Spuranlage, Gipfelpause und zum Schluss die Abfahrt: Skitouren sind eine ganz eigene Form des Bergerlebens. Was den besonderen Reiz ausmacht, was man erst mit Erfahrung sieht und warum sich Mühe und Geduld lohnen: Zwei Bergführer erzählen vom Erlebnis Skitour.

Christof Domenig
Christof Domenig

Eine tief verschneite Landschaft, die Stille der Berge und frischer Schnee unter den Fellen: Skitourengehen ist mit kaum einer anderen Bewegungsform in den Bergen zu vergleichen. Das sagen auch passionierte Skitourengeher – und mit zwei von ihnen wollen wir hier dem Erlebnis Skitour nachspüren. An­dreas Widauer, Berg- und Skiführer aus Grödig in Salzburg und Bundesreferent Bergsteigen der Naturfreunde Österreich. Und Martin Glantschnig, Berg- und Skiführer aus der Nationalparkregion Hohe Tauern Kärnten: Beide haben uns dafür Einblick in ihren reichen Erfahrungsschatz gegeben.

1. Was macht für dich eine Skitour als Bergerlebnis einzigartig?
„Der Schnee verändert die Landschaft und das Gelände völlig“, sagt Andreas Widauer. „Und Schnee kann wiederum ganz andere Qualitäten haben. Dieselbe Tour kann an unterschiedlichen Tagen völlig unterschiedlich sein. Oder die Verhältnisse können sich innerhalb weniger Stunden ändern.“ Dazu komme die Abfahrt als Erlebnisplus im Vergleich zum sommerlichen Abstieg oder die Tatsache, dass auf Skiern schlicht größere Distanzen zurückgelegt werden können.

Für Martin Glantschnig liegt ein besonderer Reiz in der Ruhe: „Speziell hier in den Kärntner Hohen Tauern ist eine Skitour ein sehr stilles Unternehmen. Im Unterschied zu Modeskitouren in anderen Regionen oder auch zum Skifahren in den Skigebieten hat man ein fast einsames Erlebnis – genau das schätze ich besonders."

2. Warum ist der Aufstieg mehr als nur der Preis für die Abfahrt?
Vor allem, wer eine Spur anlegt, erlebt den Aufstieg intensiv, so An­dreas Widauer: „Das Finden der Aufstiegsspur ist ein richtiges Abenteuer. Je nach Bedingungen muss ich dabei anders agieren. Dann schaut man zurück, sieht seine Spur, die dem Gelände hoffentlich optimal angepasst ist – und kann das richtig genießen.“ Durch der Schnee komme man auch in ein besseres, meditativeres Gehen und könne die Umgebung anders wahrnehmen. „Ich muss vorausschauend gehen, um den Weg zu finden – das macht den Aufstieg noch einmal interessanter.“

Das Erarbeiten der Höhe aus eigener Kraft hat für Martin Glantschnig seinen besonderen Reiz: „Jeder, der sich gern bewegt, weiß zu schätzen, wie es sich anfühlt, sich einen Gipfel zu erarbeiten. Wird man am Ende nicht nur mit dem Gipfel, sondern auch mit einer schönen Abfahrt belohnt, ist das tausendmal schöner, als einfach nur wieder abzusteigen.“

3. Was sieht man auf der Skitour erst nach einer gewissen Zeit mit gesammelter Erfahrung?
Andreas Widauer denkt auch hier an die Spuranlage. Während man zu Beginn einer Skitourenkarriere meist bereits angelegten Spuren oder erfahrenen Kollegen folgt, wird das Anlegen einer eigenen, besseren und kraftsparenderen Spur mit etwas Erfahrung zum ­Erlebnis. Auch die Schneequalität lernt man mit der Zeit besser zu lesen. Vor allem aber verändert sich die Wahrnehmung: „Am Anfang ist man mit vielem beschäftigt, das Kapazität braucht: Wo gehe ich hin, wie ist der Schnee, passt die Spurenanlage? Mit der Zeit erkennt man dann, wo man sich entspannen und die Umgebung wahrnehmen kann. Etwa Tierspuren, für die man zuerst gar ­keinen Blick hatte.“

Für den Kärntner Glantschnig essenziell ist aber auch die Einschätzung der Lawinengefahr: ­„Erfahrung ist hier einer der ­wichtigsten Faktoren überhaupt."

