Warum zieht es immer mehr Sportler zu läufen jenseits der Marathon­distanz mit teils weit über 100 Kilometern Länge? Wenn es einer erklären kann, dann Adharanand Finn: Der britische Journalist hat zwei Jahre lang recherchiert und selbst zahlreiche Rennen bestritten, um den „Aufstieg der Ultraläufer“ zu verstehen.

Christof Domenig
Christof Domenig

Oh, du läufst nur Marathon? Andere machen Ultras ...“ Wenn Laien von Distanzen statt Zeiten im Laufsport beeindruckt waren, hatte sich Adharanand Finn oft geärgert. Er lief Marathon unter 3 Stunden. Ultrarunning? War doch kein richtiges Laufen. Sondern „so, als würde man so lange aufs Laufen eindreschen, bis es fast tot ist“. Dann bekam er das Angebot, den Oman Desert Marathon zu testen und darüber zu schreiben, einen – angeblich – einfachen 6-Etappen-­Wüstenlauf. Schlecht vorbereitet und ausgerüstet quälte er sich über die 165 Kilometer Gesamtdistanz. Mit etwas Abstand ließ Finn diese Erfahrung dann nicht mehr los: Warum verzeichnet Ultrarunning weltweit so große Steigerungsraten? Was suchen und finden die Sportler hier? 2016 bis 2018 recherchierte der Brite, traf Stars und Sieger wie Kilian Jornet, Jim Walmsley, Zach Miller, Elisabet Barnes oder Camille Herron. Aber auch etliche Hobbyläufer. Er stellte sein Lauftraining um, probierte einen „Ultra“ nach dem anderen, ganz unterschiedlicher Natur: Von wenig bekannten Läufen knapp über 50 km Länge über den seit 1921 ausgetragenen Comrades Marathon(ca. 90 km) in Südafrika, einen 24-Stunden-Bahnlauf, bis hin zu den boomenden Ultra­trailruns in den Alpen wie den Lavaredo Ultratrail über 120 Kilometer/5800 hm in den Dolomiten. Mit dem Ziel, sich für den weltweit angesehensten Event, den Ultra Trail du Mont Blanc (UTMB) mit 160 km und mehr als 10.000 hm, zu qualifizieren. Im Buch „Der Aufstieg der Ultraläufer“ reist der Leser mit „an die Grenzen der menschlichen Ausdauer“, leidet und freut sich mit den Protagonisten und dem Autor in den „Selbsterfahrungs-Abschnitten“ mit. Auf fast 400 Seiten bis zum Finale, das sich kein Hollywood-Autor hätte besser ausdenken können. Das verraten wir natürlich nicht, sondern bitten den Autor zum Interview, fast so episch wie ein Ultra.

Ein wesentlicher Teil deines Buches handelt von deinen Begegnungen mit Weltklasseläufern. Wie einfach oder schwierig war es, tiefe Einblicke ins Innere der Top­athleten zu bekommen?
Ehrlich gesagt war es schwer. Es ist nicht leicht, das Gefühl des Ultralaufens in Worte zu fassen, das erfordert Tiefgang. Das klappt nicht per Telefon. Deshalb war es mir wichtig, wirklich viel Zeit mit Leuten wie Zach Miller und Elisabet Barnes zu verbringen. Damit sie selbst die Zeit und den Raum haben, sich mit mir wohlzufühlen, um über ihre Erfahrungen im Ultralaufen zu sprechen, nicht nur über ihr Training, ihre Ziele usw.

Gab es in den Gesprächen einen Moment, der dich besonders überrascht hat?
Trotz meiner Antwort vorhin fand ich das Allererste bemerkenswert, was Camille Herron zu mir sagte. Es war am Tag nach ihrem Sieg beim Comrades Marathon. Sie sah mir direkt in die Augen und sagte: „Sie müssen mich interviewen. Ich habe eine verrückte Geschichte.“ Das hat mir sehr gut gefallen. Es hat mich wirklich beeindruckt, wie extrem viele dieser Läufer irgendwie eine „verrückte“ Geschichten haben.
Stark fand ich auch, wie Kilian (Jornet, Anm.) mir erklärte, warum man Risiken im Leben eingehen muss. „Im Leben geht es darum, etwas zu riskieren, nicht darum, am Sofa zu sitzen. Wie jemandem zu sagen, dass du ihn liebst.“

