Männer, Frauen und Menschen jedes Alters – alle laufen! Die einfachste Sportart ist längst nicht nur vernünftig – Laufen ist cool. Woran das liegt und warum es noch nie so einfach war, gern zu laufen: Dem gehen wir auf die Spur.
Mit Mitte 20 samstagfrüh die Laufschuhe schnüren, statt freitagnachts um die Häuser zu ziehen – dafür wurde man ums Jahr 2000 herum bestenfalls liebevoll belächelt. Laufen galt als Freizeitvertreib für ältere und meist männliche Asketen. Im Jahr 2026 liegt man als Läufer und vor allem Läuferin in seinen und ihren 20ern voll im Mainstream. Wie Kathrin Widu, Veranstalterin des Vienna City Marathons weiß, sind die 25- bis 29-Jährigen mittlerweile die größte Teilnehmergruppe bei Österreichs größtem Laufevent. Und der Frauenanteil wächst massiv: 50:50 sind beim Halbmarathon schon erreicht, bei den kürzeren Distanzen sind es schon mehr Frauen und auf der ganzen Marathonstrecke immerhin 27 Prozent. Das entspricht auch dem globalen Trend – mehr noch: In den USA oder Großbritannien gibt es auf den vollen 42,195 km schon fast Geschlechterparität.
Laufen ist jung, cool und immer weiblicher – das zeigen aber nicht nur die Zahlen, sondern auch das Bild, das man auf den Laufstrecken draußen gewinnt. Es ist aber auch die Essenz vieler Gespräche mit Menschen, die in der Laufszene tief verankert sind, die wir für diese Geschichte geführt haben.
Eine Geschichte, die von sich wandelnden Werten handelt und dem Wunsch nach einem Ausgleich zum digitalen Alltag; vom „Gemeinsam-statt-einsam“ und der Rolle der sozialen Medien, von einer einfachen Sportart; die Menschen jedes Alters in Bewegung bringt.
Laufen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Coronapandemie, als es eine Notlösung war und es viele für sich entdeckt haben, hat einen Teil dazu beigetragen – aber die Wurzeln des Booms sind verzweigter. Ein gutes Schärflein dazu hat nicht zuletzt die moderne Laufausrüstung beigetragen. Die Schuhe und ihre reaktiven Schäume, die Rockerkonstruktionen. Vor knapp einem Jahrzehnt haben die Hersteller, ähnlich wie einst die Skiindustrie den Carvingski, ein Sportgerät noch einmal völlig neu erfunden – und damit eine ganze Sportart geprägt.
1 | Running Communitys + hoher Frauenanteil
Jeden Sonntag morgen treffen sich Laufbegeisterte beim „Wemove Running Store“ in Wien zum Weekly Long Run. Was mit zwei oder drei Gruppen und 20, 30 Leuten begann, hat sich zu einer Bewegung mit bis zu sieben Tempogruppen und 80 bis 100 regelmäßigen Mitlaufenden entwickelt, berichtet Stefan Langer. „Das Angebot an Communitys hat sich enorm entwickelt“, sagt der 57-jährige: „Ich bin früher immer allein gelaufen. Heute laufe ich von sechs Einheiten in der Woche drei-, viermal in einer Gruppe.“ Es gibt keine Trainer beim Weekly Long Run, berichtet Langer, aber erfahrene Läufer, die das Tempo halten. „Manche sagen, in der Gruppe vergeht die Zeit schneller, oder ich halte mein Tempo besser ein; viele schätzen aber vor allem die gemeinsame Zeit. Man trifft Menschen, die man sonst nicht treffen würde.“ Und: „90 bis 150 Minuten Zeit für gute Gespräche – das geht sich sonst oft schwer aus.“
Wer in Graz regelmäßig läuft, ist den Männern und Frauen von runninGraz mit hoher Wahrscheinlichkeit schon begegnet. Obmann Sandro Schachner erklärt: „Wir sind Community und Verein zugleich: Alle sind willkommen, vom entspannten Hobbyläufer bis zu ambitionierten Wettkämpfern. Wir treffen uns das ganze Jahr über bei den wöchentlichen Trainings – am Mittwoch kommen viele das erste Mal mit einer Tartanbahn in Berührung“. Es gehe um den Einstieg ins Laufen, der gemeinsam leichterfällt, aber auch darum, sich Schritt für Schritt zu steigern. Und generell ums Gemeinschaftsgefühl bei Training wie Events. „Mittlerweile haben wir rund 500 Mitglieder.“ Gigasport zählt zu den Unterstützern von runninGraz. Das spielerische Lauftraining für Kinder gehe durch die Decke.
