Jetzt haben wir es schriftlich: Wenn es ein wirksames Anti-Aging-Rezept gibt, dann ist es Sport! Denn wer rastet, der rostet. Und die Wissenschaft ­sagt uns jetzt auch, warum!

Linda Freutel

Die Sache mit dem Alter lässt uns keine Ruhe. Alt werden will jeder. Alt sein hingegen niemand. Wir fürchten uns vor Gebrechlichkeit und Krankheiten, ebenso wie vor eingebüßter Lebensfreude und Beweglichkeit. Was tun wir also? Richtig, wir leben gesund. Immer weniger Menschen rauchen. Dafür achten immer mehr auf einen gesunden Lebensstil, eine hochwertige Ernährung und einen möglichst stressreduzierten Alltag. „Und das ist genau richtig so", sagt Privatdozent Dr. med. Christian Werner von der Abteilung für Kardiologie, Angiologie und Internistischer Intensivmedizin am Universitätsklinikum des Saarlandes.

„Es ist aber längst nicht das Einzige und auch nicht das Beste, was man in Sachen Anti-Aging tun kann", ergänzt der Mediziner. Denn die Studien, die er und sein Forscherteam durchgeführt haben, haben etwas Interessantes ergeben. „Nämlich, dass eindeutige, positive Effekte im Sinne eines ‚Anti-Aging' nur dann nachzuweisen waren, wenn die Probanden körperliches Training durchgeführt haben." Sprich: Sport ist wohl tatsächlich nicht nur eine, sondern vielleicht sogar die wichtigste Lebensstilmaßnahme überhaupt, um unseren Körper jung zu halten. Und das klingt gut für uns. Sehr gut sogar. Aber, wenn wir ehrlich sind, auch irgendwie nicht so richtig greifbar.

WIE ALT SIND WIR WIRKLICH?
Denn was heißt denn „jung bleiben" überhaupt? Kann man sich vor dem Alter schützen? Die Zeit kann doch niemand anhalten. Auch nicht mit Sport. Dem pflichtet auch der Experte bei. Er ergänzt aber: „Um das Alter besser verstehen und definieren zu können, muss man zwischen dem kalendarischen und dem biologischen Alter differenzieren." Aus der Praxis kennt jeder diesen Unterschied, wirkt schließlich nicht jeder 70-Jährige „gleich" alt. Da gibt es die, die wir tatsächlich als alt empfinden. Und die, die fit wirken – eben wie Junge.

Abgesehen von unserer empfundenen Wahrnehmung gibt es aber auch aus medizinischer Sicht diverse Messgrößen zur Bestimmung des biologischen Alters, wie zum Beispiel die Bestimmung des „Gefäßalters" durch Messung der Gefäßsteifigkeit.

BIOLOGISCHE ZEITANZEIGER
„Noch genauer ist aber die Bestimmung von Alterungsvorgängen auf Ebene der kleinen Bausteine unserer Körper, nämlich der Zellen", sagt der Mediziner und ergänzt: „Wie alt unsere Zellen sind, kann durch Messung der sogenannten Telomerlänge geschätzt werden. Die Telomere sind genetische Kappen am Ende jedes unserer Chromosomen. Diese Schutzkappen dienen ähnlich der Plastikkappen am Ende von Schnürsenkeln als physikalischer Schutz."

Durch diverse (Stress-)Faktoren kommt es im Laufe des Lebens zu einer Verkürzung der Telomere. Dabei stellen Zellen mit deutlich verkürzten Telomeren irgendwann ihre Funktion ein und weisen deutliche „Alterserscheinungen" auf. Kurz gesagt: Je länger die Telomere sind, desto biologisch jünger ist man. Zwar drehen auch gut erhaltene, also lange Telomere die Zeit nicht zurück. „Sie sorgen aber immerhin dafür, dass man gesünder und auf eine gewisse Art auch jünger altert", sagt Dr. Werner.