Die Suche nach dem, was fehlt: Warum es immer mehr Läufer zu den Ultras zieht

Konntest du gemeinsame Charakter­eigenschaften bei den Klasse-Ultraläufern erkennen?
Es scheint zwei entgegengesetzte Typen zu geben. Entweder Menschen wie Camille Herron oder Jim Walmsley, die sehr intensive Persönlichkeiten haben, die im Leben gelitten haben und in gewisser Weise auch gerne leiden. Manchmal dachte ich, dass ich nicht genug Traumata erlitten habe, um ein guter Ultraläufer zu sein.
Dann gibt es den zweiten Typ: Leute, die sehr ruhig und emotional sehr stabil waren. Wie Elisabet Barnes und Damian Hall. Mir wurde klar, dass die Fähigkeit, sich nicht in guten und schlechten Gefühlen selbst zu verlieren, ein wichtiges Merkmal beim Ultralauf ist. Auch darin war ich nicht gut: Lief ein Rennen gut für mich, ließ ich mich schnell dazu hinreißen, mich wie ein Weltmeister zu fühlen. Lief es schlecht, war ich ein Wrack, weinte und weigerte mich, mich zu bewegen. Den großen Läufern gelingt es, unabhängig von ihrem Geisteszustand stets ruhig und emotional stabil zu bleiben.

Du hast auch viele Hobby-Ultraläufer getroffen. Wer war die beeindruckendste Persönlichkeit darunter?
Ich habe Kartik geliebt, einen Mitläufer beim 24-Stunden-Rennen in London. Als ich am Tiefpunkt war – nach rund 16 Stunden – und ich sicher war, dass ich unmöglich weitermachen konnte, sagte er zu mir: „Es wäre eine Schande, gerade dann aufzuhören, wenn es interessant wird.“ Eine Person, die zweifellos auch herausragt, ist Catra Corbet, die drogenabhängig war und wegen Drogenhandels verhaftet wurde, bevor sie zu laufen begann. Zunächst langsam, fünf Minuten auf dem Laufband. Heute ist sie Mitte 50 und sieht wie 25 aus. Sie läuft fast jeden Monat 100- oder 200-Meilen-Rennen und trägt dabei oft ihren Dackel mit, der aus dem Rucksack schaut!

Ultralaufen ist eine von wenigen Sportarten, bei denen Frauen gleich gute oder sogar bessere Leistungen erbringen als Männer. Unterscheidet sich die weibliche Perspektive in diesem Sport von der männlichen?
Ich habe neulich etwas Interessantes von der Langstreckenradfahrerin Emily Chappell gelesen, die so etwas sagte wie: „Männer machen Ultras, um die Schmerzen und Mühen zu erfahren, die ihnen im Alltag fehlen. Frauen machen Ultras für die Freiheit, die ihnen im Alltag fehlt.“ Natürlich ist es nicht so einfach, die Leute rennen aus den verschiedensten Gründen – aber diese Aussage hat mich schon überrascht.
Ich denke, Ultralaufen bringt eine Herausforderung wie auch ein Unbehagen mit sich, das real und lebensbejahend ist. Aber auch eine Freiheit: Zeit für sich, wild, eins mit den Elementen und seiner eigenen Natur sein. Jeder genießt und braucht diese beiden Dinge in gewissem Maße. Und vielleicht haben Männer wirklich ein stärkeres Bedürfnis nach dem Schmerzelement.
Warum Frauen Männer schlagen können, hat, glaube ich, einen anderen Grund: Ich denke, dass bei längeren Ultras der Geist entscheidet. Mentale Stärke ist nicht geschlechtsspezifisch. Frauen können sich außerdem in der Regel besser selbst einschätzen. Es ist im Ultra wichtig, sein Ego in den frühen Phasen eines Rennens in Zaum zu halten, Frauen scheinen darin besser zu sein.
 

Wir sind nicht dafür geschaffen, in einem Büro herumzusitzen, nach Hause zu fahren und auf dem Sofa ein Eis zu essen.

