Spätestens seit Anna Kiesenhofers Olympiasieg 2021 in Tokio ist auch in Österreich klar: Rennradfahren ist kein reiner Männersport. Die Gruppe der Rennrad- und Gravel-Fahrerinnen wächst rasant. Warum immer mehr Frauen aufs Rad steigen.
Rennradfahren ist viel mehr als Sport. Es ist Freiheit, Entdeckung und das bewusste Erleben einer Landschaft – und oft von sich selbst. Morgens starten und ein paar Stunden später mit mehr oder weniger müden Beinen wieder zu Hause ankommen. Dazwischen viel sehen und noch mehr spüren. Lange war dieses Bild stark männlich geprägt. Doch dieser Eindruck hat sich in den letzten Jahren sichtbar verschoben. Immer mehr Frauen steigen auf Rennrad und Gravelbike um – allein, in kleinen Gruppen, mit Freundinnen oder gemeinsam mit ihrem Partner. Der Wandel ist nicht nur im Straßenbild erkennbar, sondern wirkt sich auch in der Bikebranche aus.
Warum eigentlich?
Die Zunahme von Rennradfahrerinnen ist kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken. Frauen im Radsport sind heute präsenter – im Straßenbild, in sozialen Medien und zunehmend auch im organisierten Radsport. Vorbilder entstehen heute nicht mehr nur im Spitzensport, sondern auch in lokalen Communitys und digitalen Netzwerken.
„Rennradfahrerinnen zählen zu unserer stärksten Zielgruppe, mit konstant hoher Nachfrage. Und wir haben immer mehr interessierte Frauen, die gezielt nach Grouprides, Workshops oder Einsteigerformaten fragen“, sagt Judith Schäfer von der frauenspezifischen Fahrradmarke Liv. „Der Sport ist in den letzten Jahren insgesamt inklusiver geworden. Eigene Frauen Communities helfen dabei, Einstiegshürden abzubauen, weil sie einen niedrigschwelligen und oft weniger leistungsgetriebenen Zugang ermöglichen. Dazu kommt, dass es inzwischen deutlich mehr Angebote für Frauen gibt – von Bekleidung über Events bis hin zu Rennen“, so Schäfer.
Auch aus der Vereinspraxis wird diese Entwicklung deutlich. „Es gibt mehr Fahrerinnen, mehr Frauen-Teams und deutlich mehr Sichtbarkeit als noch vor wenigen Jahren“, beobachtet Anna Briefer, Mitgründerin und Riderin vom VICC Wien, „gleichzeitig entstehen neue Zugänge über Disziplinen wie Gravel, Ultracycling und Bikepacking, die zusätzliche Einstiegsmöglichkeiten schaffen.“ Ihre Teamkollegin Melanie Brunhofer erinnert sich: „Als ich 2018 begonnen habe, waren Frauen auf dem Rennrad noch eine Seltenheit – heute sind sie aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Eine Entwicklung, die sich besonders seit der Covid-19-Pandemie stark beschleunigt hat."
Es gibt inzwischen deutlich mehr Angebote für Frauen im Radsport – von Bekleidung über Events bis hin zu Rennen.
Der Einstieg – übers Gravelbike
Ein zentraler Treiber dieses Booms ist das Gravelbike. Es hat den Einstieg in den Radsport verändert – technisch, vor allem aber kulturell. Nicht nur, aber auch für Frauen. Gravel wird oft als weniger reglementiert, entspannter und weniger leistungsorientiert wahrgenommen, sagt Judith Schäfer.
Viele – Männer wie Frauen – haben in den letzten Jahren mit Gravel begonnen. Es ermöglicht Wahlfreiheit beim Untergrund, ohne technisch zu stark zu fordern, der Druck wird als geringer erlebt. Gleichzeitig ermöglicht die Geometrie des Gravelbikes eine sanfte Gewöhnung an die Dropbar-Position – also die typische Rennlenker-Haltung – ohne gleich radikal gestreckt zu sein.
