Skitourenschuhe müssen passen – einerseits zu Fuß und Fahrkönnen, andererseits zu Bindung und Ski. Unsere kleine Übersicht soll zeigen, worauf es bei der Auswahl ankommt.

Lukas Schnitzer
Lukas Schnitzer

Lasst euch eines aus jahrelang, mitunter schmerzvoll gesammelter Erfahrung gesagt sein: Der vermeintlich beste Ski und die vielleicht beste Bindung am Markt bringen euch wenig, wenn das Bindeglied zum Körper nicht perfekt an den Fuß und ins Einsatzgebiet passt. Drückt und schmerzt der Tourenskischuh, schwimmt der Fuß haltlos umher, oder – der Super-GAU – kombinieren sich die Problemstellen, dann wird selbst der sonnigste Aufstieg rasch zur Qual und verliert sogar Pulver in der Abfahrt an Reiz. Wie man „seinen“ perfekten Skitourenschuh findet, worauf es beim Kauf zu achten gilt und worüber man sich schon vorab Gedanken machen sollte, darüber haben wir uns mit Dalbellos Stefan Bieringer, Fischers Christian Wimmer und Tecnicas Thorsten Steiner ausführlich unterhalten.

Die richtige Kategorie
Bevor wir uns dem Kern der Verbindung Fuß–Schuh, der Passform, widmen, lasst uns erst mal gemeinsam in die Tiefen der Schuh-Kategorien und deren Einsatzfelder abtauchen. Christian Wimmer teilt die Tourengeher dazu in drei Typen.

Sportler der Kategorie „aufstiegsorientierte Tourengeher“ beschreibt er als Tourengeher, die oft und so effizient wie möglich lange und höhenmeterreiche Touren absolvieren. Schuhe dieser Kategorie wiegen meist nur um die 1000 Gramm (oder gar darunter), erfüllen in der Regel keine ISO-Bindungsnormen und können so ausschließlich mit Pin-Bindungen verwendet werden. Sie sind Schuhe für ausdauernde Spezialisten, eignen sich für leichte, eher schmale Ski. Die Schuhe verlangen, so erklärt Stefan Bieringer sinngemäß weiter, auch ein gewisses Maß an skifahrerischem Können. Beim Kauf sollte man gerade hier unbedingt auf die Qualität des Innenschuhs achten. Denn die Innenschuhe, so seine Erfahrung, werden gerade in dieser Kategorie enorm beansprucht, und an so manchem Modell wird, um das Gewicht zu drücken, an dieser falschen Stelle gespart, was sich oft nachteilig auf Qualität und Langlebigkeit auswirkt.

Schuhe für „abfahrtsorientierte Tourengeher“, wie Wimmer die Allrounder und wohl auch das Gros der Tourengeher im Alpenraum beschreibt, haben immer noch den Aufstieg mittels Tourenski und Fellen im Fokus, allerdings nehmen die Tourengeher diesen seiner Einschätzung oft eher für die folgende Abfahrt in Kauf. Die Schuhe hierfür wiegen zwischen 1300 und 1500 Gramm, weisen höhere Wandstärken an der Schale auf als rein aufstiegsorientierte Schuhe. „Dadurch bleiben diese Schuhe auch bei höheren Geschwindigkeiten in der Abfahrt sehr stabil und bieten zusätzliche Kontrolle und Sicherheit. Meist erfüllen Schuhe dieser Kategorie die ISO-9523-Norm, was neben Pin- auch Hybrid-­Bindungen nutzbar macht“, erklärt Wimmer. Ob ihrer hohen Stabilität, auch dem höheren Flex geschuldet, und dennoch sehr guten Geheigenschaften ist die allroundtaugliche Kategorie auch eine klare Empfehlung für den Einstieg in die Skitouren-Welt.

