Herzratenvariabilität 120, Ruhepuls 36, VO2max über 90 – das sind die Werte von Anton Palzer. Aber was steckt dahinter? Im Gespräch verrät der Ausnahmeathlet, wie Höchstleistung entsteht – und warum sie am Ende niemals das Wichtigste ist.
Toni, dein erster Berg?
Unser Hausberg in Ramsau – das Hirscheck am Toten Mann. Da geht die Sesselbahn rauf, rund 400 Höhenmeter. Nicht unbedingt der spektakulärste Gipfel, aber für mich hat hier vieles begonnen: das Skifahren und Skibergsteigen, im Sommer sind wir zu Fuß und mit dem Rad hoch.
Was siehst du heute beim Blick auf die Berge: Freiheit oder Anstrengung?
Beides. Da draußen ist mein Fitnessstudio. Ich bin seit 13 Jahren Profi, Sport ist mein Beruf und mein Alltag. Gleichzeitig genieße ich das Erlebnis, meine Perspektive zu wechseln und in die Weite zu schauen. Dieses Gefühl der Freiheit ist für mich sehr wertvoll.
Wie fühlt sich Anstrengung für dich an?
Zuerst sind es die Beine, die wehtun. Dann geht es tiefer hinein. Es zieht im Magen, es brennt, bis es ein richtiges Unwohlsein wird. Einerseits unangenehm, aber ich suche auch danach und trainiere genau das: nicht nur die pure Leistung, sondern den Umgang mit dem Zustand im roten Bereich. Man muss im Ausdauersport schon ein wenig Spaß daran haben, sich wehzutun. Wenn du diese Bereitschaft in dir spürst, dann kannst du weit kommen.
Müssen Sieger vor allem leiden?
Trainingsstrukturen sind jedenfalls kein Geheimnis mehr. Die besten Athleten der Welt veröffentlichen ihre Trainingspläne im Internet. Den Unterschied macht am Ende, wer tiefer gehen und sich am besten quälen kann.
Ist das angeboren?
Ich denke, es wächst über Jahre. Am Anfang steht meistens der Wunsch, erfolgreich zu sein. Man will gewinnen, vielleicht Profi werden. Dafür nimmt man viel in Kauf: Schmerz, Verzicht, weniger Party am Wochenende. Mit der Zeit lernt man seinen Körper kennen. Versteht, wie viel Belastung er verdauen kann, was man ihm zumuten darf. Meine fünf Jahre im Radsport haben mich da noch einmal auf ein anderes Level katapultiert.
Was war anders?
Fast alles. Im Radsport gibt es Kitchen Trucks, Ernährungsberater, Ärzte, Masseure – das komplette Paket. Du musst nur noch an deine Radlhose denken, und wenn du die vergisst, ist es auch egal. Du bereist die Welt und fährst Rennen, Rennen, Rennen. 2023 war ich 300 Tage nicht zu Hause. Es entstehen enge Verbindungen mit deinen Teamkollegen. Das ist schön. Aber das Business ist knallhart. Es geht um Sponsoren, um Geld und Siege. Ein zehnter Platz kann individuell groß sein, aber nichts wert für dein Team. Im Ziel reckt einer die Hände nach oben. Aber die wenigsten verstehen, was dahinter steckt.
Was meinst du?
Das Leistungsvermögen der besten Radfahrer ist kaum zu vermitteln. Nimm Alpe d’Huez bei der Tour de France in diesem Jahr: Die sind diesen Berg in 35 Minuten hochgefahren! 1100 Höhenmeter! Was das bedeutet, kann sich ein normaler Mensch gar nicht vorstellen.
Bist du froh, deinen Ausflug in den Radsport beendet zu haben?
Ich hab es geliebt! Nur die letzten eineinhalb Jahre waren schwierig: Herzbeutelentzündung, Infekte, Gehirnerschütterung. Ich war immer wieder fit, aber mein Körper hat die Belastung nicht mehr vertragen. Die Umfänge sind brutal. Wenn du mal 21 Tage bei einer Grand Tour unterwegs warst, kommen dir vier Tage Skirennen in den Alpen wie ein Kurzausflug vor. Ich war 32 und habe gespürt, dass ich wieder zurück in die Berge möchte, um dort meinen eigenen Weg zu gehen. Denn im Herzen war und bin ich Bergsportler.
