Die in Salzburg lebende Salomon-Trailrunnerin Isabell Speer (34) stieg erst 2023 in die Wettkampfszene ein, war in Österreich von Anfang an vorn dabei und hat auch international in kurzer Zeit schon große Erfolge gefeiert. Im Interview über ihren ungewöhnlichen sportlichen Werdegang, die Liebe zu Berg und Meer, ihre Stärke Downhilllauf – und warum noch viel mehr die Berge als Laufrevier entdecken werden.
Isabell, du hast erst 2023 mit Trailrunning-Wettkämpfen begonnen. Wie ist, kurz skizziert, dein sportlicher Werdegang?
Isabell Speer: Ich habe keinen professionellen Hintergrund, war in der Jugend nicht bei einem Laufverein oder Ähnlichem. Ich war als Kind immer sportlich, habe mich sehr gern bewegt, war gern draußen und habe mich gefreut, wenn wir in der Schule Sport gehabt haben. Aber ich komme nicht aus einer professionellen Sportart. Das Wettkampflaufen ist im Lauf der Jahre gewachsen und wurde immer mehr.
Ende 2022 habe ich erstmals bei einem Berglauf teilgenommen und 2023 dann meine erste richtige Trailsaison gestartet. Im ersten Jahr bin ich gleich elf oder zwölf Wettkämpfe gelaufen, kürzere, man steigt ja nicht mit der Marathondistanz ein. Ich glaube, dass es wichtig ist, dem Körper Zeit zu geben, sich an Distanzen zu gewöhnen.
Du hast auch CrossFit gemacht und Hyrox-Wettkämpfe erfolgreich bestritten. Wie kam es dazu?
Isabell Speer: Ich habe 2021, während der Corona-Pandemie, mit CrossFit begonnen. Ich hatte ein Gym, wo man auch draußen trainieren durfte. Da wird man muskulär sehr fit, baut viel Muskeln und Kraft auf, was man durch den reinen Ausdauersport nicht bekommt. Und dadurch, dass ich immer schon gern gelaufen bin, war es eine logische Kombination, Hyrox einmal auszuprobieren. Das hat sich dann auch im Resultat widergespiegelt, dass das gut gepasst hat.
Wann war dein erster Hyrox?
Isabell Speer: Erst 2025, Anfang des Jahres beim Hyrox in Wien. Es waren die European Championships und ich war überraschenderweise gleich weit vorne dabei. Ich muss aber dazusagen, dass es die Open Championships waren – es gab keine Möglichkeit, in der Pro-Klasse zu starten. Das war gut zum Einsteigen. Ich habe mich gleich für die WM qualifiziert, die in Chicago stattgefunden hat.
Danach habe ich wieder den vollen Fokus auf Trailrunning gelegt. Im Winter ist Gym-Zeit und Drinnenzeit, und ich mache Hyrox gern zum Zeitvertreib, wenn die Trails noch unter Schnee liegen. Der Fokus ist aber schon Trailrunning. Wenn du wirklich vorne mitmischen möchtest, musst du dich auf eine Sportart konzentrieren.
Im Trailrunning hast du 2023 eines deiner ersten Rennen, den Hochkönigman Speedtrail, gleich gewonnen …
Isabell Speer: Genau. Mit einem Sieg habe ich nicht gerechnet, das war auf gar keinen Fall geplant oder erwartet. Das hat mich schon sehr gefreut, weil es doch der erste längere – jetzt muss ich fast lachen, wenn ich „länger“ sage, denn mittlerweile ist das echt kurz – Lauf war: Ungefähr 20 Kilometer mit 1100 Höhenmetern. Danach bin ich auch den „Mozart Light“ gelaufen, eine noch etwas längere Distanz, und das hat auch gut hingehauen.
Waren es die Erfolge, die dich von Anfang an so motiviert haben? Oder gibt es generell etwas, das dir am Trailrunning richtig taugt?
Isabell Speer: Grundsätzlich ist das Draußensein am Berg für mich sehr erfüllend. Es fühlt sich nicht an wie ein Pflichtprogramm: Ich muss jetzt trainieren, so und so viele Runden machen, wie vielleicht ein Bahnläufer – wobei auch das mittlerweile in meinem Trainingsplan enthalten ist. Aber beim Berggehen freue ich mich darauf: Ich darf am Berg und draußen sein. Das ist sehr erfüllend.
