Sicher ins Gelände. Stephan Skrobar ist Skiführer und Alpinausbilder – und begeisterter Freerider. Er kennt die Szene genau, stellt ihr an sich ein gutes Zeugnis aus – er weiß aber auch um die Defizite im Umgang mit dem Risiko im freien Skigelände. Wie man sich vernünftig ans Geländeskifahren herantastet und wie man risikobewusst mit Gefahren umgeht, erklärt er hier im Interview.

Interview von Christof Domenig


Mit dem Lift rauf, off Piste runter – darauf fahren immer mehr Skifahrer ab. Aber wo beginnt eigentlich das gefährliche Gelände?
Je nach Schneebedingungen und Geländeform kann das Freeriden gleich neben der Piste gefährlich sein. Ohne Panikmache: Es gibt einfach im unpräparierten Skiraum eine Menge größerer und kleinerer Gefahrenquellen – wie Dolinen, kleine Felsen, Treewells, also Hohlräume um eingeschneite Bäume, oder auch kurze Mulden, die kleinen Lawinen großen Stauraum bieten.

Was ist mit den ausgewiesenen Skirouten in Skigebieten – sind diese wirklich immer ungefährlich?
Eine generelle Antwort kann man darauf nicht geben. Aber laut Definition ist eine Skiroute eine markierte, vor Lawinengefahr gesicherte Abfahrt, die weder präpariert noch kontrolliert ist. Wer abseits der planierten Piste unterwegs sein möchte und sich die Einschätzung der Lawinengefahr nicht zutraut, für den sind Skirouten im Bereich der Markierungen ein erster Schritt in Richtung Gelände.

Als Szenekenner: Wie hoch ist deiner Einschätzung nach das Gefahren­bewusstsein bei Freeridern mittler­weile ausgeprägt?
Das Gefahrenbewusstsein nimmt, wie die Zahl der Freerider, kontinuierlich zu. Das Freeriden taucht immer öfter abseits der Branchenmedien in den Nachrichten auf, vor allem, wenn es prominente Lawinenopfer zu beklagen gibt. Und über diesen Kanal werden vor allem Neueinsteiger oft für das alpine Risikomanagement sensibilisiert. Auch gibt es jeden Winter Veranstaltungen, die direkt das Freeridepublikum ansprechen und die Auseinandersetzung mit Gefahrenbewusstsein fördern. Als Beispiel sei hier die Snow & Safety-­Conference genannt, die alljährlich im Dezember in Zürs/Arlberg stattfindet.

Verglichen mit der Skitourenszene: Welche Gruppe ist eher „risikobewusst" unterwegs?
Beide Gruppen sind auf ihre eigene Art risikobewusst unterwegs. Skitourengeher sehen durch die entschleunigte Art der Fortbewegung sicher ein ganzheitlicheres Bild der Berge und beachten neben dem generellen großräumigen Lawinengefahrpotenzial auch aufmerksamer die Wetterentwicklung oder gefährliche Geländeformen. Freerider müssen meist mehrmals am Tag Entscheidungen treffen, Risikomanagementstrategien anwenden, die aber oft nur spezifische Geländekammern, einzelne Hänge oder Rinnen betreffen. So entwickeln auch sie durch regelmäßige Wiederholung ein ausgeprägtes Risikobewusstsein.

Welche Sicherheitsausrüstung brauchen speziell Freerider? Und kann man abschätzen, wie viele tatsächlich damit unterwegs sind?
LVS, Schaufel, Sonde sind auch im Freeridebereich absoluter Standard – da gibt es eigentlich keinen Unterschied zum Bereich Skitouren. Einzig der Gewichtsfaktor spielt beim Freeriden eine nicht so große Rolle. Jener Prozentsatz, der gänzlich ohne Sicherheitsausrüstung unterwegs ist, dürfte bei beiden Gruppen ungefähr gleich groß sein. Nur unterscheiden sich meiner Erfahrung nach hier die Gründe für das Weglassen von Sicherheitsausrüstung. Ist es beim Freerider vermehrt Ignoranz oder auch Unwissen, so ist es bei Tourengehern oft eine altersbedingte Überheblichkeit. Diese Erkenntnis basiert aber rein auf meinen Beobachtungen.

Die Ausrüstung mitzuhaben ist das eine – mit ihr umgehen zu können, das andere. Wie schaut es hier deiner ­Erfahrung nach bei Freeridern aus?
LVS-Trainings sind im Freeridebereich verbreitet, werden auch oft als Rahmenveranstaltungen bei Contests, Freeridetagen oder Messen angeboten. Das demografische Segment der Free­rider ist generell ein sehr neugieriges, oft aus studentischem Umfeld, das ein ­hohes Interesse an Lawinenübungen mitbringt und sich auch gerne über die aktuelle Lehrmeinung zu Risiko­managementstrategien am Laufenden hält. Defizite gibt es eventuell im Bereich der Ersten Hilfe, des Abtransports und auch in der Freeridetaktik selbst bei Geländeauswahl, Zeit- und Energiemanagement.

