Was passiert, wenn zwei Frauen mit unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen in die Felswand gehen? Mit „Hold on together“ zeigen „Salewa People Athletin“ Eline Le Menestrel und Lola Delnevo was gemeinsam möglich ist.
Eline, was hat dich an Lola und ihrer Geschichte so berührt, dass daraus dieses gemeinsame Projekt entstanden ist?
Eline Le MenEstrel: Ich habe Lola bei einer Veranstaltung in Italien kennengelernt. Damals habe ich nicht alles verstanden, was erzählt wurde. Vielleicht 12 Prozent der Geschichte, aber etwas hat mich sofort berührt. Die Art, wie sie mit allem umgeht, was sie erlebt hat. Es hat mich direkt im Herzen getroffen. Dazu kommt, dass ich selbst einen Unfall hatte. Meine Verletzungen waren nicht mit ihren vergleichbar, aber es gab trotzdem Momente, in denen ich mich wiedererkennen konnte. Deshalb entstand sofort eine Verbindung.
Lola, was hat dich dazu bewegt, gemeinsam mit Eline dieses Abenteuer anzugehen?
Lola Delnevo: Wir haben sofort einen guten Draht zueinander gefunden. Am Anfang haben wir einfach Kontakte ausgetauscht. Ich habe ihr gesagt, dass ich für ein Projekt normalerweise viele Menschen brauche. Einige Monate später hat sie sich wieder gemeldet und gefragt, ob ich noch Interesse habe. Ehrlich gesagt war ich überrascht, aber sie war wirklich motiviert. Danach haben wir viele Videocalls gemacht und angefangen, gemeinsam zu überlegen, was möglich wäre.
Die Route war ein wichtiger Teil des Projekts. Wie habt ihr sie ausgewählt?
LOLA: Wir wollten einen Ort finden, der sowohl zum Klettern als auch zum Radfahren passt, weil beides Teil des Projekts sein sollte. Für mich war wichtig, dass die Wand sehr steil ist, weil ich beim Klettern hauptsächlich mit den Armen arbeite. Gleichzeitig sollte die Route nicht nur anspruchsvoll, sondern auch landschaftlich besonders sein. Deshalb fiel die Wahl auf Verdon. Dieser Ort bedeutet mir viel und ich wollte dorthin zurückkehren. Eline kannte die Gegend ebenfalls und hatte dort bereits Zeit verbracht. Dadurch war die Entscheidung fast selbstverständlich.
Was bedeutet Klettern heute für dich – viele Jahre nach deinem Unfall?
LOLA: Heute bedeutet Klettern für mich etwas anderes als früher. Natürlich liebe ich die Bewegung an der Wand. Aber inzwischen geht es mir viel stärker um die Menschen. Wenn ich an das Projekt zurückdenke, erinnere ich mich nicht nur an die Route. Ich denke an die Gespräche, an die gemeinsamen Tage, an die Menschen, mit denen ich diese Erfahrung geteilt habe. Das Klettern hat mir nach meinem Unfall sehr geholfen. Es hat mir gezeigt, was weiterhin möglich ist. Deshalb ist es auch nach meinem Unfall ein so wichtiger Teil meines Lebens geblieben.
Beim Anschauen des Films hatte ich das Gefühl, dass es nicht nur darum ging, das Ziel zu erreichen. Die gemeinsame Erfahrung scheint fast wichtiger gewesen zu sein.
LOLA: Ja, absolut. Während eines Projekts bin ich oft sehr konzentriert. Aber wenn ich heute zurückblicke, denke ich nicht zuerst an die Route. Ich denke an die Tage davor. An die Fahrradtouren. An die Gespräche am Abend. An die Planung und an die gemeinsame Vorfreude. Und am Ende, als wir die Route geschafft hatten, wurde uns bewusst, dass das eigentliche Geschenk nicht nur dieser Moment am Ausstieg war. Das Besondere war alles, was wir auf dem Weg dorthin miteinander erlebt hatten.
Für die Route waren ungefähr tausend Zugbewegungen nötig. Viele Menschen würden dabei zuerst an Leistung denken. Was motiviert dich, solche Projekte überhaupt zu machen?
LOLA: Ehrlich gesagt war ich nie besonders wettkampforientiert. Natürlich entwickelt man sich weiter und möchte irgendwann schwierigere Dinge ausprobieren. Das gehört dazu. Aber das war nie der Grund, warum ich angefangen habe zu klettern. Ich klettere aus Leidenschaft. Ich liebe es, draußen zu sein. Ich liebe die Menschen, die ich dadurch kennenlerne. Das war schon vor meinem Unfall so und das ist auch heute noch so.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich nicht verrückt werde, wenn etwas einmal nicht funktioniert. Für mich ist Klettern nicht nur ein Ergebnis. Es ist ein Weg.
Was ich an diesem Projekt besonders schön finde, ist die Botschaft, dass Bergsport so gestaltet werden kann, dass er für alle zugänglich ist. War das eines eurer Ziele?
LOLA: Absolut. Das ist etwas, wofür ich in Italien jeden Tag kämpfe. Es gibt viele wunderschöne Orte in den Bergen, die theoretisch für mehr Menschen zugänglich sein könnten. Oft sagen Menschen sofort: „Das geht nicht.“ Aber sie haben es gar nicht versucht. Natürlich braucht es manchmal andere Lösungen. Vielleicht mehr Unterstützung. Vielleicht mehr Offenheit von anderen Menschen. Aber das bedeutet nicht, dass etwas unmöglich ist. Für mich war es wichtig zu zeigen, dass Berge auch für Menschen mit Behinderung da sein können.
