Der Kern des Sports ist die Bewegung selbst. Doch die Digitalisierung des Trainings prägt den Freizeitsport mehr denn je. Gemeinsam mit Experten beleuchten wir das Phänomen „Wearables“.

Norbert Dürauer


Laut Intersport Sportreport sind 63 Prozent der Sport treibenden Österreicherinnen und Österreicher mit Pulsuhr, App und Co. motivierter, sich zu bewegen. Digitale Technik und Hilfsmittel gelten immer stärker als Motivations- und Inspirationsquellen, für Profis wie für Hobbysportler. Aber liegt der Reiz des Sports nicht gerade im Analogen, an der frischen Luft, im Naturerlebnis und im realen Miteinander? Die Antwort auf die Frage liegt wohl irgendwo in der Mitte.

„Wearables“ sind kurz erklärt kleine Computersysteme, die direkt am Körper getragen werden, in Echtzeit physikalische bzw. medizinische Parameter messen und synchronisieren und die Ergebnisse über Applikationen (Apps) bewerten. Daraus optimieren Anwender in der Folge ihre sportlichen Leistungen und Trainings und können ihren allgemeinen Gesundheitszustand überwachen.

So der Plan. Und auch die Erwartungshaltung. Statt Daten nur zu messen, geht es heute vor allem um deren konkreten Nutzen. „Messwerte allein gibt es schon sehr lange. Nutzer wollen heute eine verständliche Interpretation der Daten sowie konkrete Handlungsempfehlungen“, weiß Fabian Danner, Category Manager bei Garmin, über die Kundenbedürfnisse Bescheid und ergänzt: „Genau hier unterstützen Wearables. Sie erklären Zusammenhänge und leiten Interpretationen ab. Diese konkreten Vorschläge sind ein wesentlicher Motivationsfaktor.“ Filip Skrlec, Account & Marketing Manager bei Suunto, fügt hinzu: „Mithilfe von Wearables wird die eigene Leistung ‚greifbar‘. Sie helfen dabei, die persönliche Entwicklung zu verstehen. Eine verbesserte Leistung zeigt sich dann in messbaren Zahlen. Diese Sichtbarkeit motiviert, dranzubleiben, um das Ziel zu erreichen.“

Vorteile für Hobbyathleten
„Das Körpergefühl ist im Amateursport nicht so geschult wie bei Profis. Wearables können es aber schulen, geben Orientierung und schaffen Struktur. Dazu bewirken Ziele oder kleine Erfolge einen positiven mentalen Effekt“, sagt Anja Wolf, Marketing Director bei Polar, zu dieser Thematik.

Amateursportler begrüßen die vergleichsweise zeitsparende und kostengünstige Funktionalität von Wearables. Sie liefern im Nu detaillierte Einblicke und geben konkretes Feedback, wie man sich verbessern kann. Im Hintergrund unterstützt von künstlicher Intelligenz, wie Marvin Peters, Director Mobile bei Samsung, betont: „KI wird sich in diesem Bereich weiter etablieren und wie ein persönlicher Coach agieren.“

Nutzungsfokus Richtung Gesundheit
Alle vier Branchenvertreter wissen auch: Neben Sport und Medizin sind Wearables immer häufiger im Alltag im Einsatz – und nützlich: Die erfassten Körperdaten geben dank Smartphone-Apps zum Beispiel Aufschluss über die Schlafqualität, die momentane Leistungsfähigkeit oder können Infekte früh erkennen.

Das Thema Gesundheit nennen auch rund zwei Drittel im Intersport-Sportreport als größten Treiber der digitalen Transformation im Sport. Der ganzheitliche Ansatz, also dass Bewegung nicht als eigene oder zusätzliche Aufgabe empfunden wird, sondern in den Tagesablauf integriert wird, gewinnt stark an Bedeutung. Daten verdeutlichen hier, wie stark Alltag, (Arbeits-)Belastung und Bewegung zusammenhängen und so Schlaf und Erholung beeinflussen.