Die Zeit vergeht am Berg auch ganz anders. Man merkt gar nicht, wie lange man schon unterwegs ist, wenn man in seinen Gedanken versunken ist und dabei auch sehr viel verarbeiten kann, was im Alltag passiert. Ich glaube, dass das auch sehr viel in die mentale Gesundheit mit reinspielt.
Und natürlich motivieren Siege immer. Das ist noch einmal eine tolle Bestätigung und Anerkennung für das, was man geschafft hat.
Ein besonderer Sieg ist dir Ende 2025 beim UTMB auf Mallorca (56 km/2.450 hm) gelungen, bei dem du die Spitzenläuferinnen Candice Fertin-Baccon und Emelie Forsberg auf Platz zwei und drei verwiesen hast.
Isabell Speer: Genau, das war schon sehr besonders, weil es ein Sieg bei einem international stark besetzten Rennen war. Oft ist ein Top 10 oder Top 20 bei einem stark besetzten Rennen viel mehr wert als der Sieg bei einem kleineren Rennen. Und es war auch besonders, weil es zu dem damaligen Zeitpunkt mein längstes Rennen war.
Du hast dich mit Candice Fertin-Baccon gematcht und vor allem im Downhill das Rennen für dich entschieden. Ist der Downhill eine deiner Stärken?
Isabell Speer: Das kann man auf alle Fälle sagen. Es ist meistens der Bereich, wo ich sehr viel Zeit gutmachen und aufholen kann, wenn ich auf Flachstücken oder bergauf etwas verloren habe. Bergab macht mir richtig Spaß. Es gibt Rennen, da ist der Downhill gut, und welche, da ist er sehr gut – das kann man sich nie so aussuchen. Das ist tagesformabhängig. Aber der Downhill ist fast immer eine Belohnung.
Wenn man sich vorstellt, man könnte hinfallen, passiert es oft erst recht. Das kennt man aus vielen Lebenssituationen.
Wie kann man sich den Downhill als Außenstehender, vielleicht als Straßenläufer, vorstellen? Ist es vor allem eine Technikfrage, eine muskuläre Frage oder einfach: Kopf ausschalten und sich runterlassen?
Isabell Speer: Grundsätzlich genau so. Es ist auf jeden Fall eine muskuläre Frage – da kommt mir das Krafttraining oder CrossFit sehr zugute, die Muskelmasse, die ich über die Jahre aufgebaut habe. Die ist manchmal bergauf vielleicht ein bisschen bremsend. Aber du bist durch die Muskelmasse im Downhill viel robuster. Der Muskel fängt viel mehr Stoßbelastungen ab. Generell, wenn der Körper an die Downhill-Belastung gewöhnt ist, geht es viel leichter von der Hand, und das Risiko, dass man Krämpfe bekommt, ist deutlich geringer.
Eine gewisse Technik spielt natürlich auch eine Rolle, aber ich habe tatsächlich das Glück, dass mir das einfach liegt. Wie du gesagt hast: Kopf aus und laufen lassen. Gar nicht zu viel denken, der Körper übernimmt von selbst.
Spielen Gedanken, dass man vielleicht stürzen könnte, eine Rolle?
Isabell Speer: Wenn man sich im Kopf vorstellt, man könnte hinfallen – man kennt es aus vielen Lebenssituationen: dann passiert es auch meistens. An so etwas denke ich gar nicht. Ich visualisiere immer nur die ersten paar Meter, konzentriere mich auf den Boden vor mir, scanne den Weg ab, und vor allem, wenn der Downhill sehr technisch ist, schaue ich auch nirgends anders hin – auf die Uhr etwa.
Mit dem Sieg auf Mallorca war auch die Qualifikation für das UTMB-Finale 2026, den OCC (Orsières–Champex–Chamonix, 60 km/3.500 hm) verbunden …
Isabell Speer: Genau. Die drei Podiumsplätze bekommen ein Golden Ticket und sind automatisch qualifiziert – du musst nicht durch die Lotterie gehen.
Wie war es nun Ende August für dich, hier erstmals dabei zu sein?
