Ein Downhill-Biker und ein Ski-Freerider setzen sich auf ihre Rennräder und fahren alles ab, was steil und legendenträchtig ist. Manuel Gruber und Tom Kalcher haben Postkutschen, Ferraris und Teufelsbrücken gesehen und eine Medaille bei einem Rennen gewonnen, bei dem sie gar nicht gestartet waren. 

Christoph Heigl
Christoph Heigl

Manuel Gruber ist eigentlich Downhill-Mountainbiker, mit einer Silbermedaille von der Europameisterschaft 2013 im Trophäenschrank. Tom Kalcher ist Gesellschafter einer Skischule am Niederalpl (St) und Freerider. Über ihre gemeinsame Ski-und Tourenleidenschaft haben sich die beiden Mürztaler kennengelernt und spontan ein Rennradprojekt auf die Beine gestellt: die schönsten Alpenpässe finden und befahren. „Ich bin als Downhiller immer schon Rennrad gefahren“, erzählt Gruber, „aber halt rein zu Trainingszwecken oder zum Sightsee­ing in den Wettkampforten.“ Kalcher ist ebenfalls Mountainbiker, Rennrad fährt er aber erst seit Herbst 2018, Pässe waren Neuland für ihn. „Nach dem ersten Mal aufs Niederalpl hatte ich drei Wochen Fieber“, scherzt er.

Rund 30 Alpenpässe in Österreich, Italien, Slowenien und der Schweiz sind die beiden im letzten Sommer abgefahren, manche von langer Hand geplant, andere ganz kurzfristig als Wochenendtrip. Elf Pässe innerhalb von fünf Tagen waren der Rekordwert des Abenteuers, das sich über zwei Monate erstreckte. Speziell trainiert haben die beiden Sportler nicht dafür, man muss aber erwähnen, dass vier-, fünfmal pro Woche Rad zu fahren für sie „normal“ ist. Den Großglockner haben sie als ersten Gradmesser gewählt, mit Nockalmstraße, Predil und Nassfeld hat sich Gruber Richtung Westen vorgetastet.
 

	Kultige Kurven:

Die Tipps
„Grundlagentraining ist natürlich wichtig“, sind sich die beiden bei den Tipps für Alpenpass-Neulinge einig. Speziell steile Steigungen zu trainieren, halten sie hingegen nicht für notwendig. „Es sind auch nicht alle bekannten Pässe automatisch steil, manche sind sehr angenehm zu fahren.“ Beim Radfahren hatten sie das Tagesgepäck „am Mann“ und am Rücken in den Trikottaschen, vor allem genug zu essen und – extrem wichtig – eine Radjacke für die Abfahrten. „Auch wenn es unten im Tal sommerlich heiß ist, bei den Abfahrten von 2000 Metern runter – vom Timmelsjoch etwa geht es 30 Kilometer nur bergab – brauchst du immer eine Jacke“, weiß Gruber und berichtet von unerwartet großer Kälte und gefrorenen Fingern im Hochsommer. „Dir ist heiß, kalt, du hast Hunger, man muss damit rechnen, dass es ungemütlich wird.“ Ende der Saison muss man auch schon mit Straßensperren wegen Schneefall und Wintereinbruch rechnen. Als Tipp für Einsteiger empfehlen die zwei Steirer übrigens die Sella Ronda in Südtirol und Trentino. „Das sind nur 53 Kilometer mit 1650 Höhenmetern um das ganze Sella-Massiv. Wunderschön und relativ flache Steigungen.“

