Der Skitourenboom bringt echte Hotspots hervor. Auf viel frequentierten ­„Modeskitouren“ ­fühlen sich speziell Einsteiger auch ­sicherer. Was man dort ­dennoch ­beachten soll – und warum es sich auszahlt, auch mal einen Berg weiter zu schauen.

Christof Domenig
Christof Domenig

Pulverschnee, blauer Himmel und ein Gipfelglück, das nur der eigene Tourenpartner teilt: So schaut das Klischeebild einer Skitour aus. Die Wirklichkeit ist oft profaner. Gerade an schönen Wochenenden im Winter und Frühling ist auf beliebten Routen der Bär los. Die Bezeichnung „Modeskitour“ klingt ein wenig abwertend – aber warum nicht? Die Touren-Hotspots sind meist von Ballungszentren aus rasch zu erreichen und relativ schneesicher. Sie sind perfekt für Fitnesstouren und ein kurz entschlossenes Naturerlebnis – zumindest auf den ersten Blick. Dass manchmal Karawanen von Sportlern, oft mehrere Hundert an einem Tag, zum selben Gipfel streben, nimmt man in Kauf. Eins kommt noch dazu: Gerade Einsteiger haben auf Modeskitouren ein besonders sicheres Gefühl, umgeben von Gleichgesinnten. Andererseits finden auch Modeskitouren im freien und potenziell lawinengefährdeten Gelände statt und die Belastung der Schneedecke spielt bei der Lawinenauslösung eine entscheidende Rolle. (Zu) viele Sportler auf (zu) kleinem Raum in einem Lawinenhang können dabei durchaus zum Sicherheitsproblem werden. Arno Studeregger ist Lawinenprognostiker, Alpinsachverständiger und Mitveranstalter des alle zwei Jahre in Graz stattfindenden Internationalen Lawinensymposiums. Bei der jüngsten Veranstaltung im letzten Oktober hat er auf diese bisher wenig beachtete Sicherheitsproblematik auf Modeskitouren, zu viele Menschen auf zu engem Raum, aufmerksam gemacht.

Und zwar anhand eines konkreten Unfalls aus dem Jahr 2017: Am Großen Bösenstein wurden drei Menschen verschüttet, einer starb, einer wurde verletzt. Da unterschiedliche Gruppen auf engem Raum zusammenkamen, manche aufsteigend, andere abfahrend, konnte kein Unfallverursacher ermittelt werden. Wir haben darüber in der letzten Ausgabe schon kurz berichtet – im Sinn der Sicherheit haben wir aber nun noch einmal nachgehakt und wollen genauer ausführen: Worauf sollen Tourengeher auf stark frequentierten Skitouren achten? Was kann man tun, wenn man selbst zwar wichtige Entlastungsabstände einhalten will, aber andere die Empfehlungen ignorieren?  Martin Edlinger, Bergführer und für die Naturfreunde Österreich Mitveranstalter des Lawinensymposiums, hält zunächst grundsätzlich fest: „Dass Einsteiger stark frequentierte Skitouren als Möglichkeit sehen, um Erfahrung im Gelände zu sammeln, ist zunächst nicht falsch. Wir empfehlen Modeskitouren in unserem Sicherheitsleitfaden w3 ausdrücklich als eine Möglichkeit für Toureneinsteiger.“ Wird eine Tour viel gegangen, sind Schwachschichten in der Schneedecke oft zerstört und die Gefahrenlage nimmt dadurch ab. Der Schluss, dass auf Modeskitouren überhaupt keine Gefahr besteht, man auf den „ausgetretenen Pfaden“ und als Teil der Gipfelkarawane etwa keine Tourenplanung durchführen müsste: Der wäre jedoch völlig verkehrt! Martin Edlinger: „Wo viele Menschen unterwegs sind, kommt man schnell zur Einschätzung, dass es ungefährlich ist. Wenn einer in einen Hang reingeht, geht der Nächste sicher auch rein.“ Lemmingverhalten kann man das salopp bezeichnen. Doch Sicherheitsgefühl und echte Sicherheit sind zwei Paar Schuhe.
 

Problem Sicherheitsabstand
Eine große Belastung für die Schneedecke ist bekanntlich ein wichtiger Auslösefaktor von Lawinen, weshalb in der Lawinenkunde standardmäßige Sicherheitsabstände gelehrt werden: In Hängen über 30 Grad sind Entlastungsabstände von 10 m im Aufstieg empfohlen, beim Abfahren 30 m. Je nach Verhältnissen erhöht sich der Abstand bis zum Einzelfahren von Haltepunkt zu Haltepunkt. Zumindest in der Theorie. „Ist viel los, ist das in der Praxis aber schwer durchführbar“, weiß Edlinger. Nach Arno Studereggers Beobachtung werden Entlastungsabstände innerhalb von Gruppen, in denen man einander kennt, zwar oft eingehalten, kommen mehrere Gruppen zusammen, wird dagegen darauf „vergessen“. Kommunikation und Rücksichtnahme sind daher das Um und Auf an viel frequentierten Engstellen. Als Bergführer kennt auch Peter Gebetsberger die Problematik, dass andere der eigenen Gruppe in lawinengefährlichen Situationen zu nahe kommen: „Ich wende dann ein Stufensystem an. Oft nützt es, wenn man die anderen freundlich auf nötigen Abstand hinweist. Manchmal stößt man dabei auf Unverständnis, dann versuche ich es vehementer.