Geduld ist sicher etwas, das man auf Skitouren lernt. Man hat nicht alles selber in der Hand.

4. Wie sehr bestimmt oder verändert der Schnee das Erlebnis?
„Man versucht immer, guten Schnee zu finden – beim Auf- und beim Abstieg“, sagt Widauer. Der Schnee sei aber nicht nur mit Genuss verbunden, sondern auch sicherheitsrelevant. „Nicht nur wegen Lawinen, auch eine harte Flanke im Aufstieg kann fordernd und gefährlich werden. Das muss man früh genug erkennen.“ Und weil sich Schneebedingungen schnell ändern können, müsse man die Tour den Verhältnissen anpassen. Vor allem aber macht der Schnee das Erlebnis aus: „Die Abfahrt im Pulverschnee oder auch die Firnabfahrt im Frühjahr kann ein absolutes Erlebnis sein.“

Für Martin Glantschnig verändert der Schnee auch den Blick auf die Landschaft: „Gerade felsige Landschaften bekommen deutlich mehr Kontrast. Felstürme oder Felsgrate wirken dadurch im ­Winter wesentlich attraktiver.“

5. Warum ist es manchmal die beste Entscheidung, nicht auf den Gipfel zu gehen?
Es gibt dafür ganz praktische Gründe, sagt Andreas Widauer: Gipfel seien meist exponierter, nicht jeder gut zum Abfahren und oft auch stark frequentiert. Gleichzeitig sei der Wunsch, einen Gipfel zu erreichen, schlicht menschlich: „Natürlich ist es menschlich, dass man rauf möchte, ein Ziel hat – und je prominenter das Ziel, desto mehr will man auch hinauf. Aber sehr oft kann ein Vorgipfel oder ein Kar besser zum Abfahren sein. Und wenn man sich ein bisschen von den bekannten Gipfelzielen wegbewegt, ist man oft alleine.“

Aus Martin Glantschnigs Sicht ist der Gipfel auf einer Skitour weniger entscheidend als im Sommer: „Das Highlight ist meist die Abfahrt. Außerdem nimmt die Lawinengefahr in der Regel mit der Höhe zu. Aus Sicherheitsgründen ist es oft die richtige Entscheidung, umzudrehen."

6. Allein, zu zweit oder in der Gruppe – was hat den größten Reiz?
Der Salzburger ist meist zu zweit unterwegs: „Wenn ich mich ins freie Gelände bewege, ist es immer gut, wenn ich mich auf einen Partner verlassen kann. Es muss nicht die Lawine sein, kann auch ein Sturz sein.“ Grundsätzlich bevorzuge er kleinere Gruppen: „Je anspruchsvoller die Tour, desto kleiner, weil eine kleine Gruppe immer schneller geht. Zu zweit, zu dritt, zu viert passt es meistens gut. Bei größeren Gruppen wird vieles anspruchsvoller.“

Glantschnig sagt: „Skitouren im freien Gelände sollte man nicht allein unternehmen. Bei einem Lawinenabgang sind die Tourenpartner die einzige Möglichkeit, einen mit der LVS-Ausrüstung rechtzeitig zu bergen. Voraussetzung dafür ist, dass alle sicher mit der Ausrüstung umgehen ­können.“

7. Was lernt man als Skitourengeher, was man auch im Leben gut brauchen kann?
„Geduld ist sicher etwas, das man lernt“, sagt Andreas Widauer: „Wenn man eine spezielle Skitour vorhat und es passen die Verhältnisse an dem Tag nicht; wenn man unterwegs umdrehen muss oder warten muss, bis es auffirnt – man hat nicht alles selber in der Hand.“ Dazu kommen Verantwortung und Rücksichtnahme: „Man muss für andere Verantwortung übernehmen, planen, den Lawinenlagebericht anschauen. Und je mehr Leute unterwegs sind, desto mehr Rücksichtnahme braucht es.“

Die Selbsteinschätzung werde geschärft: „Man kriegt eine direkte Rückmeldung, ob etwas funktioniert – ob konditionell oder technisch.“ Und schließlich gehe es um Respekt vor der Natur und das Verständnis dafür, dass nicht alles kontrollierbar ist.

Martin Glantschnig bringt es abschließend auf den Punkt: „Man lernt, die Schönheit der Natur zu schätzen – und gleichzeitig nie den Respekt vor ihren Gefahren zu ­verlieren."