der Schweiß in der Sekunde verdunstet. Wieder geht es in die Berge und ganz oben folgt der Schlüsselmoment des Abenteuers und die Parabel des Lebens. Unser Captain, Klaus Höfler, läuft über die Kuppe und der Blick wird frei auf eine endlose Ebene, so groß wie das Wiener Becken. Brettleben, Sand, kleine Büsche, eine einzige Straße, und das alles eingerahmt von zwei imposanten Bergketten. Menschenleer und totenstill. Weiter könnte die Zivilisation nicht weg sein. Da spürst du, wie klein und unbedeutend du bist, mit deinen vermeintlichen Problemen und Alltagsscharmützeln. Du spürst, wie abhängig du von der Gemeinschaft bist und was du als Team erreichen kannst, wenn du dich voll darauf einlässt.

Dieser Moment hat mich weich gemacht und dankbar. Er hat (sicher nicht nur mein) Leben ein wenig neu sortiert und Bekannte zu Freunden gemacht. Er hat auch die Energie frei gemacht auf den letzten 20, 25 Meilen bis Vegas alles rauszuholen, das letzte Körnchen zu geben, runter in die unwirkliche Glitzerwelt Las Vegas. Am Ende waren wir alle ausbelastet, kein Schritt zu wenig, keiner zu viel. Das Gefühl beim Welcome to fabulous Las Vegas Schild ist nicht zu beschreiben. Es ist vollbracht und es ist prachtvoll. Oder ganz einfach: Das ist das Leben.

Speed Project

Team Austria: Klaus Höfler (Captain), Markus Rogan, Gernot Eder, Christian Dornhofer, Joachim Hirtenfellner, Florian Holzmann, Klaus Molidor, Markus Rainer, Thomas Sommeregger, Clemens Ticar.
Durchschnitts-Pace: 4:47 Minuten/Kilometer. Macht 43:55 Stunden und Rang 15 von 38 Teams. Die Siegerzeit betrug 35:49 Stunden.