Hilft auch das nichts, kann man nur selbst zurückstecken, sich selbst und seine Gruppe aus der Gefahrensituation zurückziehen.“ Auch Studeregger empfiehlt, wenn es zu Engstellen kommt: „beobachten, was andere tun, freundlich kommunizieren und überlegen: Wie lösen wir gemeinsam das Problem? Wenn sehr viel los ist: nachdenken, ob ich in den Hang wirklich reinmuss oder ihn auch umgehen kann. Gibt mir das Gelände einen alternativen Vorschlag? Muss ich tatsächlich auf diesen einen Gipfel?“ Dafür müsse man aber schon über Wissen verfügen, gibt Studeregger zu bedenken, Einsteiger wären damit wohl überfordert. Bleiben im Zweifel Rückzug und Verzicht. „Grundthema ist das Abgeben von Verantwortung: Immer weniger wollen selbst Verantwortung übernehmen“, sagt Peter Gebetsberger, „dabei führt Verantwortung fast immer zu einem Gewinn. Hier konkret zum Erlebnisgewinn.“ Rund um die stark frequentierten Ziele gäbe es fast immer ebenso schöne, aber viel weniger bekannte Tourenziele, wissen auch Edlinger und Studeregger, „während Hunderte auf den einen Gipfel streben, bist du etwas abseits davon oft allein in der Natur. Am Nachbarberg ist oft nichts los und du hast das viel schönere Natur­erlebnis.“

Zusammenfassend bleibt

  • auch auf Modeskitouren nie auf sorgfältige Tourenplanung sowie das Einhalten von Sicherheits-Standardmaßnahmen verzichten.
  • Kommunikation ist das Um und Auf, wenn im Wintergelände viele Personen auf engem Raum zusammen­kommen. 
  • wenn alles nichts hilft: lieber zurückstecken und auf einen Gipfel oder Hang verzichten.

Langfristig sollte man Eigenverantwortung anstreben: Das funktioniert durch Ausbildungen, durch „mitgehen mit Leuten, die sich auskennen“, sagt Peter Gebetsberger. „Selber aktiv werden und nicht nur ‚konsumieren‘ – wenn du aber nur konsumieren willst, dann nimm dir einen Bergführer oder geht zu einem alpinen Verein“, empfiehlt der Bergführer. Anders ausgedrückt: Auch eine Mehrheit kann sich irren. Auf Skitouren im ­Gelände ist immer der ­eigene Kopf gefragt.

Wenn es eng wird im Hang: Was man auf stark frequentierten Skitouren beachten soll

Skitourenboom: Kein Ende in Sicht
Die jüngsten Zahlen zum Skitourensport in Österreich, die von der Plattform Skimo Austria jährlich im Jänner präsentiert werden, zeigen weiter bergauf. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Skitourensportler auf deutlich über 600.000 verdoppelt. Rund 75.000 davon sind „Fitnesstourengeher“, die die Sportart zum Beispiel auf Skipisten betreiben. Skitourengehen wird außerdem immer weiblicher – 40 Prozent sind mittlerweile Frauen. Und die Sportart wird jünger, das Durchschnittsalter liegt bei 37 Jahren.

Touren planen leicht gemacht
Ihr „Tourenportal“ (www.tourenportal.at) und die dazugehörige App haben die Naturfreunde neu aufgesetzt und mit einigen nützlichen neuen Funktionen ausgestattet. Durch Eingeben von Start- und Endpunkt plant das Portal nun selbstständig den besten Weg inklusive Distanz, Höhenmeter, Gehzeit und Höhenprofil. Je nach Wunsch wird dafür entweder der optimale, in „Open Street Map“ verzeichnete  Weg herangezogen oder aber die direkte Linie berechnet. Touren planen und online speichern, Tourenbeschreibungen und Karten ausdrucken, die App als Outdoornavi nutzen – das ­alles funktioniert schon in der kosten­losen Basisversion.
Für Skitourengeher besonders interessant ist zudem die „Pro“-Version. Die ist mit amtlichen Karten aufgewertet und zum Beispiel mit einem Hangneigungs-Layer ausgestattet, die Farbschattierung gibt Auskunft über die jeweilige Hangneigung. Touren und Kartenausschnitte lassen sich in der „Pro“-App auch offline speichern. Die Pro-Version gibt es derzeit zum Einführungspreis von 19,99 pro Jahr.

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Mehr Infos: www.tourenportal.at

Martin Edlinger
Martin Edlinger

ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, Abteilungsleiter des Referats Bergsport bei den Naturfreunden Österreich.

E-Mail: martin.edlinger@naturfreunde.at
Web: www.naturfreunde.at

Dr. Arno Studeregger

ist Lawinenprognostiker beim Lawinenwarndienst Steiermark, Alpinsachverständiger und Bundesreferent für Skitouren bei den Naturfreunden Österreich.