Zwischen Style, Funktion und Freiheit: Welche Bekleidung, Helme und Schuhe am Gravelbike wirklich Vorteile bringen – und was die Spreu vom Weizen trennt.
Während in der Rennrad-Szene weiterhin eine strenge Stil-Etikette gilt, scheint am boomenden Gravelbike fast alles erlaubt: Baggy-Shorts statt Bib, T-Shirt statt Race-Fit-Trikot. Doch wie viel davon ist bloßer Style – und wo bringen gravelspezifische Produkte tatsächlich Vorteile? Wir haben bei Petra Mühlböck von „Paul Lange“, dem Importeur von Shimano- und Lazer-Produkten, sowie bei Enduras Marc Podesta nachgehakt, was in Sachen Bekleidung, Schuhwerk, Helm und Brille am Gravelbike wirklich gefragt ist.
Für Gravel gekleidet
„Gravel ist für uns in erster Linie Freiheit. Du ziehst an, worin du dich wohlfühlst, steigst aufs Bike und siehst, wo dich der Tag hinträgt“, sagt Marc Podesta. Genau darauf müsse Bekleidung funktionell abgestimmt sein: lange Tage im Sattel, wechselnde Intensitäten und weniger Fokus auf reine Aerodynamik. Bei Endura versucht man nicht, Styles vorzugeben, sondern Probleme zu lösen, die unterwegs entstehen. Wenn die Bekleidung das schafft, passt das Paket.
Gravel, erklärt Podesta weiter, fordert Bekleidung anders als klassischer Straßenradsport. Abriebfestigkeit geht über Gewichtseinsparung, Materialien müssen schneller trocknen, weil Regen, Staub und Schweiß oft gleichzeitig auftreten. Statt ultrafeinem Lycra setzt Endura teils auf robustere Webmaterialien, ergänzt um Details wie stabilere Reißverschlüsse, weniger exponierte Nähte oder Merino-Mischungen gegen Geruchsbildung. Hinzu kommt Technologie wie HeiQ, das die Körperoberfläche aktiv kühlt. Unterm Strich also etwas weniger „Race Day“ und etwas mehr „Day Three, irgendwo hinterm Horizont“.
Stichwort Taschen: Stauraum erachtet Podesta nur dann als sinnvoll, wenn man ihn während der Fahrt nicht spürt. Sobald etwas pendelt, scheuert oder Druckstellen verursacht, wird ein vermeintlicher Vorteil schnell zum Nervenfaktor. Abhilfe schaffen hier nicht nur smart konstruierte Oberteile, sondern vor allem auch Cargo-Bibshorts (bevorzugt inklusive langstreckentauglichem, progressiv aufgebautem Polster mit stabilem Schaum). Deren „körpernahe, elastisch stabilisierte Taschen und Träger verteilen das zusätzliche Gewicht ideal“, so sein Tipp. Und auch am Gravel ist weniger oft mehr. Drei oder vier gut platzierte Taschen braucht es selten. „Selbstversorgung ja, Selbstsabotage nein“, so das Gravel-Credo.
Helm und Brille
Enduras Philosophie sieht nicht vor, jemandem vorzuschreiben, was er wo zu fahren hat. Jeder soll selbst darüber entscheiden, was sich gut anfühlt und den Zweck erfüllt – darum sieht Marc Podesta auch die Helmwahl sehr individuell.
