58.000 Paar Tourenski, 48.000 Tourenbindungen und 51.000 Paar Tourenskischuhe wurden in Österreich zuletzt verkauft. Auch heuer wieder. Wir haben uns umgeschaut und umgehört, was sich am Markt tut.

Christof Domenig
Christof Domenig

Ein paar Zahlen und Fakten: Es gibt über 600.000 aktive Tourenskigeher (Quelle: Skimo Austria), davon einen zuletzt deutlich gewachsenen Anteil von rund 75.000 „Fitnessgehern“, die vorwiegend zum Training auf oder in der Nähe von Skipisten aufsteigen. Viele Frauen und junge Sportler fanden zuletzt Gefallen an der Sportart, das Durchschnittsalter sinkt deutlich. Bei Pistentouren steht es 50:50 zwischen Frauen und Männern, im Gelände haben die Männer mit 70:30 noch die Nase vorn, doch auch da wächst der Frauenanteil. Vor allem bei der jungen Zielgruppe der 15- bis 25-Jährigen ist der weibliche Anteil sehr groß. 

Wirkt sich das aufs Skitourenmaterial im Winter 2021 aus? „Eindeutig“, sagt Max Wieser, Skiouren-Material-Experte bei „Intersport Tscherne“ mit neun Filialen. „Mehrere Hersteller wie Dynafit, Fischer oder Atomic haben mittlerweile eigene Frauenlinien im Programm.“ Was Wieser gleich vorausschickt: Der Kauf von Skitourenmaterial ist einigermaßen beratungsintensiv, nicht nur für Neueinsteiger. Selbst ist der Intersport-Experte erfolgreicher Wettkämpfer im Skibergsteigen, der schon bei der Pierra Menta in Frankreich (der „Tour de France der Skibergsteiger“) dabei war – und er merkt immer wieder, dass einiges „Halbwissen“ in der Szene kursiert. Also: Etwas Zeit zum Kauf mitbringen, gut beraten lassen, denn dann wird später der Spaß auf Touren am größten sein.

„Das Zielpublikum ist viel breiter und jünger geworden, viel mehr Frauen finden Gefallen daran. Schon lange ist es nicht mehr nur ein Sport für die Bergfexe“, beobachtet auch Benedikt Willingshofer von Gigasport einen Haupttrend. Bei Gigasport wird das Tourenskisegment grob in drei Gruppen geteilt – Fitnessgeher, Downhiller und als dritte Allrounder und Genießer. Der Markt ist groß: Im letzten ausgewerteten Winter 2018/19 wurden laut der Skibergsteiger-Plattform Skimo Austria 58.000 Paar Tourenski, 82.000 Felle, 48.000 Tourenbindungen und 51.000 Paar Tourenskischuhe in Österreich verkauft. Im kommenden Winter ist analog zu den boomenden naturnahen Sommersportarten wie Wandern und Biken noch ein weiterer Schub beim Tourenskisport zu erwarten. Gigasport-Experte Willingshofer sieht im Skitourensport das Potenzial zum „E-Biken des Winters“.

Tourenski
Es geht schon länger nicht mehr nur ums immer leichtere Gewicht bei den Tourenski, sagt Benedikt Willingshofer. „Gute Performance steht im Vordergrund und das gilt quer durch die Segmente. Auch der Pistengeher will seine Abfahrt auf der Piste genießen – für mehr Performance nimmt man beim Gewicht auch leichte Abstriche in Kauf.“ Der Materialmix wird deshalb noch einmal wichtiger, hochwertige Holzkerne (z. B. aus Pappel oder Paulownia) sind Standard. „Schlechte Ski bekommst du keine mehr, jeder hat heute einen Holzkern und Cap-Bauweise“, erklärt auch Intersport-Experte Wieser. Auch Carbon wird als Werkstoff noch wichtiger. Moderne Tourenski sind im Schaufelbereich weich und dennoch sehr torsionssteif – was sich auf das Fahrverhalten entsprechend positiv auswirkt.

Zur Skibreite: 85 bis 90 mm sehen beide Experten als einen sehr guten Kompromiss für universellen Spaß bei unterschiedlichen Verhältnissen. Es gibt natürlich die gesamte Bandbreite von den schmalen Wettkampfskiern bis hin zu den breiten Freeride-Tourern. Für die Freerider müsse aber auch der Schnee passen und das Gelände weitläufig sein, um das Spaßpotenzial der Ski ausnutzen zu können, gibt Benedikt Willingshofer zu bedenken.