Was ist der Reiz?
„Drei Stunden nur bergauf zu fahren, hat einen besonderen Reiz“, erklären sie. „Es ist ein Supergefühl, solche Bergetappen mit eigener Muskelkraft zu schaffen.“ Zehn Kilometer auf Pflastersteinen durch geschichtsträchtige Landschaften zu kurbeln, zählt genauso zu den unvergesslichen Erlebnissen wie der Sprung in einen Dorfbrunnen oder das Abkühlen in der Etsch mitten in Meran. Weniger gut ist das Gefühl der Müdigkeit und die beginnt bei der Anreise in fern von Autobahnen gelegene Alpentäler. „Wenn du neun Stunden im Auto nach Andermatt sitzt und am nächsten Tag frische Beine brauchst, ist das nicht zu unterschätzen“, warnt Gruber. Bei der Wahl des Rennrades gingen sie mit leichten Modellen des Trek Emonda SL 7 auf Nummer sicher. „Essenziell in den Bergen sind für mich Scheibenbremsen“, sagt Gruber, „bei den langen Abfahrten sparen sie Kraft und du kannst mit einem Finger bremsen.“ Bergübersetzungen hatten sie nicht montiert, dafür je zwei 750-ml-Trinkflaschen mit. „Es gibt sehr viele Brunnen, wo man sich mit frischem Wasser versorgen kann.“ In den Trikots steckten Riegel, Gels und Bananen. Defekte hatten sie kaum, ein Patschen und ein leerer Di2-Schaltungsakku („Anfängerfehler, selber schuld“) waren schon alles. Die Strecken fuhren sie mit möglichst wenigen Stopps durch, für Foto- und Drohnenaufnahmen kamen sie später mit dem Auto zurück.

Im Sommer ist viel los in den Bergen. „Motorräder, Oldtimer, Ferraris, 911er-Karawanen, mich hat das aber nie gestört“, sagt Gruber. Und natürlich fahren sehr, sehr viele Radfahrer die Pässe ab. „Alte, Junge, Hobbyfahrer, Vollprofis, sogar das Elite-Team von Jumbo-Visma haben wir beim Training gesehen. Und interessanterweise kaum E-Biker.“ Grubers Highlight: Er kam an einem Pass unerwartet in den Zieleinlauf eines Schweizer Alpenbrevets, eine sehr beliebte Jedermann-Radrennserie. „Ich hab gleich gesagt, dass ich kein Teilnehmer bin, habe aber eine Finisher-Urkunde und eine Goldmedaille um den Hals bekommen, irre!“ Besonders eingebrannt haben sich bei Gruber und Kalcher die Erinnerungen an drei „Legenden“ unter den Pässen,  Gotthard, Stelvio und Zoncolan.

Kultige Kurven

Gotthardpass
SUI, 2107 Meter hoch, zwischen Andermatt und Airolo
„Ich habe kurz davor zufällig im TV eine Doku über den Gotthardpass und seine Geschichte gesehen“, erzählt Gruber. Alles dann mit eigenen Augen zu erleben und zu begreifen, hat ihn nachhaltig begeistert. „Du siehst im TV diese wunderschöne alte Pferdepostkutsche, die mit Touristen fährt, und Tage später hörst du vor dir ihre Glocken läuten und die Pferdehufe auf den Pflastersteinen. Ich kannte den Hinweis: ‚Die Pferde immer bergseitig!‘ – also sind wir brav auf die andere Straßenseite ausgewichen.“ Auch die der Legende nach vom Teufel errichtete „Teufelsbrücke“ und den genialen Trick der Urner Bevölkerung mit der Ziege kannte Gruber. Der Teufel hatte nämlich der Sage nach als „Belohnung“ für seinen Brückenbau eingefordert, dass der Erste, der die Brücke überquert, ihm gehöre. Ein schlauer Bauer hatte die Idee: Man schickte eine Ziege. Da hat der Teufel ziemlich gewütet, seine Brücke wieder zerstört und er ist zornig wieder in die Hölle abgedampft. „Wenn man den Background kennt, sind die Pflastersteine, die Postkutsche und die Teufelsbrücke noch viel geilere Erlebnisse.“
 

Stelvio
Stilfserjoch, ITA, 2757 Meter hoch, zwischen Bormio und Prad
„Der Stelvio ist einfach ein Klassiker“, schwärmt Kalcher über die ikonische Serpentinen-Orgie, die bis auf 2757 Meter hinaufführt, der höchste Punkt ihrer Reise. „Ich habe beim Stelvio das große Leiden erwartet. Aber an diesem Tag hat meine Form gepasst, ich konnte es genießen.“

