Leder, Synthetik oder Mix aus beidem: Welches Material macht den perfekten Bergschuh aus?

Teresa Frank

Früher war es einfach: Wer in die Berge ging, trug Leder. Heute zeigt ein Blick ins Schuhregal, wie sehr sich der Bergsport verändert hat. Neben klassischen Lederschuhen stehen leichte Modelle aus Hightech-Fasern, vegane Alternativen und intelligente Materialmixe. Doch welches Obermaterial eignet sich wofür?

Lange Zeit galt Leder bei Wanderschuhen als alternativlos. Kein anderes Material vereinte Robustheit, Schutz und Langlebigkeit so gut. Und vieles davon gilt bis heute. „Leder ist nach wie vor die Referenz, wenn es um Langlebigkeit und ein natürliches Klima-Management geht“, sagt Hendrik Enders von LOWA. Christoph Hühnerbein von Hanwag sieht die großen Stärken des Naturmaterials in seiner besonderen Struktur: „Leder hat eine dreidimensionale Struktur, was sehr viele Vorteile birgt. Dadurch wird es langlebig, resistent, atmungsaktiv und kann sehr gut gepflegt werden.“ Die Möglichkeit, hochwertige Lederschuhe neu besohlen zu lassen, mache sie besonders nachhaltig. Dieser Aspekt ist für Hanwag wichtig: „Wir legen den Fokus auf die Kosten beziehungsweise den Umweltfußabdruck pro Kilometer“, wie Hühnerbein betont.

Moderne synthetische Materialien haben auch ihre Stärken: Sie nehmen kaum Feuchtigkeit auf, trocknen deshalb wesentlich schneller und ermöglichen leichtere Konstruktionen. „Synthetik punktet vor allem bei Gewicht und Komfort“, erklärt Enders. Gerade für leichte Wanderungen, sportliche Touren oder Reisen seien solche Modelle ideal. Hühnerbein ergänzt: „Synthetische Materialien sind deutlich pflegeleichter.“ Ihr größter Nachteil liege ­allerdings in der kürzeren Lebensdauer.

Die Frage nach dem besseren Material lässt sich deshalb nicht pauschal beantworten. Entscheidend ist der geplante Einsatz. Wer mit schwerem Rucksack mehrere Tage im alpinen Gelände unterwegs ist, profitiert von der Stabilität und Robustheit klassischer Lederschuhe. Für schnelle, leichte Tagestouren bieten synthetische Modelle Vorteile. „Es geht nicht um besser oder schlechter, sondern um das passende Material für den jeweiligen Einsatzzweck“, bringt es Enders auf den Punkt.

Es geht nicht um besser oder schlechter, sondern um das passende Material für den jeweiligen Einsatzzweck.

Das Beste aus zwei Welten
Dabei verschwimmen die Grenzen zunehmend. Reine Leder- oder Synthetikschuhe werden seltener, stattdessen setzen viele Hersteller auf intelligente Materialmixe. Leder und synthetische Verstärkungen kommen gezielt dort zum Einsatz, wo ihre jeweiligen Eigenschaften gefragt sind. Während stark beanspruchte Bereiche Stabilität und Schutz bieten, sorgen flexible Einsätze für mehr Bewegungsfreiheit und Atmungsaktivität. Für Enders ist das klassische „Entweder-oder-Denken“ deshalb überholt. Moderne Bergschuhe seien heute deutlich spezifischer auf ihren Einsatzzweck abgestimmt als noch vor einigen Jahren.

Parallel dazu beobachten beide Produktexperten einen klaren Trend hin zu leichteren und dynamischeren Modellen. Begriffe wie Speed Hiking oder Fastpacking stehen für eine Entwicklung, bei der möglichst wenig Gewicht mit möglichst viel Komfort kombiniert werden soll. Ermöglicht wird das unter anderem durch neue Sohlenkonstruktionen mit verbesserter Dämpfung, optimiertem Abrollverhalten und mehr Grip. „Leichter bedeutet aber zumeist auch einen Kompromiss hin zu geringerer Haltbarkeit und Produktlebensdauer“, betont Hühnerbein. Hanwag setze deshalb bewusst weiterhin auf langlebige Konstruktionen.

Und auch beim Thema Kunstleder und vegane Wanderschuhe tut sich viel. Für LOWA ist das längst kein Nischensegment mehr. Moderne textile und synthetische Materialien hätten sowohl optisch als auch funktional enorme Fortschritte gemacht. Dennoch gelte: „Für uns ist entscheidend, dass die Performance stimmt, nicht nur 
das Label ,vegan‘.“ 

Hanwag verfolgt einen ähnlichen Ansatz: Alternative Materialien würden laufend beobachtet und getestet. Bei klassischen Kunstledern sieht das Unternehmen derzeit allerdings noch ­Defizite bei den Performance-Eigenschaften.