Adharanand Finn, Journalist und Autor

Ein wesentlicher Aspekt des Buches sind deine Rennerfahrungen. Hast du deinen Selbstversuch und damit das gesamte Buchprojekt dabei öfters in Frage gestellt? 
Ja, bei jedem einzelnen Rennen. Und jedes Mal, wenn mein Wecker um 4 Uhr früh geläutet hat und es draußen dunkel war und ich trainieren musste, habe ich mir gesagt: „Das ist dumm. Du rennst nicht mal gern. Geh wieder ins Bett.“ Ich dachte sogar in jedem Rennen, dass es gut für das Buch wäre, wenn ich mindestens ein Rennen abbrechen würde, damit ich darüber schreiben kann, wie sich das anfühlt. 
 
Eine wiederkehrende Schlüsselfrage ist, ob Schmerz nur eine mentale Sache ist. Welche Antwort hast du letztendlich gefunden?
Nun, es ist nicht „nur“ mental, aber der Schmerz, den man in einem Ultra erlebt, ist sicher nicht immer real. Ich habe erkannt, dass der Geist oft ein Gefühl von Schmerz, Müdigkeit und Unbehagen erzeugt, um dich zu verlangsamen, weil er versucht, dich zu schützen. Aber dieser Teil deines Geistes ist wie eine überfürsorgliche Mutter. Du beginnst zu erkennen, dass du oft viel mehr Kraft und Energie hast, als du geglaubt hast, und es war nur der Geist, der dir gesagt hat, dass du müde warst. Natürlich ist der Schmerz manchmal echt, aber man lernt den Unterschied zu erkennen.

Ultraläufer sagen manchmal, dass Außenstehende zu oft nur an Schmerzen denken, wenn sie an ­Ultras denken. Und andere wichtige Aspekte des Sports nicht ­sehen. Siehst auch du diese Gefahr?
Ja, möglicherweise. Ich meine, wenn es nur Schmerz, Schmerz, Schmerz wäre, würden wir es nicht tun. Und es ist kein schlimmer Schmerz. Nicht der einer Verletzung oder eines Unfalls, sondern ein Schmerz, der dadurch entsteht, dass du vollständig in deinem Körper bist und ihn vollständig ausnutzt. Abgesehen davon geht es in diesem Sport um Abenteuer, Wettbewerb, die Freude und Euphorie, die Morgendämmerung beim Überqueren eines abgelegenen Bergrückens oder beim nächtlichen alleinigen Laufen durch die Wüste. Ich hatte so viele wundervolle Erfahrungen, die ich für den Rest meines Lebens schätzen werde.

Ist der „Aufstieg der Ultraläufer“ charakteristisch für unsere Zeit?
Zum Teil ist es wohl eine Verlängerung des Marathon-Booms. Da immer mehr Menschen Marathons laufen, suchen einige nach einer neuen Herausforderung. Dann spielen soziale Medien sicher eine Rolle. Und ich denke, es spielt eine Rolle, dass immer mehr Menschen ein Leben führen, das von körperlicher Anstrengung und echten, rohen Abenteuern abgekoppelt ist. In unserem komfortablen, klimatisierten Leben sehnt sich ein Teil von uns nach einer elementareren, wilderen Erfahrung. Da wir nicht dafür geschaffen sind, im Büro herumzusitzen, dann nach Hause zu fahren und am Sofas ein Eis zu essen, könnten wir in unserem Körper und Geist manchmal das Gefühl haben, dass etwas fehlt. Das ist heute in der westlichen Welt wahrscheinlich ausgeprägter als jemals zuvor.

Zum Schluss: Was macht der Ultraläufer Adharanand Finn seit dem Ultra Trail du Mont Blanc 2018, mit dem deine „Reise“ im Buch endete?
Seit dem UTMB 2018 bin ich nicht mehr viel gelaufen. Ich habe ein paar kleine Verletzungen gehabt und zu viel Gewicht zugenommen. Aber ich bin jetzt wieder im Training und habe einen 55-km-Ultra für März geplant – das „Gaoligong by UTMB“-Rennen in China. Ich freue mich wirklich darauf!

Die Suche nach dem, was fehlt: Warum es immer mehr Läufer zu den Ultras zieht
Adharanand Finn
Die Suche nach dem, was fehlt: Warum es immer mehr Läufer zu den Ultras zieht

ist 1973 in London geboren, freier Journalist und Autor, u. a. für 
„The Guardian“, „The Independent“ und „Runner‘s World“.
 

 

 

 

 

 

Der Aufstieg der ­Ultraläufer. Eine Reise an die Grenzen der mensch­lichen Ausdauer.“ 
Egoth 2019, € 24,90
www.egoth.at