Den Unterschied macht am Ende, wer tiefer gehen und sich am besten quälen kann.
Das IOC hat inzwischen bestätigt, Skibergsteigen bei den Olympischen Spielen 2030 auch in der Langdistanz auszutragen. Da willst du dabei sein. Was nimmst du aus dem Radsport mit?
Vor allem die Ernährung. Ich habe gelernt, dass du als Ausdauersportler eigentlich immer essen musst. Mit einem Kaloriendefizit brauchst du deinem Körper nicht kommen. Und an einem schweren Tag verbrennst du nun mal achttausend Kalorien …
Wie sieht das bei dir konkret aus?
Bei einer Grundlageneinheit nehme ich 60 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde zu mir. Bei intensiven Intervallen können es 120 Gramm oder mehr sein. Das muss man trainieren, sonst verträgt es der Magen nicht. Nach dem Training ein Gramm Kohlenhydrate pro Kilo Körpergewicht. In der ersten halben Stunde nach dem Training außerdem 20 Gramm Eiweiß. Und nachmittags, abends, nachts immer wieder Eiweiß für die Regeneration.
Es gibt inzwischen Apps für alles, ob Training oder Ernährung. Führt das dazu, dass manche Hobbyathleten die Sache zu akribisch angehen?
Ich bin als 18-Jähriger nach einer Fünf-Stunden-Einheit zu McDonald’s. Heute sitzen schon die Teenager mit der Küchenwaage am Tisch. Das mache ich auch. Aber ich verdiene mit dem Sport mein Geld. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was er tun möchte. Im Winter bei drei Grad im Regen Radl zu fahren, macht jedenfalls keinen Spaß. Das braucht mir keiner erzählen. Wir machen das, weil es unser Job ist.
Welche drei Regeln gibst du Hobbysportlern mit auf den Weg?
Erstens: viel und gut essen. In einen GT3 tankst du auch kein Normalbenzin. Wenig hochverarbeitete Lebensmittel. Ausreichend hydrieren. Und wer gerne Bier trinkt, besser das alkoholfreie wählen.
Zweitens?
Ehrlich die Gesamtbelastung betrachten. Wenn ich abends müde vom Job nach Hause komme, bringt es nichts, mich noch drei Stunden auf der Rolle zu quälen. Wer 40 Stunden in der Woche arbeitet, braucht nicht den Trainingsplan eines Profis abarbeiten. Lieber fünf Prozent weniger machen als fünf Prozent zu viel. Sonst kommt früher oder später die Rechnung …
Drittens?
Erholungstage einbauen. Und schlafen. Ich schlafe zehn Stunden am Tag und mache gerne ein Nickerchen nach dem Mittagessen.
Lieber fünf Prozent weniger machen als fünf Prozent zu viel. Sonst kommt früher oder später die Rechnung.
Um von neuen Projekten zu träumen?
Unbedingt! Nimm die Watzmann-Überschreitung: 28 Jahre lang habe ich jeden Morgen auf diesen Berg geschaut – dann bin ich los und in zwei Stunden und 47 Minuten drüber. Das trage ich bis heute tief in mir. Dass ich mich in solchen Projekten verwirklichen kann, ist ein Privileg, für das ich große Dankbarkeit empfinde.
Zuletzt bist du in unter fünf Stunden vom Münchner Marienplatz zur Zugspitze geradelt und auf den Gipfel gerannt. Wie kam es dazu?
Mit dem Auto steht man hier häufig im Stau. Also dachte ich mir: Wie schnell kannst du das aus eigener Kraft bewältigen? Das sind Projekte, mit denen die Leute was anfangen können. Eine Etappe bei der Baskenland-Rundfahrt zu gewinnen, wäre sportlich vielleicht größer. Aber die Dimension kann kaum jemand einschätzen.
Was bleibt für dich, wenn man den Sport von Resultaten und Wattzahlen befreit?
Die Freude an der Bewegung. Wenn ich spontan an den Gardasee radeln will, dann mache ich das, weil ich es möchte. Das ist für mich die ultimative Freiheit. Leistung und gesammelte Höhenmeter sind am Ende nicht das, worum es im
Leben geht.
Sondern?
Meine Eltern und meine Verlobte mögen mich nicht, weil ich Radrennen gefahren bin. Sie mögen mich, weil ich der Toni bin. Das ist alles, was wichtig ist.


