Nur zwei Beispiele von vielen Communitys, die sich vor allem im urbanen Raum zusammenfinden. Ob bunt gemischt oder homogen, ob ambitioniert oder betont locker. Man findet sich vielfach über soziale Medien und läuft dann analog und in Gesellschaft.
Warum viele Frauen das Laufen entdeckt haben, liegt für Kathrin Widu nebst vielem anderen auch in Social Media begründet. „Wenn Frauen sehen, wie andere Frauen trainieren, sich vorbereiten, gemeinsam laufen, entsteht ein starkes Gefühl von Zugehörigkeit.“ Auch als Event könne man mit den Bildern, die gepostet werden, Zielgruppen gezielt ansprechen und gewinnen.
Die 25- bis 29-Jährigen sind mittlerweile die größte Teilnehmergruppe beim Vienna City Marathon.
2 | Events und Erlebnisse
Dass Laufevents weltweit und auch bei uns wieder richtig beliebt sind, ist nach den Wirren der Coronapandemie Balsam für Veranstalterseelen – wie Michael Buchleitner berichtet: „Beim Wings for Life World Run waren wir in fünf Tagen ausverkauft, beim Wachaumarathon liegen wir knapp 30 Prozent über den Vorjahreszahlen.“ Man merke auch, dass viele neu und erstmalig zu den Events finden. Auch für ihn zeigt sich deutlich, wie gut der Sport den Wunsch nach Erlebnissen und Gemeinschaft bedient. Selina Luisser von CompanyCode, dem Veranstalter der Hindernislaufserie beat the city, beschreibt es ähnlich: „Wir merken, dass das Gesamterlebnis immer wichtiger wird.“ Von der Vorbereitung bis zur After-Run-Party – nicht nur der Wettkamp und der Eventtag stehen im Vordergrund. Für die Hindernislaufserie beat the city werden etwa Vorbereitungstrainings geboten. „Und man merkt beim Event auch, wie die Zuschauer mitfiebern, anfeuern. Und die Läufer haben trotz Anstrengung ein Lachen im Gesicht.“
Michael Kummerer, Veranstalter von Kärnten Läuft, Graz Marathon und Großglockner Mountainrun, kann das nur bestätigen: „Wir denken seit Langem über das Rennen hinaus. Vom Rahmenprogramm über Side-Events wie Kabarett oder Vorträge bis zu Erlebniswelten in der Running City am Wörthersee: Es geht darum, ein ganzheitliches Erlebnis zu bieten.“
Den Hunger nach Erlebnissen stillen auch Laufreisen: Kerstin Strubreiter von Runners Unlimited by Ruefa erklärt, wie sich auch hier die geänderten Prioritäten niederschlagen: „Unsere Gäste sind viel jünger, ganze Familien sind dabei und der Erlebnisgedanke ist zentral. Es geht nicht nur um Bestzeiten, sondern darum, neue Orte zu entdecken, gemeinsam Erinnerungen zu schaffen. Verlängerungsreisen, bei denen Land und Leute erkundet werden können, kommen besonders gut an.“
3 | Trailrunning – der Schritt in die Natur
Laufend erleben und entdecken: Das trifft auch aufs Trailrunning in besonderem Ausmaß zu. Als das Laufen auf der Straße stagnierte, zog es viele in die Natur und Trailrunning wuchs von der Nische zum Trend. Und als umgekehrt das Citylaufen wieder zu boomen begann, tat das dem Reiz der Naturpfade keinen Abbruch. Tobias Bogner von Salomon beobachtet: „Viele starten zunächst auf der Straße, absolvieren Halb- oder Marathon und wollen dann etwas Neues. Trailrunning bietet diese neue Herausforderung – ein noch intensiveres Erlebnis.“