SPORT: DAS EINZIG WAHRE MITTEL
Und der Mediziner gibt noch eine besonders interessante und wissenschaftlich bahnbrechende Info mit auf den Weg. Er und sein Forscherteam haben nämlich mit jüngsten Studien nachweisen können, was bisher schon lange vermutet, aber nie wirklich wissenschaftlich greifbar gemacht werden konnte. Nämlich die Tatsache, dass Sport einen messbaren, deutlich positiven Einfluss auf die Telomere und damit auf das biologische Alter hat. Und zwar so, wie sonst keine andere der bisher bekannten Anti-Aging-Strategien – z. B. Ernährung. „In dieser Studie sahen wir erstmals, wie effektiv Sport wirkt."

Und dieser Nachweis gelang nicht nur bei sogenannten „Master-Athleten", also solchen, die regelmäßig seit vielen Jahren intensives Ausdauertraining durchführten. „Auch bei eher unsportlichen Probanden aus der Normalbevölkerung, die im Alter von circa 50 Jahren mit einem sechsmonatigen Training begonnen haben, konnten wir deutliche Effekte auf die Telomerase feststellen", sagt der Experte.

Sport hält also alle jung. Vorausgesetzt, man macht ihn natürlich. Und das am besten regelmäßig. Denn auch das ist eine Feststellung mit wissenschaftlichem Hintergrund: „Regelmäßigkeit ist aus unserer wissenschaftlichen Erfahrung effektiver als ein ‚Weekend Warrior', der nur ab und zu Sport treibt", sagt der Experte und erklärt weiter: „Den „Jungbrunnen Sport" kann man sich nämlich vorstellen wie ein Konto. Jedes Mal wenn man eine Trainingseinheit durchführt, zahlt man auf das Konto ein. Aber nur, wenn man regelmäßig einzahlt, kommt auch etwas zusammen, so dass man auch hin und wieder etwas abgeben kann, beispielsweise durch einen weniger gesunden Lebensstil."

LIEBER WENIGER, DAFÜR ÖFTER
Sport als einzig wahres Mittel für ewige oder wenigstens längere Jugend: Das macht Mut. Und motiviert. Doch wer jetzt gleich dem Jugendwahn entgegensporteln will, fragt sich wahrscheinlich, wie genau er das tun soll? Welcher Sport ist eigentlich der beste, um dem Zahn der Zeit auf die Wurzel zu fühlen, Herr Doktor? „Ganz einfach", antwortet dieser: „Jeder Sport, der regelmäßig, moderat und mit Freude betrieben wird." Und was hier so locker und simpel klingt, darf tatsächlich wörtlich genommen werden. Auf die Regelmäßigkeit wurde bereits hingewiesen. Dr. Werner präzisiert: „Bei unseren Studien wurden Sporteinheiten von 45 Minuten in einem Pensum von drei Mal pro Woche absolviert und sie haben gute Erfolge gezeigt." Insofern könnte dieses Maß durchaus ein guter Richtwert sein.

Was Art und Ausmaß der sportlichen Betätigung angeht, kann der Mediziner ebenfalls mit klinischen Ergebnissen aufwarten. Danach habe nämlich sowohl moderater Ausdauer-, als auch moderater Kraftsport eine positive Auswirkung auf das biologische Alter. Das Kriterium der Mäßigkeit gilt es allerdings ein wenig genauer auszuführen. Denn, wer es mit dem Training übertreibt, sagt der Doktor, erreicht das Gegenteil. Zellulärer Stress, ein geschwächter Immunschutz, Entzündungserscheinungen, mangelnde Regenerationsfähigkeit wie auch die erhöhte Gefahr einer Verletzung sind die Folge eines übereifrigen Trainings – und zugleich die Feinde des biologischen Alters. Um das beste Pensum für sich herauszufinden, hört also jeder am besten auf seine körperliche Intuition.

Und zu guter Letzt ist da noch die Sache mit dem Spaß. Und die ist von Dr. Christian Werner vielleicht nicht klinisch bewiesen, dafür aber durchaus praktisch erprobt. Ebenso wie von Millionen anderen Sportler auch. Nämlich: Wenn Sport Spaß macht, ist es nicht nur Sport. Dann ist es eine Kraft, die in uns Lebensgeister und gute Laune weckt. Und zwar bis ins hohe Alter. So einfach ist das mit dem Jung-Bleiben also!

 

Dr. Christian Werner
Dr. Christian Werner

Der Mediziner am Universitätsklinikum des Saarlandes (D) erforscht den Zusammenhang zwischen Sport und dem ­Alterungsprozess.