Wie die Berge und das Draußen unser Leben bereichern. Wenn man sie nur lässt.
Selbstreflexion, der distanzierte Blick ganz ohne rosa Brille auf sich selbst – eine Tätigkeit, die mich doch mitunter schmunzeln lässt. Da sitze ich nun drinnen vorm flackernden Bildschirm, klappere auf den Spritzguss-Tasten meines Laptops und sinniere über das Draußensein. Über den scharfen Wind oben am rauen Bergkamm. Über den markanten Duft des lockeren Waldbodens am frühen Morgen. Über die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut. Über das ruhige Plätschern und wilde Tosen sanfter Gebirgsbäche, die zu steilen Wasserfällen werden. Über die Herausforderungen und Abenteuer zwischen Tal und Berg. All das, während ich wohlbehütet in den eigenen vier Wänden hocke, dabei, immer wieder nach geschriebenen Worten ringend, aus dem Fenster meines Arbeitszimmers blickend, in die Bergwelt da draußen starre. Wir arbeiten hart für ein Zuhause, einen festen, mitunter luxuriösen Wohnsitz. Sitzen dann drinnen und träumen vom Draußen. Irgendwie ironisch, oder nicht? Schließlich gäbe es draußen zwischen Flüssen, Bächen, Wäldern und Gipfeln so vieles zu entdecken, was uns nicht recht viel mehr kostet als ein paar Euro für Ausrüstung und ein paar Augenblicke unserer Zeit.
Mir ist schon bewusst: 2026 ist Zeit Geld und somit rar – vielleicht sogar, unmittelbar nach der Gesundheit, unser wertvollstes Gut und somit für viele gar Luxus. Doch als Gut steht es uns in einem gewissen Rahmen auch eine wohlbedacht freie Nutzung unserer Zeit zur Verfügung. Tausche ich mein Gut gegen noch mehr Überstunden, deren monetäre Abgeltung ich dann in noch mehr Dinge investiere? Oder tausche ich die Überstunden gegen mehr Zeit. Und die Zeit dann gegen wahrlich immer wieder aufs Neue einzigartige Abenteuer draußen. Erinnerungen, die sich für immer tief in die Seele brennen? Erfahrungen, wie sie Christopher McCandless ins Extrem trieb – falls jemand dessen Geschichte in Jon Krakauers Into the Wild gelesen hat.
Draußen gibt es so vieles zu entdecken, was uns nicht recht viel mehr kostet als ein paar Euro für Ausrüstung und ein paar Augenblicke unserer Zeit.
Abenteuer zum Mitwachsen
Eingangs hatte ich die Selbstreflexion ins Spiel gebracht. Ein kritischer Blick auf mich selbst attestiert einen starken Drang, nach draußen zu gehen. Den Wind und das Wetter oben auf den Gipfeln zu spüren. Und doch, so viel Ehrlichkeit muss sein, bin ich doch eher Schmalspurabenteurer. Weder habe ich vereiste Nordwände durchstiegen, noch unbestiegene Gipfel erreicht. Habe keine Kontinente durchquert und war auch noch nie auf monatelanger Expedition. Auf dem Papier alles lächerlich in Relation zum bergsteigerischen Tun der wahren Größen des Outdoorsports. Aber ich denke, genau hier liegt der „Reiz der Berge“. Das Abenteuer wächst mit. So erzählt der eine noch Wochen nach seiner 300-Höhenmeter-Tour hoch zur kleinen Sennerhütte von der entspannten Brettljause mit sonnigem Blick auf die 3000er. Und ein anderer von den Strapazen der neunten Seillänge mit klammen Fingern und Graupelregen im Gesicht. Jeder für sich hat eine Geschichte zu erzählen. Und jeder für sich ein Abenteuer erlebt.
Jeder für sich hat eine Geschichte zu erzählen. Und jeder für sich ein Abenteuer erlebt.
Für die ganze Familie
Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Abenteuer in der Natur und tief in den Bergen. Da waren meine Großmutter, ihre Wanderfreundinnen und ich. Und die Kräuter und Blumen, die es für diverse Haus- und Heilmittelchen in den steilen Hängen zu pflücken galt. Nicht zu vergessen, die Gipfelrast. Hartgekochtes Ei, ein Rad Bergsteiger-Wurst und eine Scheibe Brot. Klingt nicht sonderlich abenteuerlich? Für mich gab es damals nichts Größeres. Und noch heute gehe ich gerne die Wege von damals, trug dort meine Nichten und Neffen in der Rückentrage entlang felsiger Pfade und streife seit bald zwei Jahren mit meiner kleinen Tochter am Rücken durch die Wälder und Hänge von damals – und entdecke mit oftmals drei Generationen auf Tour leidenschaftlich neue Täler, neue Grate, neue Anstiege und Gipfel. Lasse mich dazwischen gerne von kindlicher Hand dorthin führen, wo die trüben Erwachsenen-Augen gar nichts sehen wollen. Hinauf auf den Felsen, hinein in den Gebirgsbach, hinein ins kleine Abenteuer.
