Christof Domenig
Christof Domenig

Ab welchem Umfang, welchem Speed oder welcher Ambition kann man sich eigentlich Läufer nennen? Und was ist überhaupt das Schöne am Laufen? Ein Loblied aufs Laufen wie „Fürstenfeld“ von STS.


Warum darf ich eigentlich diesen einleitenden Text in unser Laufspecial schreiben? Es gibt sicher Erfahrenere und, ja, vor allem leistungsstärkere Läufer im Redaktionsteam als mich. Ich denke zum Beispiel an unseren „Mann fürs Grobe“, der schon Marathons im Bergwerk und im Knast (als Gast natürlich) gelaufen ist und jeden angebotenen Ultratraillauf weltweit ohne spezielle Vorbereitung und zur Not auch mit nur einem Bein rennt.

Andererseits soll es hier um das Schöne am Laufen gehen und da passen „Bergwerk“ und „Knast“ eben nicht hundertprozentig dazu. Der Chef argumentierte außerdem schlüssig: „Du läufst doch gern und das schon viele Jahre.“ 15, um genau zu sein. „Und dass Laufen ein großartiger Sport ist, hängt weder vom Wochenumfang noch vom Leistungsvermögen ab. Sondern es gilt für jeden, der gern läuft.“ Also auch für mich. Drängt sich als erste Frage auf: Macht Laufen wirklich unabhängig vom Leistungsvermögen Spaß? Nicht ganz, würde ich sagen. Aber fast. Ich glaube nicht, dass man als völlig Untrainierter Spaß am Laufen hat. Aber der kommt bald, dafür braucht es nicht viel – sagt mir zumindest meine eigene Erfahrung.

Einstieg: Vom Zweck zur Lust
Als ich vor rund 15 Jahren, mit 28, mit dem Laufen begann, war es eine Zweckentscheidung. Ich lief zuerst am Laufband im Fitnessstudio, um – gemeinsam mit Kalorienzählen und Krafttraining – Kilos, die sich im Lauf der Jahre angesammelt hatten, abzuarbeiten. Das funktionierte überraschend gut. Zum ersten Mal als nicht bloß zweck­orientiert empfand ich das Laufen dann aber, als ich plötzlich statt 45 Minuten eine ganze Stunde und bald darauf 80 Minuten am Laufband verbrachte. Mit rotem Kopf und weiteren Anzeichen von Überanstrengung zwar, aber das Gefühl angesichts des „Leistungssprungs“ war ein Erhabenes. 1:20 Stunden durchlaufen! Damit traute ich mich auch im Freien auf die Laufstrecken.

Kein Scherz: Statt der zehn anvisierten Kilos riss es mir in knapp einem halben Jahr 18 (von 91 auf 73) herunter – ich sehe das rückblickend wie bei einer Lok: Erst rührt sich nichts, dann kaum etwas und dann, einmal in Fahrt, lässt sich das Ganze gar nicht mehr so leicht stoppen.

Die neue Leichtigkeit: im Flow
So viele Kilos, wie ich eingebüßt hatte, um so viel leichter fühlte sich bald das Laufen an. Nach Lust und Laune (ich hatte damals einen 38,5-Stunden-Job und viel Zeit) lief ich drei-, viermal die Woche zwischen 60 und 100 Minuten. Mehr wollte und brauchte ich nicht.

Der Effekt, den ich nämlich schon rasch erlebte und der für mich bis heute beim Laufen zentral ist: Es gibt wahrscheinlich keine Sportart, in der man leichter und einfacher in einen Zustand kommt, der nach Csikszentmihalyi als Flow definiert ist. Oder zumindest in ­einem flowähnlichen Zustand: Man benötigt keine besondere technische Übung noch großes Geschick, bloß etwas Ausdauer und Durchhaltevermögen. 
„Einfach“ ist aber auch im logistischen Sinn zu verstehen: Von der eigenen Haustür weg läuft man zehn, 15 oder 20 Minuten und dann beginnt es wie von selbst zu laufen. Das wirklich vollkommene Aufgehen im Tun und in der Aufgabe (also der richtige Flow) stellt sich etwas seltener und oft auch erst nach längerer Zeit ein, aber es ist auch für weniger Sportliche erreichbar. Mit dem langsamen Vorbeiziehen der Landschaft fließen auch die Gedanken frei und mühelos. Nicht jedes Mal, aber an guten Tagen. Was man früher den Skifahrern gern in den Mund gelegt hat, stimmt beim Laufen wörtlich: Wenn‘s laft, dann laft‘s.

Minister, Staatssekretär, Präsident
Nachdem ich mich in den ersten beiden Jahren meines Hobbyläuferlebens noch aus Versagensangst geweigert hatte, einen hügeligen Halbmarathon in der Nähe meiner Heimat zu probieren, entdeckte ich dann große Freude daran. Und wurde mehrere Jahre lang Stammgast. Der Lauf im Frühling, dazu ein „privater“ 15-Kilometer-Wald-und-Wiesen-Lauf quer durch die Provinz im Herbst – das war lange mein „Rennprogramm“.

Am schönsten hab ich überhaupt meine Halbmarathon-Premiere in Erinnerung – und auch das hat mit einem gewissen Gefühl der Leichtigkeit zu tun. Und auch mit einer niedrigen Erwartungshaltung. In meiner Unerfahrenheit lief ich die erste Hälfte zurückhaltend in genau einer Stunde, und die zweite, weil ich mich so gut fühlte, in 49 Minuten. Der Applaus, den ich auf den letzten Kilometern bekam, war mir fast ein wenig peinlich, ich hatte auch im Finale noch genügend Energie, mich bei besonders freundlichen Anfeuernden meinerseits freundlich zu bedanken.

