Man nehme ein Fahrrad und ziehe damit seine Bahnen durch die Landschaft. Man würde sich wundern, was ein paar pedalierende Kilometer mit uns machen. Und in wie vielen Facetten man sich doch ein kleines Stück Freiheit erfahren kann.

Lukas Schnitzer
Lukas Schnitzer


Oft sitze ich für Stunden im Sattel, komme nach Hause und stelle fest: Ich habe einfach an nichts gedacht. Oft sitze ich aber auch für Stunden im Sattel und denke über alles nach, bis sich der Gedankennebel löst. Wälze Probleme, sammle Ideen und Lösungen, komme nach Hause und stelle fest: Eigentlich ist alles ganz einfach. Abseits der Sättel meiner Fahrräder fühlt sich vieles oft hart, schwer, kaum bewältigbar an. Mit jeder Pedalumdrehung aber scheint sich der ganze Alltagsstress – wenn auch nur für einige Stunden – zu relativieren. Als würde der Fahrtwind alles Problembehaftete langsam, aber stetig aus dem Gedächtnis drängen. Für mich gibt es hier eine literarische Analogie, die mir auf den ersten Metern am Mountainbike, am Gravel und Rennrad, ja, sogar am Puch Clubman immer und immer wieder in den Sinn kommt. J. K. Rowlings Albus Dumbledore, Mentor des wahrscheinlich berühmtesten Zauberers unserer Zeit, lehrt seinen Schützling Harry James Potter eine Technik zur, wenn man so möchte, Psychohygiene. Dumbledore hält dabei seinen Zauberstab an seine Schläfe und zieht Gedanken und Erinnerungen, die ihn beschäftigen, wie einen leuchtenden silbrigen Faden aus seinem Kopf in sein „Denkarium“. In dieser flachen Schale bewahrt er seine Gedanken, um sie später zu sichten, zu ordnen und Zusammenhänge besser zu verstehen.

Mein Denkarium hat zwei Räder, zwei Pedale, einen Lenker, einen Sattel. Mein Denkarium peitscht mir die Naturgewalten ungefiltert ins Gesicht, setzt mich Wind, Regen, Sonne, Nebel und meinen eigenen Ideen zur Routenführung scheinbar schutzlos aus. Mein Denkarium trägt Stollenreifen, trägt Slicks, trägt neuerdings sogar manchmal einen kleinen Hilfsmotor mit sich herum. Mein Dankarium ist die wohl aufregendste Art, um aus eigener Kraftvon A über E nach B zu kommen.

Mein Denkarium hat zwei Räder, zwei Pedale, einen Lenker, einen Sattel.

Lukas Schnitzer, SPORTaktiv-Redakteur und Bike-Enthusiast

Zollfrage und andere Trendwenden
Nun tingle ich schon eine ganze Weile mit meinem Denkarium durch die Alpen. Und Anden. Und wohin mich meine (Dienst-)Reisen auch sonst verschlagen. Ein Blick zurück und man erkennt – beinahe ein halbes ganzes Leben dreht inzwischen schon alles am Rad. Alt fühle ich mich deshalb zwar keinen Tag. Doch bleibt mir gerade mit Blick auf die mir liebste Fortbewegung auf und mit Stollenreifen nichts anderes über, als anzuerkennen, dass ich bereits drei ganze Trendwenden im Sattel begleiten durfte.

Da war, ganz zu Beginn meiner innigen Beziehung zum Zweirad, der gerade aufkommende Trend weg vom altgedienten 26“-Laufrad hin zu den für viele unfahrbaren 29“-Rädern. Lange versuchten sich die Alteingesessenen gegen das „Neue“ zu wehren. Zugegeben: Die ersten Versuche mochten zwar das Versprechen des technischen Vorteils eines besseren Überrollverhaltens im Gelände halten. Doch überall sonst ließ das Fahrverhalten dann doch zu wünschen übrig und auch die Optik der ersten Räder mit großen Laufrädern war eher ungewöhnlich. Doch irgendwann wurden entweder die Produkte zu gut und ausgereift oder die Industrie hungerte die Kritiker schlichtweg aus. Die kritischen Stimmen zumindest verhallten. 29“ wurde vom Trend zum neuen Standard, 26“ lebt nur noch als Randnotiz, wer wirklich kleine Laufräder braucht, findet in vereinzelten 27,5“-Angeboten oder sogenannten Mullets, Bikes mit großem Vorder- und kleinem Hinterrad, sein Glück. Stabilität, Laufruhe und Überrollverhalten der 29“-Welt trifft auf Agilität und Wendigkeit der kleineren Laufradgrößen, wenn man so möchte. Schnelle und leichte XC- und Downcountry-Bikes, vielseitige Trailbikes mit 130 bis 150 mm Federweg, Enduros für grobes Gelände und sogar ein Großteil der Downhillbikes ordnen sich heute dieser Matrix unter.