Unterstützen, nicht diktieren
Man bekommt leise den Eindruck, Wearables sind die berühmte Eier legende Wollmilchsau. Doch es soll vielmehr um die richtige Balance zwischen reinen (Mess-)Ergebnissen und subjektivem Empfinden gehen – betonen Experten und auch die Hersteller selbst. „Die Entscheidungsbefugnis meines Gefühls ist im Zweifel höher als die meiner Daten“, stellte Österreichs aktuell bester Langläufer Mika Vermeulen im SPORTaktiv-Interview in der letzten Ausgabe klar. Bei Polar sieht man das genauso: „Daten sollen unterstützen, nicht diktieren. Sie können Tagesform, Stress oder persönliche Lebensumstände nie vollständig abbilden. Wer nur nach Uhr trainiert und Warnsignale des Körpers ignoriert, nutzt Wearables falsch.“

Zusätzlich zur objektiven Datenbewertung und den daraus abgeleiteten Direktiven empfiehlt sich daher immer auch eine ehrliche Feedbackschleife über sich selbst und Reflexion über das digitale Feedback. Ist man heute tatsächlich voll ausgeruht und bereit, Gas zu geben, wenn es die Uhr vermeldet – oder fühlt man sich doch unausgeschlafen und wäre ein lockeres Training besser?

Vonseiten Samsungs legt man Nutzern daher auch nahe, Trends immer über Wochen zu betrachten, anstatt Einzelwerte zu überinterpretieren. Garmins Uhren fragen bewusst nach jedem Training auch nach einer Selbsteinschätzung.

Es gibt sie noch – die Menschen, die ganz ohne Utensil sportlich unterwegs sind. Nur für sich. Vorsicht ist spätestens dann geboten, wenn die Nutzung (zwanghaft) über das eigene Ich hinausgeht oder die soziale Komponente überhandnimmt. „If it’s not on Strava, it didn’t happen“, lautet ein mit Augenzwinkern, aber international fast anerkannter Spruch unter Sportlern. Gemeint ist das Berichten bzw. Posten seiner sportlichen Errungenschaften. Dies kann beflügeln und motivieren – aber auch Stress und ein Gefühl des „Müssens“ oder eine Sucht nach Likes und Anerkennung auslösen.

Für den Suunto-Experten ist klar: Generell und langfristig muss die Motivation für Bewegung und Sport stets aus dem eigenen Inneren kommen.

Wearables können das Körpergefühl schulen, geben Orientierung und schaffen Struktur.

Anja Wolf, Marketing Director bei Polar

Datensammlung rund um die Uhr
Legt man Wearables nicht ab oder schaltet einzelne Funktionen bewusst aus, sammeln sie tatsächlich ununterbrochen Daten. Sie werden übersichtlich in Apps angezeigt und liefern Nutzerinnen und Nutzern Einblicke in Training und Gesundheit. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Daten auch bei den Herstellern landen – einen Blick auf die jeweiligen AGBs zu werfen, wollen wir zumindest anregen.

Die Nachfrage nach Wearables wird jedenfalls weiter wachsen und die Entwicklung ist nicht am Ende:  Dem Prinzip der Salutogenese („Wie bleibe ich gesund?“) folgend, entwickeln sie sich von den einst reinen Trainingsinstrumenten zu immer vielseitigeren Werkzeugen und Plattformen, die mit anderen Angeboten kombiniert werden können – Stichwort „Longevity“. Neue Anwendungsbereiche in Prävention und Rehabilitation, für die Schlaf- und Gesundheitsforschung oder im Freizeit- und Unterhaltungsbereich eröffnen weitere Nutzungsszenarien und bedeuten neue Dimensionen in Sachen Coaching. Garmin, Polar, Samsung und Suunto stehen hier gemeinsam vor der Herausforderung, Funktionen verständlich, präzise und möglichst individuell weiterzuentwickeln.