Ein Missverständnis ist mir in dem Zusammenhang aber auch – am selben Ort, ein paar Jahre später – in Erinnerung. „Ein kräftiger Applaus für die beiden Herren“ schmetterte der Platzsprecher ins Mikrofon, während ich und der „Präsident“, also mein langjähriger Laufpartner, gerade die Ziellinie überquerten. Gemeint waren leider nicht wir, wie ich später auf „meinem“ zugeschickten Zielfoto erkennen musste: Darauf waren ein aus der Region stammender Minister und ein Staatssekretär verschwitzt im Laufdress zu sehen, dahinter ich, als zufällig ins Bild Gestolperter. Der Präsident war gleich überhaupt nicht drauf. Das Foto ist mir unlängst wieder einmal in die Hände gekommen. Ein per Post zugesandtes „Analogfoto“ – das waren Zeiten. Lässige Zeiten (vom Läuferischen her)! Trotz der formatfüllenden Präsenz der Herren Politiker am Bild ist zu erkennen, wie schlank ich war, und dass ich ungleich mehr nach Läufer aussah als heute.
  

Mit dem langsamen Vorbeiziehen der Landschaft fließen auch die Gedanken frei und mühelos.

Christof Domenig, SPORTaktiv Redakteur

Endlose Entwicklungsmöglichkeit
Vielleicht war es ein Fehler, dass ich damals, als ich so regelmäßig lief und jederzeit einen Halbmarathon laufen konnte, nicht nach einer weiteren Evolutionsstufe als Hobbyläufer gestrebt habe. Mir ging es ja nicht um Leistungssteigerung, sondern um das Erlebnis und das Gefühl beim Laufen an sich. Wenn man etwa mit Ultraläufern spricht (das mach ich derzeit öfters, weil sie erstens gute Typen sind und zweitens das Traillaufen auf langen Distanzen im Moment eine recht gefragte Geschichte ist), ist es schon faszinierend, zu hören, dass auch sie oft spät ins Laufen eingestiegen sind. Und zu Beginn nur wenige Kilometer zurücklegen konnten. Die Steigerungsmöglichkeit im Laufen ist ein Faszinosum. „Erst 2 Kilometer, irgendwann 200“, drückte es Josef Kladensky (siehe ab Seite 110) mir gegenüber unlängst aus. Seppi Kladensky: 70 Jahre, 93 Ultraläufe, 85 Marathons. Ich muss zugeben, dass es mich innerlich ein wenig unrund macht, wenn einer wie er mich fragt, ob ich „auch Läufer“ bin, und ich im Reflex „Ja“ sage. Weil es mir fast anmaßend vorkommt, mich auf die gleiche Stufe zu stellen.

Auf und ab
Aber Laufen ist eben Laufen. Als „Nichtläufer“ hätte ich mich selbst in den letzten 15 Jahren nur einmal eine Zeit lang definiert: Der Tiefpunkt war 2017. Als Erklärung möchte ich aber meine Kinder ins Treffen führen, die heute seit gut sieben bzw. vier Jahren auf der Welt sind und die Prioritätensetzung in meiner Freizeit verändert haben. Meine Laufrunden wurden seit 2011 kürzer und immer unregelmäßiger. Und meine Mitte wieder runder. Apropos: Mitte 2017 stellte ich plötzlich fest, dass ich auf keiner Laufrunde mehr ins Laufen kam. Kaum unterwegs, wünschte ich, schon wieder daheim zu sein. Das Laufen war mir wie eine Liebe geworden, an deren Hochgefühle man sich noch gut erinnern kann, die sich aber bei allem Bemühen nicht mehr herstellen lassen.

Zum Glück hat der Körper ein „Gedächtnis“. Hört man zumindest immer wieder – und auch bei mir scheint das zu stimmen. Am Ende des Jahres hatte ich zum ersten Mal seit Jahren drei Wochen Urlaub. Ich stand morgens auf, quälte mich regelmäßig über die Runde – und schon beim vierten oder fünften Lauf war das schöne Gefühl wieder da. Zumindest in Ansätzen. Eins sein mit der Winterlandschaft. Ich lief bald wieder die früher üblichen 100 Minuten – zwar im Zeitlupentempo, wie auch die Punks im Stadtpark ätzten, als ich vorbeilief, aber immerhin.

Auch ein Mikroabenteuer reicht
Ob ich irgendwann, wie ich seit Ewigkeiten vorhabe, auch einmal gut vorbereitet einen ganzen Marathon laufe? Mag sein. Die große Laufwelt (Wüste etc.) wird’s wohl nicht mehr werden. Mir reicht aber auch ein „Mikroabenteuer“. Seit ich wieder zu (langsamen) Zwei-Stunden-Läufen fähig bin, versuchte ich einmal, laufend von der Stadt aus ein Naherholungsgebiet zu erreichen, zu dem wir sonst mit dem Auto fahren. Wenn ich nicht in einer Stunde dort bin, dreh ich einfach um, dachte ich. Mit 1:00 auf der Uhr stand ich am Ufer und schaute auf den See hinaus, dort, wo ich sonst mit Frau und Kindern Steine hüpfen lasse. Laufen ist so einfach. Und so schön!