Es gab aber auch eine Zeit, da schien ich vor dem Trend herzufahren. Mein Rennrad, damals für viele irgendwie im Image angestaubt, bewegte ich gerne auf einsamen Nebenstraßen. Motiviert von Paris Roubaix und anderen Frühjahrsklassikern jagte ich die schmalen 23 mm, später 25 mm Pneus aber auch gerne über Feldwege und Forststraßen. War der Untergrund zu herausfordernd, griff ich zum Crosser. Als die ersten Gravelbikes in meine damalige Testredaktion flatterten, konnte ich dem Trend nicht wirklich etwas abgewinnen. Es gab ja schon Cyclocrosser und Rennräder. Wozu brauchte ich hier noch eine Kategorie?

Ich muss sagen, selten hatte ich mir selbst eine ähnlich dumme Frage gestellt. Für Jahre gab es für mich selbst keine andere Kategorie. Das Gravel war nicht nur gekommen, um zu bleiben. Es zog Tausende von Mountainbikern in den Bann der schmalen und eigenartig geschwungenen Rennlenker und vielleicht in weiterer Folge sogar in den Bann des Rennradfahrens. Es brachte Tausende Rennradfahrer weg vom stetig rücksichtsloseren Straßenverkehr hin in die Welt der dreckigen Pfade und Wege. Und es motivierte eine noch viel größere Zahl an Neueinsteigern zu ihren ersten Fahrversuchen im sportiven Biken. Eine schnelle Feierabendrunde ohne echtes Ziel. Eine lange Erkundungstour ins Ungewisse. Entspannte Mehrtagesabenteuer mit Freunden. 50 Kilometer über Radwege auf einen Kaffee. 100 Kilometer über einsame Pässe. 200 Kilometer auf Asphalt, Feld- und Wiesenwegen oder längst vergessenen Güterwegen für ein Bier mit Freunden. You name it – Gravel delivers.

Das Surren der Kritiker
In etwa zur gleichen Zeit nahm auch der dritte Trend seine Formen an. Hersteller wie Bosch und Yamaha bauten in zunehmenden Stückzahlen Elektromotoren, Akkus und Elektronik für sportiv bewegte Bikes. Und mehr und mehr Bike-Hersteller sprangen auf den Trend auf und entwickelten Rahmen rund um Akku und Motor. Oder sagen wir: Sie streckten einen Zeh in die Integration des Motors und setzten den Akku auf den damals noch grazilen Rahmenrohren maximal unattraktiv in Szene. „Hardcore“-Biker stellten sich auf die Barrikaden, doch die Verkaufszahlen schienen zu stimmen. Mehr und mehr Geld und Ressourcen flossen in die Entwicklung der E-Bikes und E-MTBs.

Heute dominieren die E-Bikes den Markt und viele der einstigen Kritiker surren längst selbst leise durch die Wälder. Mit steigender Nachfrage und Akzeptanz stieg die Auswahl an Konzepten. Heute gibt es leistungsstarke Full-Power-Konzepte, leichte, sportiv und im Fahrgefühl sehr natürlich zu bewegende Minimal- oder Light-Assist- sowie Mid-Power-Konzepte für alle, die sich zwischen den beiden Extremen bewegen möchten. Akku und Mittelmotor formschön in den Rahmen zu integrieren, prägte den optischen Auftritt der Räder. Die Entwicklung führte zu voluminöseren Rohrformen und einer insgesamt wuchtigeren Formgebung der Bikerahmen. Eine Entwicklung, die sich auch am Standard-Mountainbike fortzusetzen schien. Und die heute dazu führt, dass gerade im Minimal-Assist-Sektor E-MTBs nur noch vom geschulten Auge von ihrem Non-E-Pendant zu unterscheiden sind. Glaubt ihr nicht? Dann bemüht die Suchmaschine eures Vertrauens doch einmal um Bilder von Treks Fuel EX und Fuel EXe.

Heute dominieren die E-Bikes den Markt und viele der einstigen Kritiker surren längst selbst leise durch die Wälder.

Lukas Schnitzer

Aktuell, so scheint es, zeichnet sich der nächste Trend, die nächste Trendwende am Horizont ab. 32“ geisterte lange als Gag durch die Foren, findet nun aber zunehmend in ersten Prototypen, Kleinserien und Produktankündigungen festen Boden unter den Füßen. Auch im Umfeld der XC-Weltcups wurden schon Protoypen auf Streckenbesichtigungen gesichtet. Noch größere Laufräder, als es die 29“ sind, versprechen (größeren Fahrern) ein nochmals besseres Überrollverhalten, eine bessere Position und einen optimierten Schwerpunkt über dem Rad. Kleineren Fahrern versprechen sie vorerst wenig. Gefahren bin ich mit dem Konzept noch keinen Meter. Auf Basis von Zahlen zu urteilen, ohne damit auch nur eine Forststraße und einen Trail erfühlt zu haben – diesen Strick drehe ich mir nach drei durchlebten Trendwenden ganz gewiss nicht. Vielmehr bleibe ich neugierig auf das, was da kommt. Bleibe hungrig nach (Test-)Kilometern im Sattel. Und freue mich über jedes neue Denkarium, das die Welt für irgendjemanden da draußen zu einem hoffentlich besseren Ort macht. Ob auf großen oder kleinen Reifen. Auf Stollenreifen oder Slicks. Mit Motor und Akku, puristisch für asketische Racer oder robust und vielseitig für die harten Trails und Bikeparks. 

Hauptsache, das Denkarium rollt.