Staubige Straßen, lange Distanzen und eine einzigartige Community: Graveln fasziniert immer mehr Radsportfans. Die Unbound-Siegerin Carolin Schiff erlebt diesen Boom hautnah.
Gravel boomt. Zwischen Schotterstraßen, Waldwegen und weiten Landschaften hat sich eine Szene entwickelt, die verbunden ist durch Abenteuer, Gemeinschaft und sportliche Herausforderung. Eine Athletin, die diese Entwicklung aus nächster Nähe erlebt, ist Carolin Schiff. Vor der Karriere als Gravel-Profi sammelte sie jahrelange Erfahrung im Radsport. Wie auch beim Graveln war schon hier der Weg das Ziel.
„Mir lagen schon immer eher die längeren Renndistanzen. Cyclocross war für mich eigentlich immer eine Alternativsportart, um den Winter zu verkürzen. In Norddeutschland hatten wir in der Vergangenheit gute Möglichkeiten, fast jedes Wochenende im Winter ein Rennen in der unmittelbaren Umgebung zu fahren“, erzählt sie.
Durch Gravelrennen könne sie die beiden Sportarten kombinieren: Die Länge der Rennen vom Straßenradsport und den technischen Anspruch aus den Cyclocross-Rennen. „Ich denke, dass ich so genau den Sport gefunden habe, der meinen Fähigkeiten entgegenkommt. Daher musste ich gar nicht groß umsteigen.“ Es ist die Mischung aus Ausdauer und Technik, die für die Siegerin des legendären Unbound-Rennens über 200 Meilen in Kansas (USA) im Jahr 2024 den Reiz des Sports ausmacht.
Genuss und Wettkampf
Viele Hobbyradler suchen auf der Schotterpiste Freiheit, Abenteuer und Naturerlebnis – für Caro Schiff ist dieses Gefühl nicht ausschließlich an eine Disziplin gebunden. „Meiner Meinung nach stehen Freiheit, Weite und Naturgenuss für alle Radsportarten, nicht nur für Gravel. Auch ich habe genau aus diesen Genuss-Gründen angefangen, Rad zu fahren: Weil ich es einfach liebe, mit eigener Kraft meine Umgebung zu erkunden, zu entdecken, wie weit ich komme, sowie die Natur zu genießen.“
Anders ist das, wenn es für die 40-Jährige vom Team Canyon ATR um Platzierungen geht: „Im Rennen steht für mich der kompetitive Gedanke im Vordergrund. Genauso bei intensiven Trainingseinheiten. Da habe ich mein Ziel, Leistung zu bringen und Rennen zu gewinnen, vor Augen.“ Umso wichtiger sind Momente des Ausgleichs: „Ich nehme mir immer wieder bewusst die Zeit, mein Rad einfach nur aus Freude am Radfahren zu fahren. Für mich ist es wichtig, die Balance zu halten."
Abseits von Startnummern und Ranglisten spielt für Caro vor allem die Gemeinschaft eine große Rolle. „Ich liebe lange Gravelausfahrten mit Freunden. Es gibt nichts Besseres, als eine tolle Gruppe mit netten Leuten zu haben – dazu gutes Wetter, eine schöne Strecke in der Natur und natürlich einen guten Kaffee-und-Kuchen-Stopp.“ Diese gemeinsamen Momente gehören zur Essenz des Gravelns – genauso wie kleine Abenteuer. Gemeinsame Gravel-Bikepacking-Touren mit Freunden, mit Hotelübernachtungen – „das wollen wir auch dieses Jahr wieder machen“.
Gemeinsamkeiten
Dass Gravel in den letzten Jahren stark gewachsen ist, freut sie: „Für mich geht es beim Graveln nicht nur darum, ein Rennen und dann direkt nach Hause zu fahren – so wie es meistens beim Straßenradsport ist. Sondern auch um das Drumherum und darum, mit der Community zu interagieren.“ Gerade diese Mischung macht für sie den Reiz rund um die Gravel-Races wie das Unbound Gravel oder TRAKA aus.
„Es fahren so viele verschiedene Menschen zusammen Rennen: Profis, Amateure und Einsteiger – alle in einem Rennen.“ Der Boom der letzten Jahre eröffnet hier ganz neue Möglichkeiten. „Durch solche Rennen kommt man in Gegenden, in denen man noch nie war und ohne Gravel wohl auch nie landen würde. Aber auch hier wird der Leistungsdruck größer“, weiß sie. Aber trotz wachsender Professionalität glaubt sie an den ursprüngliche Charakter: „Trotz des Booms bleibt Gravel etwas Besonderes und das wird so schnell nicht verloren gehen."
Kleinigkeiten
So viel Gravelbiken mit Freiheit und Abenteuer zu tun hat – am Ende sind es aber oft die ganz praktischen Dinge, die darüber entscheiden, ob eine Ausfahrt entspannt verläuft oder unterwegs zur Improvisations-Show wird. Speziell im Nirgendwo kann ein kleiner Defekt schnell zum größeren Problem werden. Für Caro Schiff gehört deshalb eine gewisse Grundausstattung immer dazu: „Co2 oder Pumpe mit Plugs und ein Tool, damit man auch im Falle eines Defekts wieder zu Hause ankommt“.
Kompakte Tools und andere Kleinigkeiten müssen beim Graveln aber vor Staub und Nässe geschützt und clever untergebracht sein: „Eine Storage Box wie wir sie am Canyon Grail haben ist super. Da nutzt man den Stauraum im Bike für alle wichtigen Dinge.“ Gerade auf längeren Ausfahrten macht sich ein aufgeräumtes Setup schnell bemerkbar. Mindestens genauso entscheidend wie die Technik ist für sie die Energieversorgung unterwegs, vor allem, wenn die Touren sich über mehrere Stunden erstrecken. „Genug zu essen muss immer dabei sein. Auch wenn man einen Coffeestop plant, sollte man sich immer ausreichend unterwegs verpflegen."
Durch die Rennen kommt man in Gegenden, in denen man noch nie war – und ohne Gravel wohl auch nie gelandet wäre.
Qual des Materials
Und schließlich gibt es noch einen Faktor, der über Fahrspaß oder Frust entscheiden kann: die richtige Materialwahl. Besonders bei wechselnden Bedingungen auf Schotter, Waldwegen oder matschigen Passagen spielt die Bereifung für die erfahrene Racerin eine zentrale Rolle: „Es macht einfach keinen Spaß, wenn man zum Beispiel bei extrem matschigen Bediengungen mit einem nicht optimalen Reifen unterwegs ist. Insbesondere wenn deine Mitfahrer einen Matschreifen montiert haben. Andersherum gilt natürlich das Gleiche. Dazu gehört auch das Wissen über den richtigen und passenden Reifendruck.“
Carolin Schiff weiß: Wer sein Material kennt und an die Strecke anpasst, kann entspannter unterwegs sein – und wenn es sein muss, kann entspannter gerade auf Schotter auch schneller heißen.