Auffällig ist ein Muster, das sich immer wieder zeigt: Wer über das Gravelbike in die Dropbar-Welt einsteigt, erweitert später oft das Setup. Zunächst wird das Gravel intensiv genutzt – häufig sogar überwiegend auf Asphalt, etwa auf kleinen Nebenstraßen. Nach einiger Zeit folgt der nächste Schritt: Ein schnelleres, effizienteres Rennrad kommt zusätzlich dazu.
Dass dieser Zugang auch im Mindset der Fahrerinnen spürbar ist, bestätigt die Rennrad- und Gravel-Racerin Jana Gigele im Interview in dieser Ausgabe – besonders mit Blick auf wachsendes Selbstvertrauen und einen entspannteren Umgang mit Leistungsdruck.
Frauen fahren aus denselben Gründen Rad wie Männer: Gesundheit, Natur und Freude am Sport.
Sidestep zum Leistungssport
Der leistungsorientierte Frauenradsport spielt in dieser Entwicklung eine wichtige Rolle – allerdings eher als Verstärker denn als Ursprung. Internationale Rennen, WorldTour-Teams und Klassiker haben eigene Frauenformate etabliert und erhöhen die Sichtbarkeit deutlich. Auch national hat sich eine strukturierte Rennszene entwickelt, die den Frauenradsport stärker im öffentlichen Bewusstsein verankert. Sie treibt die Entwicklung ebenfalls an, erklärt aber nicht allein das starke Wachstum im Breitenradsport. In Österreich hatte der Olympiasieg von Anna Kiesenhofer in Tokio 2021 besondere Strahlkraft – gleichzeitig bleibt dieser Effekt ein Impuls unter vielen. Der Anstieg von Rennrad- und Gravel-Fahrerinnen ist kein lokales Phänomen, sondern Teil einer internationalen Entwicklung.
Einigkeit herrscht unter den Befragten aber auch in einem Punkt: Gleichstellung – bei Chancen, Möglichkeiten und (medialer) Sichtbarkeit im leistungsorientierten Radsport – ist noch lange nicht erreicht. Viktoria Walcher vom RCGG Racing Team Graz betont den Wunsch nach respektvollem Umgang und gleicher Wertschätzung wie gegenüber Männern.
Eigenes Frauenrad?
Braucht es spezielle Frauenräder – oder reicht ein gut angepasstes Setup? Die Antworten darauf sind differenziert. „Ich bin der Meinung, dass die Anpassung des Rads der entscheidende Faktor ist“, sagt Viktoria Walcher. Wichtiger als ein eigenes „Frauenrad“ seien passende Komponenten wie Sattel, Lenkerbreite, Vorbau oder Kurbellänge.
Für Judith Schäfer von Liv bleibt die Geometrie der zentrale Hebel. Viele Frauen säßen auf klassischen Unisex-Rädern zu gestreckt. „Das hat direkten Einfluss auf Komfort, Effizienz und Fahrgefühl“, sagt sie. Deshalb würden Liv-Rahmen von Grund auf für Frauen entwickelt und gemeinsam mit Athletinnen weiter optimiert – ergänzt durch angepasste Kontaktpunkte und kürzere Kurbellängen.
Verändertes Sportverständnis
„Frauen fahren nicht Rad, um Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern aus denselben Gründen wie Männer: Gesundheit, Natur, Freude an der Bewegung oder auch sportliche Ziele“, ist Viktoria Walcher überzeugt.
Verändert haben sich vor allem die Rahmenbedingungen: Der Einstieg ist einfacher geworden, Communitys sind sichtbarer und neue Formate wie Gravel oder offene Gruppenfahrten senken die Einstiegshürden. Wahrnehmung und soziale Strukturen haben den Zugang verbreitert – nicht die Motivation selbst verändert. Das Ergebnis ist ein Sport, der offener geworden ist: weniger exklusiv, stärker vernetzt und vielfältiger in seinen Formen.
Frauen sind darin heute selbstverständlicher Teil der Bewegung. VICC Wien-Riderin Melanie Brunhofer sagt: „Die wachsende Sichtbarkeit von Frauen im Radsport ist unglaublich wichtig, weil sie andere Frauen motiviert, selbst aufs Rad zu steigen und Teil dieser Community zu werden."