Isabell Speer: Sehr faszinierend. Zum ersten Mal in Chamonix beim UTMB-Finale, das ist ja das Champions-League-Finale im Trailrunning, so würde ich es bezeichnen. Und es war auch faszinierend zu sehen, wie viele Menschen das an einen Ort lockt. Bis zu 30.000 Zuschauer und 50.000 mit Läufern und Supportern. Die Stimmung ist unglaublich. Man wird an gewissen Stellen über die Strecke getragen und dann ins Ziel – das erlebt man so nirgendwo anders. Es macht Lust, wieder dabei zu sein.
Wie würdest du die Wertigkeit des 17. Platzes beim OCC im Vergleich zum Mallorca-Sieg einordnen?
Isabell Speer: Grundsätzlich war es ein gutes Rennen. Rein vom Index her war Mallorca besser. Der Sieg dort bedeutet mir sehr viel, aber auch der Sieg beim Mozart 100 by UTMB (über die Marathondistanz 44 km/1600 hm, Anm.) heuer – das war das allerbeste Ergebnis, das ich je gelaufen bin. Aber Top 20 beim OCC zu laufen, hat schon eine hohe Wertigkeit und bringt international auch Aufmerksamkeit. Wobei Top 10 schon die Creme de la Creme ist. Obwohl ich wahnsinnig zufrieden war, ist immer Luft nach oben. Die Motivation ist groß, mich da noch zu verbessern.
Der OCC war heuer wahnsinnig stark besetzt, aber die Ausfallrate ist gar nicht so gering, vor allem im Spitzenfeld. Da muss jeder für sich abwägen: Gehe ich Risiko ein, auch mit dem Risiko, dass ich es nicht ins Ziel bringe? Ich habe mich mit meinem Trainer entschieden, dass ich heuer einmal auf Sicherheit gehe und es sicher ins Ziel bringe. Es hat sicher Passagen gegeben, wo ich noch Potenzial gehabt hätte, aber mir war ein sicheres Finish wichtiger.
Wie nimmst du die Entwicklung des Trailrunning weltweit wahr?
Isabell Speer: Die Community wächst wahnsinnig schnell, und ich glaube, dass das in den nächsten Jahren auch so weitergeht. Wir sind in der heutigen Gesellschaft so viel vor dem Bildschirm, am Handy, und schauen immer nur in einen Kasten. Da merken die Leute, wie gut es tut, draußen in der Natur zu sein – und vor allem am Berg, da gibt das noch einmal eine ganz spezielle Energie. Der Trend ist nach wie vor aufwärts.
Es ist ganz cool: Wenn man anfängt zu trainieren und ein bisschen dahinter ist, merkt man schnell, wie man bergauf besser wird, fitter wird, einfach schneller oben ist. Ich glaube, dass das für einen ganz normalen Hobbysportler auch sehr motivierend ist.
Wo siehst du deinen Weg im Trailrunning hingehen?
Isabell Speer: Nachdem ich letztes Jahr erst richtig in die Marathondistanzen eingestiegen bin, werde ich vorerst hier bleiben. Ich möchte nicht zu schnell steigern – gesundes Wachstum fordert seine Zeit. Aber ich würde nicht ausschließen, dass ich in Zukunft auch längere Ultradistanzen probiere. Es ist schon reizvoll: Könnte ich 100 Kilometer laufen und wie schnell wäre ich da?
Bist du auf Mallorca heuer wieder dabei – oder sagst du dir: Wenn ich einmal ein Rennen gemacht habe, schaue ich mir ein anderes an?
Isabell Speer: Tatsächlich bin ich heuer nicht auf Mallorca dabei – obwohl es supercool war und mir die Strecke auch wahnsinnig gut liegt. Ich liebe alles, was Meer und Berge ist, möchte mich nicht für eins von beidem entscheiden müssen, und auf Mallorca hast du beides. Aber ich gehöre auch zu der Sorte, die immer wieder gern Neues entdeckt. Für November habe ich ein anderes Rennen im Auge, was noch nicht 100 Prozent fix ist, aber jedenfalls auch im Warmen. November ist ein trister Monat für mich – die Tage sind so kurz, und es ist noch nicht wirklich Winter, um eine Skitour zu gehen. Da nutze ich die Zeit gern, um noch in den Süden zu flüchten.