Wer es einfach nur bergab krachen lassen möchte, der ist bei den Freeride-Schuhen mit Gehfunktion am besten aufgehoben. „Viele Skifahrer dieser Kategorie nutzen Skilifte, um auf den Berg zu kommen, wollen aber dann noch die letzten Höhenmeter zum höchsten Punkt aufsteigen, um eine anspruchsvolle Flanke neben der Skipiste zu befahren. Darum haben Schuhe dieser Kategorie ebenso wie klassische Tourenschuhe einen Ski-Walk-Mechanismus, welcher aber zumeist in der Manschette integriert liegt, um einen besseren Formschluss zu bewirken“, geht Wimmer ins Detail. Die Schuhe wiegen meist mehr als 1500 Gramm, fahren sich ähnlich wie ein Alpinschuh und sind diesem auch in der Konstruktion ähnlich. Freeride-­Schuhe wie etwa Dalbellos Cabrio-Modelle verwenden beim Material auch PU, welches natürlich schwerer, aber auch bedeutend stabiler ist als die leichten Grilamid- und Carbon-Konstruktionen der leichteren Klassen. Dadurch, so Stefan Bieringer, lassen sich die Schuhe auch einfacher an den Fuß anpassen.

Das Paket muss stimmen
Egal, in welcher Kategorie man sich selbst wiederfindet: Tourenskischuhe sollten – gemessen am Einsatzbereich – immer möglichst leicht und stabil sein, weiß Thorsten Steiner. Wichtig ist zudem, Ski, Bindung und Schuh aufeinander abzustimmen, da sind sich Christian Wimmer und Stefan Bieringer einig. Für heimische Bedingungen mit wechselndem Schnee macht es wenig Sinn, aufstiegsorientierte Schuhe mit breiten Freeride-Ski zu kombinieren. Genauso ist eine Leichtbau-Bindung mit einem Freeride-Schuh überfordert.

 

Platz im Schuh zu schaffen ist für den Bootfitter einfacher machbar als die Passform zu verkleinern.

Christian Wimmer, Fischer Sports

Die Passform-Frage
Hat man die für sich passende Schuh-Kategorie gefunden, geht es ans Probieren. Im kundigen Fachhandel sollte man seine Wünsche und Vorstellungen klar definieren, seine Füße vom Fachmann begutachten lassen und mehrere infrage kommende Modelle probieren. „Ein Tourenskischuh darf nicht zu groß oder zu klein sein. Die Zehen sollten eine gewisse Freiheit haben, aber dennoch nicht im Schuh schwimmen. Im Bereich der Ferse, des Knöchels und des Mittelfußes – sprich in den Bereichen, aus denen die Bewegung kommt – sollte der Schuh guten Halt geben, ohne dabei Druckstellen zu verursachen“, fasst Thorsten Steiner zusammen. Wichtig, so Steiner weiter, ist ein guter Bootfitter. Passt die Grundform und Größe, kann er das Volumen verkleinern und vergrößern, die Länge  und natürlich den Innenschuh sowie die Schale anpassen, um Druckstellen auszumerzen. 

Viele Probleme eines an sich gut passenden Schuhs ergeben sich auch erst nach ein oder zwei Touren, weiß Stefan Bieringer. Aber auch dann kann ein guter Bootfitter noch so einiges wettmachen. Druckstellen spürt man oft früh, etwaige Blasen ergeben sich erst beim Gehen – etwa wenn die Ferse zu viel Luft hat. Hier gilt es, sich an die Tipps der Profis zu halten und Schuhe nicht zu groß zu kaufen – denn Platz im Schuh zu schaffen, so Christian Wimmer, ist leichter als die Passform zu verkleinern. Sein abschließender Passform-Tipp: „Wenn du aufrecht im Schuh stehst, solltest du mit der großen Zehe noch leicht die Schale spüren. Beim anschließenden Gehen beugt man die Beine und rutscht bei jedem Schritt leicht mit der Ferse zurück. Dadurch haben die Zehen genügend Platz.“