Zoncolan
ITA, 1750 Meter hoch, zwischen Ovaro und Sutrio, Option: die alte Ostauffahrt von Priola
„Das war mit Abstand der steilste Pass und eine irre Quälerei“, schnauft Kalcher beim Gedanken an den Berg, der selbst den Profis des Giro d’Italia schon mehrfach alles abverlangt hat. „Zu Beginn der Steigung stehen ein paar Grabsteine, du fühlst dich wie an der Pforte zur Hölle“, sagt Gruber. „Und dort steht der Schriftzug: Leave all your hopes behind. Da weißt du, was es geschlagen hat.“ Gleich der erste Kilometer hat es in sich und ist extrem steil. Kalcher: „Da glaubst, der Herrgott holt dich mit dem Lasso.“ Man müsse „sehr demütig“ hinfahren, sagt Gruber und seine Stimme klingt plötzlich wie die eines Priesters. „Wer den Zoncolan schafft, hat vor nichts mehr Angst.“ Mit einem Schnitt von 15,8 Prozent (max 23 Prozent) geht es über weite Strecken gen Gipfel. Kalcher erinnert sich genau, wie er oben schweißgebadet ankam. „Meine Radhose war wie aus der Waschmaschine. Ich habe getropft wie ein nasser Hund und war ganz grau im Gesicht.“ Der Zoncolan ist für ihn seitdem der Gradmesser. „Das Timmelsjoch und der Glockner sind Geschenke dagegen.“ 

Mit Gotthard, Stelvio und Zoncolan haben Gruber und Kalcher ihre Top-3 eindrucksvoll beschrieben. 
In ihren persönlichen Top-10 der schönsten Pässe bzw. Runden stehen auch noch: 

4.  Passo del Mortirolo (von Mazzo)
1852 m hoch, Auffahrt 1258 hm, 11,4 km, 11 %

5. Davos–Albulapass–Flüelapass-Davos
2450 hm, 114 km

6. Großglockner/Fuscher Törl
1595 hm, 27 km

7. Timmelsjoch (von St. Leonhard)
1800 hm, 28,8 km, 6,5 %

8. Kitzbüheler Horn
1239 hm, 10,2 km, 12,3 %

9. Mendelpass
950 hm, 15,5 km

10. Sella Ronda
1620 hm, 53 km (Einsteigertipp)

Als beendet sehen sie ihr Projekt noch keineswegs. „Noch lange nicht“, sind sie sich einig, „es gibt noch so viele Pässe zu fahren. Und den Zoncolan fahren wir ganz sicher auch noch von der anderen Seite.“

Alfred Brunner


Über Leidenschaften 

1. Alfred, auch du startest heuer mit dem Rennrad in die Alpen. Wie schaut dein Projekt im Sommer im Detail aus?
Anfang Juli geht es über die 10 großen Tour-de-­France-Alpenpässe, von Nord nach Süd. Bergklassiker wie Col du Galibier, Alpe d’Huez, Col d’Izoard, der Col de la Bonette und der höchste Alpenpass, der Col d’Iseran (2764 m), werden mit vier Freunden erklommen. Die heurige Tour ist die Fortsetzung unserer Fernfahrt Kärnten–Rom aus dem Jahr 2018. Da mein Bruder mit dem Begleitauto dabei ist, können wir uns aufs Radfahren konzentrieren.

2. Was reizt dich als Radfahrer besonders daran?
Mehrtägige Radtouren verlangen sportlich und ernährungsseitig alles ab. Abends ist der Hunger unendlich, da wird geschlemmt wie bei den alten Römern. Die bleibenden Eindrücke mit gleichgesinnten Sportfreunden sind unbezahlbar und legendär.

3. Gibt es eine spezielle ­Vorbereitung?
Die 12.000 Höhenmeter der Tour verlangen eine Vorbereitung mit vielen Bergen, um einen leichten Rhythmus bei meiner 34/32-Übersetzung zu verinnerlichen. Ansonsten steht bei allen der Spaß im Vordergrund. Am Berg fährt dann sowieso jeder sein eigenes Tempo, um jegliche Über- oder Unterforderung zu vermeiden.

4. Was war bislang das Schönste, was du am Rennrad erlebt hast?
Dafür braucht es mehr als diese Spalte. Ganz oben steht das Fitbleiben in der Natur. Konkret eröffnete mir das Radfahren das Ausleben meiner Leidenschaft, die mich 2005 über Umwege sogar zu SPORTaktiv brachte. Gemeinsame Ausfahrten mit Radhelden wie Mario Cipollini, Jan Ullrich, Peter Sagan oder das gemeinsame Entwickeln der mittlerweile schon legendären „Fuga300“ mit Paco Wrolich zählen klar zu meinen bisherigen Radhighlights.

Alfred Brunner ist Geschäftsführer von SPORTaktiv und leidenschaft­licher Rad- und Rennradfahrer.