Von der strikten Unterscheidung zwischen Road- und MTB-Helmen ist er aber wenig überzeugt: „Klassische Rennradhelme sind meist leichter und extrem gut belüftet, MTB-Helme bieten oft mehr Abdeckung an Schläfen und Hinterkopf. Gravel-Modelle versuchen hier häufig genau dazwischen zu landen: leicht, luftig, aber mit etwas mehr Rundumschutz für Stürze im Gelände. Je nach Tour greife ich selbst mal zum sehr luftigen Road-Helm, an anderen Tagen lieber zu mehr Abdeckung – beides ist völlig okay.“
Petra Mühlböck stellt hier aus Sicht von Lazer klar: „Alle Helme, die auf den europäischen Markt gelangen, müssen gesetzliche Normen erfüllen – ein Gravel-Helm ist daher nicht per se sicherer als ein Rennrad-Helm“. Der häufigere Wechsel des Untergrunds, das Befahren nicht befestigter Wege – all das birgt aber beim Gravel ein anderes Sturzrisiko als auf Asphalt. Gerade beim „Wegrutschen“ hat man ein hohes Risiko für sturzbedingte Rotationskräfte, die auf das Gehirn wirken. Zur Verringerung dieser setzt Lazer hier auf ein System namens KinetiCore, das aufgrund seiner Beschaffenheit auftretende Rotationsenergie in spezifisch geformten Blöcken aufnehmen und ableiten kann. Andere Hersteller nutzen dazu auch MIPS oder WaveCel.
Deutlich spezifischer wird es für Podesta beim Thema Brillen, wo er selbst photochrome Gläser bevorzugt. Dass der Teufel bei der Glastechnologie im Detail liegt, zeigt Petra Mühlböck mit ein paar Einblicken hinter die Kulissen der Shimano- RideScape-Gläser: Das überarbeitete Gravel-Glas heißt ab 2027 AR, ist mit 35 % Lichtdurchlässigkeit für den ganzen Tag gedacht. Der Filter ist dabei für alle befestigten Straßenoberflächen, von Asphalt bis Schotter, optimiert. Die RD-Gläser hingegen sind auf Asphalt und dortige Sichtverhältnisse optimiert, die ebenfalls für 2027 neuen TR-Gläser mit 47 % Lichtdurchlässigkeit kommen mit auf den Einsatz im Wald und auf Trails mit Wurzeln, Baumstümpfen und Sprüngen abgestimmtem Farbfilter. Brille ist also nicht gleich Brille.
Die Schuhwahl
Wie überall im Gravel ist auch die Wahl von Schuh und Pedal recht individuell. Flat-Pedals sind eher selten anzutreffen, einem „Klick-Pedal“ samt passendem Schuh und Cleat wird hier bessere Kraftübertragung und Effizienz nachgesagt.
Dort, wo Gravel-Aero-Racebikes um Sekunden rittern, sieht man mitunter auch das für die Straße entwickelte SPD-SL-System samt entsprechenden Schuhen, erklärt Petra Mühlböck – aber die maximale Kraftübertragung, das geringere Gewicht und die unter Umständen bessere Aerodynamik bringen im Gravel-Einsatz zahlreiche Nachteile mit sich. Haltbarkeit, Trittsicherheit bei Laufpassagen, keinerlei Stollen und Profil, ungleich höhere Schmutzanfälligkeit – überall hier sind SPD-Systeme deutlich überlegen. SPD-Pedale sind hier mit beidseitigem Einstieg und höherer Schmutzresistenz deutlich besser geeignet.
Gravel-Helme versuchen einen Mittelweg: leicht, luftig, aber mit etwas mehr Rundumschutz für Stürze im Gelände.
Vom komfortablen Einsteigermodell RX600 über die sportlichen RX801 bis hin zum racetauglichen RX910 samt speziellem Pontoon-Cleat mit optimierter Kraftübertragung bietet man bei Shimano eine breite Palette an Gravel-Schuhen. Diese sind ihren XC-Pendants oft bei Gewicht und Belüftung überlegen, da der moderatere Einsatzbereich keine schweren, schlecht belüfteten Zehenkappen notwendig macht. Auch kann auf die Möglichkeit zur Montage von Spikes verzichtet werden. „Dennoch spricht nichts dagegen, mit einem XC-Schuh ins Gravel-Bike einzuklicken, wenn das Terrain längere Schiebepassagen oder eine höhere Trittsicherheit erfordert“, gibt Petra Mühlböck abschließend mit auf den Weg.