Welche Ausbildung soll man zum ­Freeriden machen bzw. unterscheiden sich Kurse speziell für Freerider von solchen für Skitourensportler?
Gemeinsam mit Peter Perhab leite ich das „Bergstation Freeride & Alpin Center" am Dachstein und Umgebung und wir bieten spezielle Kurse und Ausbildungen für Freeride-Einsteiger und -Profis an. Hier liegt der Fokus eher auf der skitechnischen Weiterentwicklung und vermehrt in alpinem ­Risikomanagement, zum Beispiel Gelände- und Schneekunde. Bei Ski­tourenkursen achten wir eher auf Gehtechnik, Materialkunde und Tourenplanung. Alpine Rettungstechniken wie Lawinenübungen, Spaltenbergungen und dergleichen sind bei beiden dabei.

Es gibt mittlerweile auch ein großes Angebot an kleinen Airbag-Ruck­säcken eigens für Freerider: Wie verbreitet sind diese – und wer soll sich einen zulegen?
Airbagrucksäcke breiten sich rasch aus, inzwischen gehört ein Airbag fast schon zur Standardausrüstung beim Freeriden. Es gibt verschiedene Systeme von verschiedenen Anbietern für unterschiedliche Bedürfnisse am Markt. Und ja, jeder sollte sich einen zulegen.

Zum Abschluss kurz zusammengefasst: Wie geht man konkret und risiko­bewusst ans Freeriden herangeht?
Vorher nachdenken, nachher Bier trinken! Aber im Ernst: Eine eventuell fatale Risikomanagementstrategie wäre der Selbstbetrug vor einer notwendigen Entscheidung so nach dem Motto: „Ich finde das gut. Und da ich mich ja nicht in Frage stelle, ist es auch gut!" Eine Ausbildung ist sicher der passende Beginn einer langen und guten Freeridekarriere. Fakt ist: Den sich permanent ändernden Gegebenheiten beim Freeriden kann man eher begegnen, wenn man sich zuvor in eine professionelle Lehre begeben hat.

FREERIDE-KURSE IN ÖSTERREICHNaturfreunde
  • Datum & Ort: 12. Februar am Hochkar (NÖ).
  • Inhalt: Mit einem bestens ausgebildeten Profi die ersten Schritte ins Gelände wagen. Auch ein LVS-Training steht auf dem Programm.
  • Teilnahmebedingungen: Mindestalter 12 Jahre, fortgeschrittene Skitechnik, sehr gute Fitness.
  • Infos und Anmeldung:team.naturfreunde.at
Die Bergstation
  • Datum & Ort: 6.–8. 1. auf der Tauplitz (St) / 27.–29. 1. und 17.–19. 2. am Krippenstein (OÖ) / 3.–5. 2. am Dachstein (St) / , 10.–12. 2. in Serfaus/Ischgl/Arlberg (T) / 24.–26. 2. in Obertauern/Zauchensee (S).
  • Weitere Infos:diebergstation.at
SAAC-Camps
  • Datum & Ort: 17.–18. 12. in Hochfügen (T) / 21.–22. 1., Füssener Jöchle Grän / 25.–26. 3. in Galtür (alle Tirol).
  • Weitere Infos:saac.at
Women's Winter Camp
  • Datum & Ort: 8.–11. 1. in Kirchberg/Tirol / 9.–12. 3. in St. Jakob/Osttirol
  • Weitere Infos: womenswintercamp.com
Women's Progression Days by Lorraine Huber

Stephan Skrobar, staatl. geprüfter Skilehrer und Alpinausbilder / Bild: Armin Walcher

Der Freeride-Experte

STEPHAN SKROBAR ist staatl. gepr. Skilehrer und Skiführer, Alpinausbilder, Skilehrerausbilder, Gründungsmitglied des Fischer-Freeski-Teams und Mitglied des Pieps-Freeride-Team-Managements. Gemeinsam mit Peter Perhab leitet er „Die Bergstation" – das Freeride & Alpin-Center in Ramsau am Dachstein (St). Er bietet Freeride Camps, Freeski Mountaineering, Skitouren & Alpenüberquerungen, Techniktraining und Lawinenschulungen an – in der Dachstein-­Tauern-Region und in ganz Österreich.

Web: diebergstation.at