E-Bikes für Kinder lassen die Kleinen mit den Großen locker mithalten. Was taugen die kleinen Elektro-Räder in der Praxis? Dazu haben wir die jüngste SPORTaktiv-Testcrew aller Zeiten gegründet. Ja, Kinderarbeit.

Christoph Heigl
Christoph Heigl

Ein giftgrüner Ferrari mit pinker Motorhaube kann nicht so viel Aufsehen erregen. Überall, wo das blitzblaue Rad auftauchte, gab es große Augen und viele Fragen. Tenor: Was? Kinder-E-Bikes gibt es auch schon? Nur einige wenige Hersteller haben Kinder-Modelle mit E-Antrieb im Programm, große Erfahrungswerte gibt es noch nicht. In der Theorie sollten Kinder damit mit den Großen mithalten können. Aber wie stark ist die Power? Wie ist das Handling? Kommen die Kids damit zurecht? Und vor allem: Lernen sie „normales“ Radfahren dann überhaupt noch?

Beim ersten Anblick des Haibike stand auch unserer Testcrew der Mund offen. Wow! Frech und aggressiv wie eine kleine Motocross-Maschine steht das Modell Hardfour 2.0 da. Mit dem tief hinuntergezogenen Rahmen, der Federgabel, Scheibenbremsen und den 24-Zoll-Laufrädern schaut es ein bisschen aus wie ein Transformer oder ein anderer Kinder-Superheld. „8+“ pickt als Altersempfehlung am Rahmen. Ups, nicht alle der fünf Burschen halten sich daran. Intuitiv tippen sie sofort am Display herum, Lichter leuchten, Begeisterung. Das E-Bike ist – wohl aus Sicherheitsgründen – etwas gedrosselt und nicht ganz so stark wie die Modelle für Erwachsene. Der Yamaha-Motor liefert zwar auch die übliche Nenndauerleistung von 250 Watt, aber das maximale Drehmoment wurde von 80 auf 60 Newtonmeter heruntergesetzt. Anders als bei den E-Bikes für Große (25 km/h), endet die Motorunterstützung der Kinder-Maschine schon bei 20 km/h. Eine lahme Ente? Von wegen! Die Kinder haben ja viel weniger Gewicht. Ein 28-kg-Bürscherl mit einem 250-Watt-Motor ist wie ein VW Polo mit einem Monstertruck-V12.

Der Frechdachs
Über einige Wochen haben unsere fünf Tester das Haibike über Straßen, durchs Gelände und über Waldwege gescheucht. Vorweg: Keiner wollte es gerne wieder zurückgeben. Menno! Wie ein Ritterschlag ist das E-Bike, denn die Kleinen steigen damit subito in die Riege der Großen auf. Selbst die niedrigste Unterstützungsstufe „Eco“ reicht, um bergauf Radfahrer auf „normalen“ Bikes zum Schwitzen zu bringen. Die weiteren Zündstufen „Standard“ und „High“, die man ganz einfach per Taster am Display ändern kann (und das haben die Kids schnell gecheckt), versetzen nebenherhetzende Eltern ins Renntempo mit Maximalpuls. „Na, geht nix mehr?“, fragt der kleine Frechdachs rüber und grinst bis über beide Ohren. Sorry, keine Luft zum Antworten. „Recht hast, häng den Papa ab!“, ruft ein Wanderer. Komisch, den E-Bikenden Kindern fliegen die Herzen zu. Nur ein paar Meter schafft man es, bergauf mit den Kindern mitzuhalten, über längere Distanzen könnte man den Speed der Kleinen im Powermodus nie und nimmer halten. Außer, die 20 km/h sind erreicht, was selbst bergauf flott passiert, im Flachen sowieso. Dann entkoppelt der Motor und man muss mit reiner Muskelkraft treten, was überraschenderweise auch ganz gut klappt. Das Bike ist also auch ein richtig gutes Fahrrad. Der Akku? Der hat wie bei den Großen 400 Wh und scheint aufgrund des geringen Gewichtes der Kinder ewig zu halten. Bei einem Drittel des Gewichtes geschätzt vermutlich drei Mal so lang wie bei einem Erwachsenen.

Muss das sein?
Nein, nicht alles war Eitel, Watt und Sonnenschein und klarerweise gab es auch kritische Stimmen und Zurufe. Müssen gesunde, starke Kinder jetzt auch schon elektrisch Radfahren? Wohin soll das führen? Nein, müssen sie natürlich nicht, werden sie in der breiten Masse wohl nicht, dazu sind auch die Anschaffungskosten derzeit noch nicht massenkompatibel (Testrad 1999 Euro). Die Gefahr, dass kommende Generationen in einer völligen E-Mobility-Welt nur noch mit E-Bikes radeln, altmodische Kinder-Drathesel aussterben und selbst Laufräder und Babyroller elektrisch funktionieren, kann kein Teufel an die Wand malen. Fakt ist, die Kinder bekommen mit dem E-Bike richtig Lust aufs Biken, haben eine Riesenhetz, rasen hundert Runden ums Haus, driften, springen und fahren sogar im Regen. Sie machen Ausflüge mit, bei denen sie sonst zu Hause bleiben würden. Die ganze Familie kann gemeinsam biken, selbst steile Strecken sind möglich. Und wetten, den Eltern geht vorher der Saft aus?

Schwerer Brummer
In der Praxis wurde bei unserer Burschenbande aber auch eines sofort schlagend: Das Bike ist sauschwer! 19,9 kg sind ein Hammer für einen, der selbst kaum mehr auf die Waage bringt. Wie würde ein Erwachsener mit einem 70- oder 80-kg-Rad hantieren? Wohl wie mit einem Moped. Und so hat auch unsere Testcrew beim Schieben, Halten, Umdrehen so manchen „Stern“ gerissen. Einmal kam der zarte Testpilot auf rutschigem Terrain unter dem Rad zu liegen, er wäre ohne Hilfe nicht mehr hochgekommen. Auch das Bremsen bergab war eine Challenge, das 20-kg-Bike schiebt ganz schön an. Unsere älteren Testpiloten hatten damit aber schon keine Probleme mehr.

Fazit: Zu guter Letzt mussten wir unserer SPORTaktiv-Testcrew das Rad fast entreißen und es unter Protest und Tränen wieder in den Lieferkarton packen. Die Kids verschmerzen es. Sie rasen längst wieder mit ihren normalen Kinderbikes durch die Pampa und träumen davon, Papa und Mama bald wieder einmal kräftig abzuhängen.

Haibike SDURO HardFour 2.0

  • Laufradgröße 24 Zoll
  • Alu-Rahmen mit 63-mm-Federgabel 
  • Yamaha-PW-Antrieb (limitiert auf 60 statt 80 Newtonmeter und nur bis 20 km/h)
  • Yamaha-Akku mit 400 Wh mit Yamaha-LED-Display (Motor und Akku haben 6,4 kg)
  • 9-Gang-Shimano-Schaltung, 160 mm-Scheibenbremsen, Schwalbe-Reifen

19,9 kg, UVP € 1999,–