Arbeitsbiene und Pferdelunge. Julian Baumgartliner ist Kapitän des Fußball-Nationalteams, Profi bei Leverkusen und gilt als fittester Fußballer Österreichs. Beim Salzburger steckt aber noch viel mehr dahinter. Gedanken über Leichtathletik, GPS-Westen und Yoga.

Christoph Heigl
Christoph Heigl

Kugelstoßen oder Leverkusen? Wovon hat der kleine Julian geträumt?
Am Anfang habe ich beides gleichzeitig gemacht, Leichtathletik und Fußball. Mit sechs Jahren habe ich beim USC Mattsee zum Kicken begonnen, und die Eltern haben mich und meine Schwester zusätzlich zwei, drei Mal in der Woche zur Union Salzburg zum Leichtathletik-Training gebracht. Ich war ein aktiver kleiner Bua und brauchte das wohl zum Auspowern (lacht). Ich hatte immer Spaß an der Bewegung, wir waren mit den Eltern viel am Mattsee, viel in den Bergen, ich bin mit drei Jahren schon Ski gefahren.

Du hältst immer noch den U14-Punkterekord im Vierkampf bei der Salzburger Indoor-Trophy. Was war deine stärkste Disziplin?
Ich war ein klassischer Mehrkämpfer und überall ganz gut, vielleicht im Weitsprung am besten. Ich hatte immer schon eine gute Sprungkraft und Schnelligkeit.

Hätte auch ein Leichtathletik-Profi aus dir werden können?
Das ist schwer zu sagen. Ich hätte es sicher versucht und war mit 10, 12 schon extrem ehrgeizig. Aber ehrlicherweise muss ich sagen, ich habe vor den richtig großen Wettkämpfen mit der Leichtathletik aufgehört und bin mit 13 Jahren als Fußballer zu 1860 nach München gegangen. Meine Leichtathletikerfahrungen habe ich dort bei der Sportmatura nutzen können: 6,20 m im Weitsprung, 11,6 sek über 100 Meter, 2:55 min über 1000 Meter und 1,74 m im Hochsprung. Kugel weiß ich nimmer. Damit war ich als 18-Jähriger schon relativ zufrieden.

Und diese Ausbildung und Fitness wurden zum Schlüssel für deine Fußballkarriere?
Diese Fitness ist auf jeden Fall die Basis. Aber ich interessiere mich auch jetzt noch für jedes Detail im Training und beschäftige mich mit allen Daten, die wir nach den Einheiten zur Verfügung gestellt bekommen, z. B. über unsere GPS-Westen. Das hat sich in den letzten Jahren extrem weiterentwickelt. Heute sind alle Fitness- und Spiel-Daten transparent und werden auch offiziell kommuniziert. Laufleistung, Sprints, Passgenauigkeit, Zweikampf-Rate, eine Heat-Map – ich finde das super. Wobei: Ich habe nichts davon, wenn ich die besten Werte im Spiel habe, aber drei Fehlpässe spiele, die zu Gegentoren führen. Das relativiert die reine Statistik.

Früher, von den 70ern bis in die 90er-Jahre, hatten Profifußballer nicht immer das beste Fitness-Image. Rauchen, Trinken, ein bissl Kicken. Hat sich das geändert?
Auch heute gibt es noch Geschichten, dass der eine oder andere ein kleines Wamperl hat (lacht), aber jetzt kommen die jungen Spieler aus den Akademien schon extrem professionell raus. Durch die Kontrolle der sozialen Medien kannst du dir Eskapaden gar nicht mehr erlauben.

Wegen deiner Laufarbeit kursieren über dich Kosenamen wie Arbeitsbiene, Kilometerfresser, Staubsauger und Pferdelunge. Stört dich das?
Nein, das ist ein Teil von mir. Aber natürlich beschreibt mich das nicht komplett als Sportler und Mensch, ich habe auch andere Qualitäten. Fitness ist ein Aspekt, aber genauso wichtig sind die Faktoren Technik, Taktik, Gruppenverhalten und Persönlichkeit. Ich zum Beispiel habe mich in Gruppen immer schon extrem wohl gefühlt. 

Wenn man so fit ist wie du, freut man sich dann auch auf hartes Training? Oder ist das immer eine Qual?
Das Training im Profigeschäft ist fordernd, man geht immer an seine Grenzen. Ich trainiere gerne und kann mich auch für hartes Training motivieren, weil ich weiß, wofür ich es mache. Aber im Urlaub bei 35 Grad 8 x 1000 Meter auf Zeit zu rennen, ist nicht immer lustig. Ich beschwere mich aber nicht, das ist Teil meines tollen Jobs. Entscheidend ist, nicht ins Übertraining zu kommen, damit man durch Superkompensation auf ein neues Level gelangt. Das ist im Mannschaftssport, in dem Spieler mit individuellen körperlichen Voraussetzungen zusammenkommen, gar nicht einfach.

