Der 27-jährige Aaron Gruen gilt als Ausnahme-Cellist, studiert Medizin in Harvard und hält die österreichischen Rekorde im Halbmarathon und Marathon. Wie er das schafft? Indem er versucht, in jedem Tag etwas Magisches zu finden …
Aaron, stehst du wirklich jeden Tag um vier Uhr auf?
Seit ich mit dem Medizinstudium begonnen habe, ja – jeden Tag. So bringe ich mein Training vor den Vorlesungen und Kursen unter. An Workout-Tagen frühstücke ich, lerne kurz und laufe ab etwa 5.30 Uhr. An ruhigeren Tagen stehen 18 bis 20 Kilometer auf dem Plan.
Was bedeutet „ruhig“ bei dir in Zahlen?
An Erholungstagen laufe ich zwischen 4:00 und 4:10 Minuten pro Kilometer.
Wie sehen deine harten Einheiten aus?
Mein Trainer sorgt für viel Abwechslung, in einer Marathonvorbereitung gibt es praktisch nie zweimal dasselbe Workout. Das hilft mir, mich nicht ständig mit mir selbst zu vergleichen.
Welche Einheiten magst du besonders?
Zu meinen Lieblingseinheiten gehören viermal drei Kilometer, zehn- bis 15-mal 1000 Meter oder auch dreimal acht Kilometer im Marathontempo. Wichtig ist, dass ich mich nie komplett verausgabe. Das Workout soll sich machbar anfühlen, sonst steigt das Risiko für Verletzungen oder Burnout.
Wann liegst du abends im Bett?
Gegen 20 Uhr. In Prüfungsphasen wird es schon mal 21 Uhr, aber mein Trainer und ich planen Training und Lernpensum so, dass sich die Belastung ausgleicht: In intensiven Uni-Phasen laufe ich etwas weniger, in ruhigeren wieder mehr. Zwei Wochen vor großen Rennen versuche ich, wirklich jede Nacht acht Stunden Schlaf zu bekommen.
Du wirst als Ausnahme-Cellist bezeichnet. Wie gut bist du wirklich?
Ich denke, ich bin besserer Cellist als Läufer. In den vergangenen Jahren hatte ich viele Engagements und Auftritte, habe unterrichtet. Momentan gebe ich aber keine Konzerte mehr. Dafür reicht mit Laufen und Studium die Zeit nicht aus.
Fühlt es sich so an, als würdest du die Musik „aufgeben“?
Nein, eher wie eine Priorisierung in einer bestimmten Lebensphase. Cello spiele ich seit meinem vierten Lebensjahr zwischen drei und acht Stunden am Tag. Jetzt steht Laufen im Fokus, die Musik bleibt Teil von mir und wartet darauf, dass ich zurückkomme.
Du hast den Sport relativ spät professionalisiert. Wie kam es dazu?
Ich bin seit der siebten Klasse gelaufen, besondere Resultate hatte ich aber keine. Während der Pandemie studierte ich in Prag Musik, bin morgens an der Moldau gejoggt und spürte, dass mehr drin sein könnte. Zurück in den USA lief ich 2022 in Providence meinen ersten Marathon.
Den liefst du – noch ohne Trainer – in 2:34 Stunden. Ein Jahr später 2:21 Stunden, im März 2025 dann mit 2:09:53 Stunden einen neuen österreichischen Rekord. War das geplant?
Mein Trainer meinte, ich könne gute 30 Kilometer in diesem Tempo laufen. Ich kannte die Rekordzeit und hatte sie im Kopf. Ich gehe aber nie mit Rekordabsicht in ein Rennen, sondern nehme mir ein Tempo vor, das einen Rekord ermöglicht – und sehe, was passiert.
Was macht auf deinem Level den Unterschied?
Viele mögen die Idee, schnell zu sein. Aber sie vergessen, wie unspektakulär der Alltag aussieht. Es ist immer wieder derselbe Tagesablauf, ob Montag oder Sonntag. Während einer Marathonphase gehe ich nicht aus, trinke keinen Alkohol, sage soziale Events ab. Stattdessen verbringe ich Zeit mit Menschen, die meine Situation verstehen, andere Läufer und natürlich meine Freundin.