Tourenskischuhe
Auch wenn viele zuerst an die Ski denken: „Der Schuh ist das wichtigste Ausrüstungsteil, das über die Tourenfreude am stärksten entscheidet. Deshalb fange ich eine Beratung immer beim Schuh an“, erklärt Max Wieser. Stimmt aber nicht ganz: Als Allererstes sollte nämlich rasch geklärt werden, zu welchem Bindungssystem (siehe weiter unten) der Interessent tendiert. Manche Tourenskischuhe am Markt sind nämlich nur noch mit Pin-Bindungen kompatibel. Auf der anderen Seite gibt es einen Trend zu Schuhen, die mit allen Bindungsnormen harmonieren – bis hin zu Alpinbindungen. 

„Die Skitour fängt beim Parkplatz an“, sagt der Intersport-Experte auch. Sich mühsam in einen Schuh zwängen war einmal – leichte Einstiege und Schnellverschlüsse, die dennoch sehr viel Halt geben, haben Einzug gehalten. Vor allem das Boa-System ist hier zu nennen. Bei stabileren, aber auch etwas schwereren abfahrtsorientierten Schuhen sind herkömmliche Schnallenverschlüsse nach wie vor unerreicht, weiß Giga­sport-Experte Willingshofer.

Wichtig ist auch, dass der Schuh passt: Füße sind unterschiedlich und nicht jeder Schuh passt auf jeden Fuß. Tourenskischuhe sollten auch nicht zu groß gekauft werden, „5 mm Raum nach vorne reichen“, erklärt Max Wieser. Im Gebrauch werden die Schuhe innen etwas weiter – gewollt, denn die Innenschuhe passen sich so an die Fußform an. Nachrüst-Empfehlung vom Intersport-Tscherne-Experten: „Ans Fußgewölbe angepasste Einlegesohlen. Sie stabilisieren den Fuß im Schuh und bringen echt viel.“

Tourenbindungen
Rahmenbindungen – die im wesentlichen wie Alpinbindungen zu bedienen sind und bei denen der über einen Rahmen verbundene hintere Teil bei jedem Schritt mitgehoben wird – werden seit vielen Jahren technisch nicht mehr weiterentwickelt. „Es gibt aber nach wie vor Sportler, die den Komfort und das einfache Handling schätzen“, sagt Max Wieser. Bei Intersport Tscherne sind die stabilen und robusten, aber auch schweren Rahmenbindungen noch auf einige günstige Sets montiert – mit Möglichkeit auf eine Pin-Bindung upzugraden.
Die Vorteile der leichten, den Schuh mit zwei Zäpfchen („Pins“) am Vorderbacken fixierenden Pin-Bindungen sind in der Regel bekannt. Nur kurz: viel niedrigeres ­Gesamtgewicht, besserer Drehpunkt, sowie die Tatsache, dass im Aufstieg kein Gewicht an der Ferse mitgehoben werden muss. 75 bis 90 Prozent der verkauften Skitourenbindungen sind heute Pin-Bindungen. Pin-Bindung ist jedoch nicht gleich Pin-Bindung: Gerade was eine Sicherheitsauslösung betrifft, gibt es Unterschiede und „oft auch Missverständnisse“, weiß Max Wieser. Auch hier: Gute Beratung ist das Um und Auf.

Die dritte Möglichkeit sind Hybridbindungen. Im Aufstieg wie eine Pin-Bindung, für die Abfahrt wird dann auf einen stabilen Vorderbacken umgeschaltet. „Eine Möglichkeit für alle, die bei der Abfahrt nach mehr Stabilität suchen“, sagt Benedikt Willingshofer. Dafür muss man jedoch ein höheres Gesamtgewicht in Kauf nehmen.

Sicherheits-Ausrüstung
Und wie schaut es bei der technischen Sicherheitsausrüstung aus – Lawinenverschütteten-Suchgeräten (LVS) und Airbagrucksäcken? LVS werden ständig „etwas einfacher, praktischer zu handhaben“, sagt der Gigasport-Experte. Insgesamt sind die Geräte am Markt aber seit Jahren gut und ausgereift. Bei den Airbagrucksäcken wurde in den letzten Jahren vor allem das Gewicht reduziert. Max Wieser beobachtet, dass das Thema Sicherheit den Sportlern wichtig ist – „es wird nicht gespart.“

Und es hält auch hier Digitalisierung Einzug: Fast alle Hersteller bieten mittlerweile Apps mit diversen Funktionen an. Für Updates muss man LVS-Geräte damit nicht mehr zwingend zum Hersteller einschicken. Als echte Neuheit bietet Lawinenairbag-Pionier ABS heuer „Beacons“ an, kleine Sender, die an allen Ausrüstungsteilen angebracht werden können. Die ABS-App checkt dann, ob die Ausrüstung vollzählig im Rucksack ist. Und geht bei der Abfahrt ein Ski im Tiefschnee verloren, kann er durch das System geortet werden.