„Die Menschen suchen die Natur und Outdoorerlebnisse. Große Rennen und Rennserien boomen, immer mehr Junge und Frauen kommen dazu und die Ausrüstung entwickelt sich rasant“, sagt Tobias Gramajo von La Sportiva. Zahlen sprechen eine klare Sprache: „Die Zahl der Trailrunner hat sich seit 2022 verdoppelt und der Markt für Trailschuhe wird bis 2030 um 60 Prozent wachsen.“
Michael Hankl von Dynafit führt aus: „Trailrunning bringt dich an Orte, die auf der Straße unerreichbar bleiben. Lange Tage in den Bergen, intensive körperliche Belastung, das Verlassen der Komfortzone – das sind Erlebnisse, die lange nachwirken. Gleichzeitig ist der Einstieg niederschwellig.“
Der siebenfache Berglaufweltmeister Jonathan Wyatt, heute im Schuhentwicklungsteam bei La Sportiva, erklärt zur selben Frage: „Ich empfinde ein Gefühl der Freiheit, wenn ich den Alltag hinter mir lasse. Beim Laufen kann ich meinen Geist entspannen, alle Probleme des Lebens erscheinen mir leichter zu bewältigen, wenn ich auf einem hohen Bergrücken laufe. Und dann erfordert die Konzentration, die man für einen schnellen Abstieg braucht, absolute Fokussierung, sodass man in einen anderen Geisteszustand versetzt wird.“ Neben dieser mentalen Komponente sei Trailrunning durch die Abwechslung im Gelände einfach auch „die gesündeste Form zu laufen“.
Alle Probleme des Lebens erscheinen mir leichter zu bewältigen, wenn ich einen Bergrücken hochlaufe.
4 | Die neu erfundenen Laufschuhe
Und damit noch zum Equipment – denn dass moderne Laufschuhe ihren Anteil daran haben, dass heute so viele Menschen gern laufen, ist keine zu gewagte These. Der Vergleich mit dem Carving-Ski stimmt: Wer die Schuhe früherer Jahre kennt, versteht, wie grundlegend sich die Sportart verändert hat. Stark gedämpfte Modelle waren früher oft sofaartig weiche Energieräuber, Wettkampfschuhe minimalistisch hart, die Stabilschuhklasse bockig und steif. Heute lassen sich dank moderner Schäume und Geometrien Komfort, Effizienz und Dynamik in einem Maß vereinen, das das Laufen spürbar angenehmer macht. Stabilität entsteht über Plattformen und Bauformen – nicht mehr über starre Stützelemente.
Wie sehr sich diese „neuen Zeiten“ auch in der Industrie widerspiegeln, zeigte das europaweite Brooks Media Event Ende Jänner im spanischen Alicante: Die Begeisterung fürs Laufen, die aus den Brooks-Vertretern ebenso wie aus den Medienvertretern sprach, war riesig. Nachdem in den letzten Jahren vor allem stark gedämpfte, zugleich reaktive Cushion-Schuhe den Markt prägten, stellte Brooks diesmal den Glycerin Flex in den Mittelpunkt – eine beweglichere Ergänzung zur Glycerin-Familie.
Der Schuh hat eine quer über den Fuß verlaufende Einkerbung in der Mittelsohle, entlang der sich der Schuh gezielt „flexen“ lässt. Gerard Klein von Brooks erklärt den Gedanken dahinter: „Die Schuhe sind immer dicker und steifer geworden – der Fuß wird dabei ein bisschen passiv. Wir wollen ihn wieder mehr arbeiten lassen, ohne auf Dämpfung und Schutz zu verzichten.“ Nicht so extrem wie beim Barfußschuhtrend vor 15 Jahren, aber doch als bewusste Gegenbewegung: mehr Freiheit für den Fuß. Alle klassischen Glycerins bis hin zum maximal gedämpften Glycerin Max bleiben im Programm. Das erste Gefühl im neuen „Flex“: sehr gut und macht Lust auf mehr.
Und das gilt auch für viele andere Schuhe aktuell am Markt: Auch dank ihnen war es noch niemals so einfach, gern zu laufen.

