Jetzt steht Laufen im Fokus, die Musik bleibt Teil von mir und wartet darauf, dass ich zurückkomme.
Was empfiehlst du Hobbyläufern, die mehr erreichen wollen?
Man muss nicht jeden Tag schneller werden. Entscheidend ist, eine Routine aufzubauen, auf den Körper zu hören, Pausen zu respektieren, genug zu schlafen und ausgewogen zu essen. Alles Dinge, die sich nicht so spektakulär anhören. Aber wer gesund und mit Begeisterung trainiert, bleibt langfristig dabei – und das ist wichtiger als eine einzelne Bestzeit.
Helfen dir deine Erfahrungen als Cellist beim Laufen?
Sowohl Musik als auch Marathon erfordern langfristige Zielplanung und hohen Fokus. Nach einem Konzert habe ich mich nie gefragt, was besonders gut lief – sondern immer zuerst: Was kann ich verbessern? Dabei geht es häufig darum, für schwierige Momente eine mentale Lösung zu finden. Beim Halbmarathon in Houston vergangenes Wochenende wusste ich vor dem Start, woran ich in jedem Abschnitt denken möchte.
Und zwar?
Auf den ersten drei Kilometern konzentrierte ich mich darauf, wie locker und gut ich mich fühle. Dann zählte ich mehrfach von 50 rückwärts, um mir keine anderen Gedanken zu machen. Danach richtete ich den Fokus darauf, wie stark ich bin. Nach neun Kilometern wiederholte ich das Schema, und schon war ich kurz vor dem Ziel. Durch diese Vorbereitung hatte ich das Rennen mental bereits durchlebt, am Tag selbst mussten „nur“ noch die Beine liefern.
Natürlich ist es schön, schnell zu laufen und Rekorde zu setzen. Es ist aber nicht das Ziel meines Lebens.
Herausgekommen ist in 1:01:14 ein österreichischer Rekord. Du bist in München aufgewachsen, hast eine deutsche Mutter und einen amerikanischen Vater: Warum startest du für Österreich?
Mein Urgroßvater war Österreicher. 1939 war er bereits im KZ Dachau, konnte allerdings einen Bürgen in den USA nachweisen und mit meinem Großvater auf einem der letzten Schiffe Deutschland verlassen. Viele Menschen vergessen heute, wie vielfältig Österreich ist. Ich bin jüdisch aufgewachsen und möchte das kulturelle Erbe meiner Familie fortsetzen, das in Wien begonnen hat. Für mich bedeutet österreichisch zu sein nicht eine bestimmte Herkunft oder ein Aussehen zu haben, sondern Teil einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten zu sein.
Als Cellist und Läufer hättest du zwei Jobs, von denen andere träumen. Nun studierst du auch noch Medizin. Warum?
Als ich das Studium geplant habe, war nicht absehbar, dass ich Profiläufer werde, was außerdem nur für einige Jahre funktioniert. In der Medizin kann ich anderen helfen, Menschen sehr nah erleben und Perspektiven kennenlernen, die ich im Alltag nicht mitbekäme. Das gibt meinem Leben einen Sinn, auch jenseits von Zeiten und Rekorden.
Worum geht es dir genau?
Ich sehe die Bereiche Musik, Medizin und Laufen als ein Projekt. Mir geht es darum, langfristig zu denken, Fortschritt zu erleben und zu verstehen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Natürlich ist es schön, schnell zu laufen und Rekorde zu setzen. Es ist aber nicht das Ziel meines Lebens.
Ist Olympia 2028 in Los Angeles trotzdem das nächste große Ziel?
Natürlich, und dafür würde ich auch mein Medizinstudium pausieren lassen. Entscheidend ist aber, dass ich den Prozess liebe: die Routine, die frühen Wecker, den Alltag zwischen Laufen, Uni und Musik. Wenn ich darin etwas Magisches finde und jeden Tag gerne lebe, dann habe ich mein persönliches Lebensziel schon erreicht – egal, welche Zeit später neben meinem Namen steht.