Eline, wie war es für dich, ein Projekt in einem völlig anderen Tempo zu erleben?
ELINE: Es war eine komplett andere Erfahrung. Aber ich hatte nie den Gedanken: „Ich wünschte, wir wären schneller“ oder „Ich würde lieber eine schwierigere Route klettern“. In einem Team ist man nur so schnell wie die langsamste Person und nur so stark wie die schwächste Person. Deshalb habe ich nie empfunden, dass mich jemand bremst. Wir waren einfach gemeinsam unterwegs. Und ehrlich gesagt gehört dieses Abenteuer zu meinen schönsten Klettererfahrungen überhaupt.
Im Film fällt der Satz: „Gemeinsam werden Grenzen überwindbar.“ Was habt ihr über Teamarbeit gelernt?
ELINE: Für mich steckt darin die wichtigste Botschaft des Projekts.
Wir leben in einer Zeit, in der ständig über Probleme gesprochen wird. Über Krisen, Konflikte und Dinge, die nicht funktionieren. Dieses Abenteuer hat mich daran erinnert, dass Menschen gemeinsam unglaublich viel erreichen können.
Man erlebt so etwas zunächst nur im Sport. Aber dann nimmt man diese Erfahrung mit ins Leben. Wenn ich heute manchmal das Gefühl habe, dass die Welt ein einziges Chaos ist, denke ich an dieses Projekt zurück. Dann denke ich: Wir haben gemeinsam etwas geschafft, das auf den ersten Blick unmöglich erschien. Also gibt es wahrscheinlich noch viele andere Dinge, die möglich sind. Das gibt mir Hoffnung.
Es gab viele Momente während des Kletterns, in denen ich gespürt habe, wie glücklich ich eigentlich bin.
Hat die Zeit mit Lola auch deinen Blick auf deinen eigenen Unfall verändert?
ELINE: Ja, zu hundert Prozent. Es gab viele Momente während des Kletterns, in denen ich gespürt habe, wie glücklich ich eigentlich bin. Immer wenn ich meine Füße einsetzen konnte oder gegen die Wand drücken konnte, wurde mir das bewusst. Im Alltag vergisst man solche Dinge manchmal. Mit Lola unterwegs zu sein, hat mir diese Perspektive wieder vor Augen geführt. Sie ist unglaublich unabhängig, stark und positiv. Sie lebt ihr Leben mit einer Selbstverständlichkeit, die mich sehr inspiriert.
Gibt es einen besonderen Moment, der im Film nicht zu sehen ist?
ELINE: Nach einem langen Tag auf dem Fahrrad kamen wir am Abend an. Es war schon spät und plötzlich begann es stark zu regnen. Unsere Freunde waren noch nicht da und plötzlich dachte ich nur noch: Wir müssen trocken bleiben. Wir müssen etwas essen. Wir müssen uns auf morgen vorbereiten. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass dieses Abenteuer nicht nur aus Klettern besteht. Es ging auch darum, füreinander Verantwortung zu übernehmen.
Wenn ihr die Essenz des Projekts in einem Satz ausdrücken und euch gegenseitig etwas sagen müsstet – was wäre das?
LOLA: Was mich an Eline beeindruckt, ist ihre Offenheit. Sie interessiert sich wirklich für Menschen. Sie gibt anderen Raum und begegnet ihnen mit Leichtigkeit. Gleichzeitig bringt sie unglaublich viel positive Energie mit. Das habe ich während des gesamten Projekts gespürt.
ELINE: Ich würde einfach sagen: Danke für die Zeit, die wir miteinander verbracht haben, für diese Erfahrung und dafür, dass du das Beste in mir hervorgeholt hast.
Im Alltag geht es oft um Leistung, Arbeit oder darum, Dinge zu erledigen. Bei diesem Projekt ging es darum, gemeinsam unterwegs zu sein. Das ist etwas sehr Wertvolles.
Was wünscht ihr euch, dass Menschen aus dem Film mitnehmen?
ELINE: Oft wird im Sport nur über Leistung gesprochen. Über Rekorde, Ergebnisse und Wettbewerb. Aber dieses Projekt handelt von Freundschaft, von unterschiedlichen Geschwindigkeiten, von gegenseitiger Unterstützung und von einer anderen Art des Reisens. Es zeigt, dass Abenteuer nicht immer größer, schneller oder extremer werden müssen. Manchmal geht
es einfach darum, gemeinsam etwas zu erleben.
LOLA: Genau. Und vielleicht erinnert es die Menschen daran, dass vieles möglich wird, wenn man bereit ist, zusammenzuarbeiten. Das ist letztlich die Botschaft.
Zu den Personen
Eline Le Menestrel (FRA)
ist Profikletterin, Umweltaktivistin und „Salewa People Athletin“, die Bergsport mit Nachhaltigkeit und gesellschaftlichem Engagement verbindet.
@eline_lemenestrel
Eleonora „Lola“ Delnevo (ITA)
ist Para-Kletterin und Alpinistin, die seit ihrem Unfall 2015 eindrucksvoll zeigt, dass Abenteuer und große Ziele keine Frage körperlicher Grenzen sind.
@lolibacktothetop


















