So fern und doch so nah. Wie Panama. Über die Suche nach und den Blick auf die vielfach unbeachtete Königin unter den Bikestrecken, die gute alte Forststraße. Und warum Mountainbiker trotz aller Supertrails immer wieder zu ihr zurückkehren werden. 

Christoph Heigl
Christoph Heigl

Ganz aufgeregt findet der kleine Bär beim Fischen eine Holzkiste mit der Aufschrift Panama. Sie riecht nach Bananen und ihm ist augenblicklich klar, Panama muss das Land seiner Träume sein. Der Bär ist restlos überzeugt, dass in Panama alles besser, größer und schöner ist als zu Hause. Mit dem kleinen Tiger, seinem Kumpel, macht er sich auf die Reise nach Panama. Mountainbiker sind wie der kleine Bär. Sie schnuppern überall und riechen überall Bananen. Überall suchen sie das Paradies. Wo alles größer und besser ist. Nicht in Form von krummen Früchten, sondern in Form von neuen, unentdeckten Strecken und Trails, die sie unter die Stollenreifen nehmen können. Dass Bananen so krumm wachsen, liegt übrigens am Gravitropismus. Das ist eine Wachstumsbewegung, die durch den Erdmittelpunkt und die Erdbeschleunigung beeinflusst wird. Ah, falsch abgebogen, kleiner Bär. Das ist eine andere Geschichte.

Also her mit den süßen Früchten der Bikerträume. Flowtrail! Enduro! Downhill! Uphill-Singletrack! Spitzkehrenwanderweg! Möglichst schwer, möglichst instagramtauglich, möglichst Strava-KOM, mit Überdosis Action und Adrenalin, please. Immerhin haben wir ja für gutes Geld die neuesten Mountainbikes angeschafft, mit den tollsten Federungen, Bremsen, Schaltungen, Reifen und sogar Motoren. So was muss ja seinem ursprünglichsten Verwendungszweck zugeführt werden. Wozu sonst die ganze Innovation und Martialisierung der Ausrüstung? Und dann nehmen die Biker Rad, Rucksack und Tigerente und starten los. Wohin eigentlich? Keine Ahnung. Aber sie folgen der Tafel mit der Aufschrift „Forststraße“, die gleich beim Startpunkt steht. 

Oh, wie schön ist die Forststraße: Über die Suche nach der Königin unter den Bikestrecken

Und sie staunen. Und sie schwärmen.
Während als fernes Tagesziel irgendwo der Supertrail und die abartige Wurzelpassage im Hinterkopf herumspuken, radeln sie völlig entspannt und gemütlich durch den Wald. Ganz sanft steigt die Forststraße an. Sie haben genug Luft, plaudern über Kinderbücher und übers Pilzesammeln, die Seele baumelt und auch die Fahrtechnik macht alles mit. Was? Eine stinknormale Forststraße? Kein Megatrail wie in der Werbung? Stundenlang könnte man so dahinfahren. Niemand ist überfordert. Oben wartet eine Alm oder ein Gasthaus oder ein Gipfel. Dann wieder ganz easy runter. Bikerherz, was willst du mehr? Panama – direkt vor unserer Nase.

90 Prozent der heimischen Mountainbiker bleiben ihr Leben lang auf Forststraßen, sind damit vollends happy und fahren gar nie wirklich im Gelände und auf Trails, schätzen Insider. Werbebilder und Marketing verzerren das, sie zeichnen oft ein anderes Bild des Bikers und der Bikerin. Der spritzende Schotter am Gipfelgrat und das in den Anlieger driftende Hinterrad vermitteln eben mehr Action als der brav kurbelnde Tourenbiker auf der Forststraße. Das muss man schon verstehen. 90 von 100 Bikern fahren Forststraßen, vielleicht 2 von 100 die coolen Trails und Parks aus Magazinen und Videos. 

Und dann ist auch klar, welches Bild in den Köpfen entsteht, wenn über Konflikte mit aggressiven Bikern und über Verbote diskutiert wird. Das ist dann der brachiale Vollvisier-Rowdy am federwegfressenden Endurobike, nicht die bikende Familie oder die Jung-Oma. Die Forststraße und ihr sanftes Wesen könnten in der Diskussion einen wertvollen Beitrag leisten. Dazu müsste man das Naserümpfen („Was? Nur Forststraße!?“) aus den Gehirnen verbannen und das entspannte, kommunikative Double-Track-statt-Single-Track-Radeln zur Königsdisziplin erheben. 

Aber, Moment! Da war doch noch was auf dem Weg nach Panama: Verbote. 
Unter Garantie steht in Österreich am Beginn jeder wunderbaren Forststraße das bekannte rot-weiße Schild mit Fahrverbot. Oft mit dem amüsanten Zusatz „Gilt auch für Radfahrer“, als würde das Gesetz aus dem Jahr 1975 sonst nicht gelten. Mit Witz könnte man dem Verbot auch begegnen: Ein als Niederländer der Verbotskultur per se schon ablehnend gegenüberstehender Bikekollege witzelt stets über die Forststraßentafeln und bezeichnet sie als „österreichisches MTB-Gütesiegel“. Das geht natürlich auch nicht. Aber welch märchenhafter Gedanke! Was für ein Bikestreckennetz Österreich mit einem Schlag hätte! Da käme selbst Böhmermann zum Biken nach Ischgl. Sollte ich den Herrn Janosch einmal in Panama treffen, werde ich ihm vorschlagen, er soll einen Essay über Forststraßen schreiben, wo Tigerenten und Mountainbiker legal fahren dürfen. Blöd nur, der Autor lebt als Horst Eckert auf Teneriffa.

Tja, das Gütesiegel bekommen wir nicht und das Verbotsthema bekommen wir nicht weg. Von der anderen Seite der Spaßinsel hat ein Forstbesitzer übrigens die Forststraßen auch schon mal als „Betriebsstätte unter freiem Himmel“ bezeichnet. Bikestrecke oder Arbeitsplatz? Irgendwie haben beide recht. Wer jedenfalls legal (oder so halblegal ...) auf Forststraßen radelt und nicht mehr braucht zum Bikerglück als sanfte Steigungen, einen zarten Unterbau aus Erde, Sand und feinsten Schotter, der weiß um dieses Traumziel mitten in unseren Wäldern. Und der versteht am Ende wohl auch Bär und Tiger. Denn die zwei sind auf dem Weg nach Panama so lange im Kreis gelaufen, dass sie am Ende wieder vor ihr eigenes, mittlerweile zugewachsenes Häuschen kamen, es aber nicht mehr erkannten und sich tatsächlich im paradiesischen Panama wähnten. „O Tiger“, sagte jeden Tag der kleine Bär, „wie gut es ist, dass wir Panama gefunden haben, nicht wahr?“ „Ja“, sagte der kleine Tiger, „das Land unserer Träume. Da brauchen wir nie, nie wieder wegzugehen.“