Machst du privat Extra-Übungen oder reicht das Training beim Klub?
Wir werden im Klub individuell und professionell betreut. Ich bin sehr fit und in einem guten Rhythmus, ich brauche nichts Zusätzliches. Aber ich genieße den Luxus, dass meine Frau Yogalehrerin ist, da bekomme ich im Urlaub schon mal eine Extraeinheit ... (lacht)

Modethema Figur im Frühjahr: Hat auch ein Profifußballer Problemzonen?
Ich muss sagen, ich bin mit meinem Körper ganz zufrieden. Problemzonen habe ich nicht.

Du bist seit vielen Jahren Profi. Wie hat sich das Fitnesstraining in den letzten Jahren geändert?
Fitness war immer schon wichtig und ein großer Bestandteil. In den letzten Jahren sind Dynamik und Schnelligkeit noch einmal entscheidender geworden, da die taktischen Systeme noch fordernder sind. In der Praxis ist das so: Wo wir früher reines lineares Sprinttraining gemacht haben, wird jetzt mit dem Ball oder einer komplexen Torschussübung kombiniert. Einfach gesagt, es ist fußballspezifischer geworden.

Welche Rolle spielen neurologische Aspekte im Fußballtraining?
Bei uns aktuell keine große, aber ich habe gehört, dass in Leipzig viel in diesem Bereich gearbeitet wird. Da gibt es noch großes Potenzial für die nächsten Jahre, immerhin sind die Psyche oder der Umgang mit dem Druck im Fußball auch ein zentrales Thema geworden.

Du bist jetzt 30 und tauchst in die zweite Hälfte deiner Karriere ein. Welche Themen werden wichtig, wenn du bis 36 spielen willst?
Als junger Spieler achtest du nicht darauf, aber für mich ist jetzt wichtig, dass ich auf meine neun, zehn Stunden Schlaf komme. Je mehr Spiele man in den Beinen hat, umso wichtiger werden die Ruhephasen und die Regeneration. Prävention wird zentral, alte Verletzungen müssen gut verheilen oder gepflegt werden. Ich habe das während und nach meiner Verletzungspause (Anm.: Meniskus, Saison 13/14) erstmals richtig zu spüren bekommen. Schlaf und Ernährung kann man als Profi nicht hoch genug einschätzen.

Worauf achtest du bei der Ernährung?
Alles, was extrem ist, schadet. Deshalb bemühe ich mich, sehr ausgewogen und mit Maß zu essen. Früher habe ich vor einem Spiel drei Berge Nudeln hineingeschaufelt, aber heute ist das anders. Zum Beispiel habe ich festgestellt, dass es mir beim Vormittagstraining am besten geht, wenn ich einen leeren Magen habe. Andere wiederum brauchen in der Früh ihre Semmeln und Müsli. Mir ist bei der Ernährung wichtig zu wissen, woher die Dinge kommen. Ich esse weniger Fisch oder Fleisch und versuche, mehr pflanzliche als tierische Proteine zu mir zu nehmen. Beim Überangebot an den Hotelbüffets ist das eh nicht einfach …

Hast du Vorbilder, was Fitness betrifft?
Keine speziellen, aber ich versuche, von vielen zu lernen. Da der Fußball so viele Elemente vereint und weder ein reiner Ausdauer-, noch Kraft- oder ein Schnelligkeitssport ist, kann man sich in unterschiedlichen Bereichen inspirieren lassen. Natürlich fasziniert mich die Leichtathletik, aber ich liebe Sport generell, Sommer- wie Wintersport. 

Gibt es im Fußball Teams, die im Kollektiv fitter sind als andere?
Auf jeden Fall! Als ich bei Mainz spielte, hatte der Tracking-Boom den ersten Höhepunkt. Wir haben sehr viele Daten analysiert und Zusammenhänge zwischen dem Laufverhalten und den Spielergebnissen untersucht. Ziel war es, sich in diesem Bereich am Ligamaximum zu orientieren. Wir konnten damals mit dem sechsten Platz weit über den Erwartungen abschließen. Meistens, nicht immer, war es so, dass wir gewonnen haben, wenn wir bessere Laufdaten als der Gegner hatten. Heute ist es meiner Meinung nach Leipzig, das in puncto Intensität mit und ohne Ball immer am Maximum agiert. Es gewinnt nicht immer das Team, dessen Spieler am meisten laufen, aber meistens die Mannschaft, die als Einheit am besten läuft.

Die WM im Sommer läuft leider ohne Österreich. Wer wird Weltmeister?
Die beste Mischung aus einer alten und jungen Generation hat Deutschland. Sie werden schwer zu schlagen sein, wenn sie alle Spieler fit auf den Platz bekommen.

Julian Baumgartlinger
Julian Baumgartlinger