Was alpin ist
Ich besitze Klettergeschirr, Sicherungsgerät, Seil, Steigeisen, Pickel, jede Menge Karabiner und jede Menge Daune, Hardshell und was man in den Bergen sonst noch so mit sich herumschleppt. Ob mich das zwingend zum Alpinisten macht, sei dahingestellt. Alpin ist wohl für jeden etwas anders definiert, obgleich Bergführerverband, Alpenverein und Naturfreunde hier wohl eine klare Grenze ziehen können. Mein erstes alpines Erlebnis datiert wohl irgendwo rund um meine bestandene Führerscheinprüfung. Zumindest schafften es mein langjähriger Leichtathletikkollege und Bergkamerad in spe und ich ganz ohne Mama und Öffi zum Bodenbauer – einem beliebten Ausgangspunkt für Touren rund um den heimischen Hochschwab. Ich, gerade dem ständigen Kreisverkehr der Leichtathletik überdrüssig, von Höhenangst geplagt und hungrig auf Neues. Er, der Leichtathletik schon lange zugunsten der Kletterei den Rücken gekehrt habend, retrospektiv betrachtet den Mangel an alpinistischer Erfahrung mit Verwegenheit gut kaschierend.
Dass ich hier über diese meine ersten 12 Seillängen, die eigentlich 8 hätten werden sollen, sinnieren darf, ist wohl eher dem Glück der Dummen zuzuschreiben als Wissen, Übung und Tourenvorbereitung. Den Umgang mit Sicherungsgeräten, Standbau, Gehen auf Reibung, Pendelquerung – alles Dinge, die wirklich niemand während seiner ersten Mehrseillängenroute kennenlernen sollte. Erst recht nicht, wenn die Nähmaschine der Höhenangst schon drei Meter über dem Boden im Takt schlägt. Wie glücklich ich war, an diesem Tag am Gipfelkreuz abzuklatschen. Und welch tiefe Kerben die Begriffe Vorbereitung, Tourenplanung und Orientierung damals für all meine künftigen Abenteuer hinterlassen hatten.
Gleichmäßigen Schrittes durch sich stetig wandelnde Landschaften zu stapfen, hat etwas einzigartig Meditatives.
Wandern, auch weit
Herausforderungen suche ich gerne in „meinem“ Extrem. Das sind weniger die senkrechten Wände denn die Höhenmeter und Kilometer. Ich liebe ausgedehnte Streifzüge mit Start/Ziel möglichst weit unten im Tal – und ein oder zwei Gipfelerlebnissen weit oben über den Wäldern. Wie diese Bergtouren aussehen, darüber lasse ich gerne mit mir streiten. So gerne ich durch Schluchten wandere und dichte Wälder durchquere, so gerne laufe/speedhike/trailrunne ich auch entlang einsamer Pfade und über steile Grate. Wandernd bin ich dabei eher Genussmensch. Halte inne für den einen oder anderen Ausblick. Wage einen Sprung in eiskalte Gebirgsseen. Genieße Käsbrot und Radler auf sonnigen Almterrassen. Laufend sieht meine Welt da ganz anders aus. Dann zählen Kilometer, Höhenmeter und Minuten. Wird der Pfad zum „Trail“, lassen sich 12 Jahre Leichtathletik manchmal nur schwer verleugnen.
Seit Neuestem habe ich auch Gefallen an Mehrtagstouren und dem Weitwandern gefunden. Mit Hausstauballergie und einem starken Drang zur Privatsphäre waren Hüttennächtigungen, unweigerliche Begleiterscheinung des Weitwanderns über mehrere Tage, über all die Jahre nicht mein Steckenpferd. Mit Rucksack und Zelt selbstversorgend durch die endlosen Weiten Islands zu stapfen, schien da schon mehr nach mir zu klingen – wusste damals schon meine heutige Frau. Und weiß heute auch ich. Mehrere Tage nichts anderes zu tun, als gleichmäßigen Schrittes durch sich stetig wandelnde Landschaften zu stapfen, hat etwas einzigartig Meditatives. So meditativ, dass es heute auch nicht mehr Laugavegur, Fimmvörðuháls-Trail und Zelt sein müssten. Schließlich gibt es auch in unseren Breiten ungeahnte landschaftliche Vielfalt und, zugegebenermaßen, äußerst gemütliche, teils komfortable Hütten zu entdecken.
Ich möchte euch dazu einladen, auf den Seiten des SPORTaktiv Outdoorguides 2026 nach „eurer“ Inspiration zu suchen. Aber sucht nicht zu lange. „I now walk into the wild“, schrieb Jon Krakauer. Ihr solltet folgen.
















