Skitouren finden jährlich mehr Anhänger. Wer auch Lust hat, aber sich fragt: „Wie steig ich ein?“ – für den hat Berg- und Skiführer Marcellus Schreilechner die relevanten Antworten.

Christof Domenig
Christof Domenig
Skitour Schaufel

Logisch, als Erstes brauche ich ein Equipment. Wie finden Neulinge ­heraus, welches Material für sie passt, ehe sie sich in Unkosten stürzen? 
Zuerst leihen und ausprobieren ist sicher ein guter Ansatz. Wichtig ist, in den guten Fachhandel zu gehen. Die große Herausforderung ist sicher die Schuhe, die bequem passen sollten, damit schon der erste Skitourentag ein Genuss wird. Die Qualität der Leihski sind bei den Einsteigertouren nicht so entscheidend. Bei der Notfallausrüstung gibt es sehr oft Gesamtpakete, die einem guten Standard entsprechen. Beim Lawinenverschüttetensuchgerät darauf achten, dass es ein modernes Dreiantennengerät ist.

Gibt es auch genügend Möglichkeiten, sich mit gutem Leihmaterial zu versorgen? Oder konzentrieren sich viele Verleiher aufs Alpinski-Material?
Ja, soweit ich Einblick habe, gibt es in den Ballungszentren wie in den Skigebieten ausreichend Tourenski-Leihmaterial, das meist einem guten Standard entspricht. Am besten man ruft vorher an und erkundigt sich, ob Schuhe in der richtigen Größe vorhanden sind.

Die größten Zuwächse gibt es bei Pistentouren. Erste Schritte auf einer Skipiste, ist das ein guter Weg? 
Pistengehen ist sicher kein schlechter Start. Aufpassen auf die lokalen Regelungen: In vielen Skigebieten ist das Gehen auf den Pisten verboten. Einige erkennen durchaus ein neues Geschäftsfeld und laden Pistengeher zumindest an einigen Tagen der Woche ein. Wird ein Entgelt dafür verlangt, ist das zu entrichten. Was klar ist: Pistengehen deckt zwar den sportlichen Aspekt, aber nur wenig vom Erlebnisaspekt des Skitourengehens ab.

Dann also von der Piste weg ein paar ­Meter ins Gelände?
Das Gehen und Fahren unmittelbar neben der Piste bringt oft dasselbe Problem wie das Pistengehen mit sich. Hier sollte man sich also über die Erlaubnis und die Möglichkeiten vorher gut informieren. Mein Tipp ist eine Veranstaltung für Skitouren-Einsteiger: Es gibt von den alpinen Vereinen sowie von den Alpinschulen sehr gute Angebote und man hat auch gleich kompetente Ansprechpartner zur Verfügung. Dabei geht es nicht nur um die Geh- und Skitechnik, sondern vor allem auch um Tourenplanung, die die aktuelle Schnee- und Lawinensituation, die Routenwahl, einen groben Zeitplan sowie die notwenige Wahl der Ausrüstung beinhaltet.

Es gibt auch Skitourenlehrpfade sowie einige – wenige – Skitourenparks: eine gute Sache für Einsteiger?
Die Skitourenlehrpfade erklären auf Schautafeln die Techniken und Gefahren des Skitourengehens, das ist sicher ein interessanter Zugang in der alpinen Pädagogik. Es besteht jedoch die Gefahr, dass Informationen missverstanden werden. Bei Skitourenparks wird man meistens am Pistenrand oder in Pistennähe durch das Gelände geführt. Hier sind die Verhaltensregeln klar vorgegeben, an die man sich zu halten hat. Sich ausschließlich durch solche Lehrpfade und Parks kundig über alpine Gefahren zu machen, ist aber zu wenig.  

Ab welchem Gelände sollte man das Sicherheitspaket LVS, Sonde und Schaufel mit dabei haben?
Die Standard-Notfall-Ausrüstung ist beim Skitourengehen im freien Gelände immer dabei und wird vorm Weggehen bei jeder Skitour gegenseitig überprüft.  Zur Standard-Notfall-Ausrüstung gehört jeweils ein Lawinenverschüttetensuchgerät, eine Sonde und eine Schaufel pro Tourengeher. Eine Ausnahme gibt es nur beim Pistengehen, wo man auf die Notfallausrüstung verzichten kann. Grundlegend gibt es Schneebrettlawinen zwar erst ab einer Steilheit von 30 Grad, man kann sich aber auch im Einzugsgebiet einer solchen Gefahrenzone befinden, wenn man im flacheren Gelände unterwegs ist. 

Ist es prinzipiell möglich und sinnvoll, sich auf eigene Faust mit der Sicherheitsausrüstung vertraut zu machen?
Mit der technischen Ausrüstung wie Ski, Bindung, Fellen etc. kann man sich gut selbst vertraut machen. Das ist im Vorfeld einer Skitour sogar zu empfehlen, um festzustellen, ob die Ausrüstungfunktioniert und gut zusammenpasst. Die Anwendung der Sicherheitsausrüstung sollte man jedoch unter professioneller Anleitung trainieren. Da gibt es heute sehr gute Ausbildungsstandards, die von allen Vereinen und Alpinschulen angewendet werden. Nur dann kann man im Ernstfall rasch und zielgerecht handeln.

LVS Gerät

Zu welchem Zeitpunkt sollte man einen Kurs besuchen?
Der Einstieg in einen Skitourenkurs ist jederzeit sinnvoll. Vom Anfänger bis hin zum Skitourenroutinier gibt es genug Themen, an denen man arbeiten kann. Meist sind die Kurse für Anfänger oder Fortgeschrittene ausgeschrieben, hier kann man sich persönlich zuordnen. Kurse haben zumeist die Tourenplanung in Abhängigkeit von der Schnee- und Lawinensituation, die Orientierung, eine sichere Spuranlage sowie den Umgang mit Notfallsituationen zum Inhalt. Manche Veranstalter bieten auch separate Notfall-Trainingskurse an. Hier wird speziell der Umgang mit der Notfallausrüstung und die Versorgung von Lawinenopfern geübt.
Mein Tipp: Wir bei den Naturfreunden haben das „W3“-Ausbildungskonzept entwickelt. Es dient der persönlichen Selbsteinschätzung für eigenverantwortliches Handeln beim Skitourengehen. In der „W3-Matrix“ kann man sich entsprechend seinen Fähigkeiten einordnen und erkennen, welches Gelände für einen – abhängig von den Schnee- und Lawinenverhältnissen – infrage kommt.

Wie erkennt man im Vorfeld, ob in Camps und Kursen gute Qualität geboten wird? Sollten zum Beispiel die Guides eine gewisse Art von Ausbildung vorweisen?
Die Ausbildung der Skitourenführer in Österreich ist gut standardisiert. Der Profi unter den Schitourenführern ist der staatlich geprüfte Berg- und Skiführer mit einer dreijährigen Berufsausbildung, er arbeitet selbstständig oder gemeinsam mit Alpinschulen. Bei den alpinen Vereinen sind staatlich geprüfte Skitoureninstruktoren oder Übungsleiter tätig, die eine ein- bis zweiwöchige Ausbildung hinter sich haben und daher einfache Unternehmungen im winterlichen Gebirge gut einschätzen und führen können.

Dr. Marcellus Schreilechner
Dr. Marcellus Schreilechner

ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, Alpinsachverständiger und Bundesreferent für Bergsport bei den Naturfreunden Österreich.

 

Web: 
www.alpinimpuls.at
www.naturfreunde.at
w3.naturfreunde.at
 

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