Erst laufen, dann im Kreis laufen. Das ist häufig der Leidensweg von Läufern, wenn sie einen diffusen, nicht genau lokalisierbaren Schmerz in der Leistengegend verspüren. Und der Weg kann lange sein. Die gute Nachricht: eine Operation ist selten notwendig.

Klaus Molidor
Klaus Molidor

Als Läufer kennt man das ja. Wir wollen laufen und, vor allem wenn die Tage kürzer sind, jeden Sonnenstrahl nützen, um uns an der frischen Luft zu bewegen. Ausgleichstraining? Rumpfstabi? Come on! Und wenn es mal zwickt – was macht das schon? Wird schon wieder werden. Wird halt oft aber auch nicht mehr. Mal mehr, mal weniger schleppt man diese diffusen Schmerzen mit. Mal treten sie beim Laufen auf, mal erst, wenn der Körper wieder abkühlt. An eine sogenannte Sportlerleiste denken dabei jetzt die allerwenigsten. Dabei ist die  Leiste eine „klassische“ Schwachstelle im Körper.

Läufer, acht´ auf deine Leisten: Diffuse Schmerzen, langer Leidensweg - die Sportlerleiste

„Die Leiste ist eine Region, wo es keine Muskulatur mehr gibt. Da ziehen Sehnenplatten, Sehnen aus der Rumpfmuskulatur ein und Sehnen von der Oberschenkelmuskulatur. Eigentlich hast du dort ein Loch in der Leiste“, erklärt Alexander Szyszkowitz, selbst zweimal Ironman-Finisher auf Hawaii, leidenschaftlicher Läufer und Chirurg in Graz. „Vor allem beim Mann ist das so, weil dort die Samenstranggebilde durchziehen und Männer auch tendenziell eher vom Leistenbruch betroffen sind als Frauen.“

Bei der „Inguinal Disruption“, wie die Sportlerleiste im medizinischen Fachterminus heißt, kann nun diese weiche Stelle größer werden. Besonders davon betroffen sind Fußballer, aber immer mehr auch Läufer und Leichtathleten. „Das Hauptproblem ist die muskuläre Dysbalance“, sagt Szyszkowitz. „Läufer haben eine starke Oberschenkelmuskulatur, die Adduktoren sind recht stark, aber was vernachlässigt wird, ist die Rumpfmuskulatur. Die Stabilität zwischen Rumpf, Becken und Oberschenkel ist in der Bewegung dann nicht gegeben, dadurch kann es sein, dass sich die Zugverhältnisse dort verändern und sich das dort ein bisschen auseinanderzieht“, erklärt Szyszkowitz. 

Für die Schmerzen sind die sensiblen Fasern dreier sensomotorischer Nerven verantwortlich. „Der Iliohypogastricus, der nach oben Richtung Bauch zieht, der Ilioinguinalis, der auch die Innenseite der Oberschenkel versorgt, und der Genitofemoralis, der bis zu den äußeren Geschlechtsorganen zieht.“ Darum treten Beschwerden eben im Versorgungsgebiet dieser Nerven unterschiedlich auf und nicht einheitlich immer an einem bestimmten Punkt. „Meistens spürt man es zunächst nach dem Sport, wenn man auskühlt. Später haben manche aber auch im Alltag Probleme, können kaum einen schnellen Schritt machen, haben Schmerzen beim Niesen und Husten.“ Die gute Nachricht: Diese Probleme lassen sich laut Szyszkowitz in „70 bis 80 Prozent der Fälle ohne Operation heilen“.

Die schlechte Nachricht: Bis zur Diagnose dauert es oft sehr lange. „Weil das Krankheitsbild nicht so bekannt ist und es daher auch oft sehr spät diagnostiziert wird, wenn die Beschwerden schon eher chronisch sind.“ Dazu kommt, dass es auch schwer durch bildgebende Verfahren zu diagnostizieren ist. „Das Wichtigste ist die Anamnese, also das, was der Patient erzählt, und die klinische Untersuchung.“ Bei Ultraschall und Magnetresonanz müsse derjenige, der das befundet, mit dem Krankheitsbild vertraut sein, sonst würden dem Patienten oft Schmerzmittel und Laufpause verschrieben. „Die Pause allein hilft aber nicht“, warnt Szyszkowitz. 

Womit wir wieder bei der guten Nachricht sind. „Wenn abgeklärt ist, dass es keine Hüftprobleme sind, dass es kein Leistenbruch ist etc., dann kann man das in den meisten Fällen durch eine Kombination aus Physiotherapie und Übungen für die Rumpfstabilität wieder ausheilen. Je länger der Leidensweg, desto größer der Schaden, desto länger die Rekonvaleszenz.“ Die Operation, sagt Chirurg Szyszkowitz, „ist die Ultima Ratio.“ Und auch wenn das mit einem Netz wie beim Leistenbruch oder einem speziellen Nahtverfahren gut zu machen ist, ist die Operation nicht der alleinige Heilsbringer. „Auch nach der OP brauchen die meisten Therapie und Übungen um wieder komplett schmerzfrei zu ­werden.“ 

Für Szyszkowitz, der selbst immer noch sehr gerne läuft („Das hab ich beim Triathlon auch immer am besten können“), geht es darum, ein Bewusstsein bei Läufern dafür zu schaffen, dass es dieses Verletzungsbild gibt. Damit sei schon ein wichtiger erster Schritt zur Heilung getan. Wenn man dann noch nach einem Arzt sucht und auf den Punkt „Sportlerleiste“ beim Leistungsportfolio achtet, wird es schon leichter. 

Noch eine gute Nachricht: Aufhören mit dem Laufen muss man nicht. „Im schmerzfreien Bereich sollte es sein und daneben sollte man halt wirklich den Rumpf stärken und diese Übungen als eigene Routine einbauen. 15 Minuten, vor dem Fernseher, das geht immer“, sagt Szyszkowitz. Nachsatz: „Aber ich weiß selbst, wie schwer das ist.“

Läufer, acht´ auf deine Leisten: Diffuse Schmerzen, langer Leidensweg - die Sportlerleiste
Dr. Alexander Szyszkowitz

ist Facharzt für Chirurgie in Graz. Der 45-Jährige ist zweifacher Finisher des Ironman auf Hawaii, war steirischer ­Triathlon-Meister und Weltmeister auf 
der Sprintdistanz bei den Medigames. 
Web: www.herniencenter.at