Klettersteige eröffnen viele neue ­Perspektiven in den Bergen, sollten jedoch nur mit großem Verantwortungsbewusstsein in Angriff genommen werden. Dann kann der Erlebnisfaktor ebenso groß sein.

Christof Domenig
Christof Domenig


Alex Huber kennt man als Freerider. In seiner Kärntner Heimat Nassfeld bietet er mit seiner Sportschule im Sommer unter anderem geführte Klettersteigtouren an – Freeriden und Klettersteiggehen findet er in mancherlei Hinsicht vergleichbar: „Durch die breiteren Ski und die dadurch leichtere Technik ist Freeriden für die Masse zugänglich geworden. Klettersteige ermöglichen es ebenfalls einer breiteren Gruppe von Sportlern, sich in einem Gelände zu bewegen, das sonst nur einer sehr kleinen Gruppe zugänglich wäre.“ Michael Gabl von „Climbers Paradise“ beschreibt den Reiz des Klettersteiggehens so: „Es ist einerseits der Übergang zwischen Bergwandern und Klettern. Auf der anderen Seite kann es für begeisterte Sportkletterer auch einmal ein Erlebnis sein, einen rassigen Steig zu gehen, der anspruchsvoll ist: Das Erlebnis, einmal 100 Meter Luft unterm Hintern zu haben, hat der Sportkletterer ja sonst nicht.“

Klettersteiggehen ist auch als Aktivität im Urlaub gefragt, weiß Huber. „Wir haben vor Ort einen Hochseilgarten, der immer gut besucht ist; aber danach wollen die Leute mehr: mehr Höhe, mehr Action, mehr Herausforderung. Das sind meistens die Gäste, die dann auch auf einen Klettersteig gehen.“

Noch eine Parallele zum Freeriden: Es ist am Klettersteig essenziell zu wissen, was man tut. Mit einem Klettersteigkurs in die Sportart einzusteigen, empfehlen Gabl wie Huber ausdrücklich. „Vor allem beim ersten Mal die richtige Technik zu lernen, sich einer geführten Tour anzuschließen oder einen Privatguide zu nehmen, ist absolut zielführend. Auch die Ausrüstung wird dabei kontrolliert. Das ein- oder zwei Mal zu machen, würde ich allen empfehlen, die vorhaben, öfters auf Klettersteigen zu gehen. In Sachen Sicherheit ist ein Kurs ein riesiger Sprung nach vorne“, sagt Alex Huber.

Was sind Basics, die etwa in einem Kurs von Huber und Team vermittelt werden? Einmal das richtige Material und das beginnt schon mit der Schuhwahl. Es geht weiter mit der richtigen Tourenplanung, etwa den Zu- und Abstieg einzuschätzen und darüber Bescheid zu wissen, was im Rucksack mit muss. Einen Klettergurt richtig anzuziehen, in der passenden Festigkeit zu verschließen, das Klettersteigset korrekt anzulegen: All das ist nicht selbsterklärend.

Unterwegs am Seil: Wie hänge ich die Karabiner richtig ein, wie an den Verankerungspunkten richtig um? Die eiserne Regel: Einer der beiden Fangarme des Klettersteigsets muss immer eingehängt sein! Schlampiges Umhängen gehört zu den großen Sicherheitsproblematiken auf Klettersteigen, weiß auch Michael Gabl zu berichten. Wichtig sind auch Abstände. Huber mahnt: „Wird der Abstand nicht eingehalten und es passiert ein Sturz, ist das lebensgefährlich.“ Im senkrechten Gelände sind zwei Segmente Abstand zu halten, um sicher zu sein, falls der Vorausgehende stürzt. Insgesamt sind es viele, viele kleine Tipps, die man in Kursen erhält, „die aber einen großen Unterschied machen“, so Huber.

Stürzen verboten
Trotz des Klettersteigsets, das Totalabstürze verhindert, sollte Klettersteiggehen immer als sturzfreie Aktivität angesehen werden, so der Kärntner weiter, „jeder Sturz geht mit Verletzungen einher. Es gilt immer so zu gehen, dass man Stürze zu 100 Prozent vermeidet. Die meisten Unfälle passieren, wenn man beim Ein- oder Umhängen oder auch während des Steigens abrutscht – typische Verletzungen sich Abschürfungen, Prellungen oder Brüche.“

In Klettersteigen gilt es daher, immer „mit Reserven“ unterwegs zu sein, nie das Gefühl zu haben, physisch oder psychisch ans Limit zu kommen. Zum „Auspowern“ sind sie definitiv das falsche Gelände. Einer ökonomischen Steigtechnik (möglichst aus den Beinen steigen, mit den Armen möglichst wenig ziehen, Arme eher gestreckt), gleichmäßigem Steigen, aber auch taktischem Rasten vor Schlüsselstellen kommt große Bedeutung zu. Klettersteigsets sollten daher mit einer zusätzlichen kurzen Rastschlinge ausgestattet werden können, so ein Ratschlag Hubers.

Über allem stehen Tourenplanung, passende Tourenauswahl und eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Gabl: „Berg­rettungseinsätze resultieren oft daraus, dass die Schwierigkeit unterschätzt wurde.“ Ein häufiger Fehler sei auch, dass bei einfachen Passagen aufs Sichern verzichtet wird. Zur Tourenplanung gehört auch die Wetterprognose: Am Klettersteig in ein Gewitter zu geraten, ist höchst gefährlich, die Steige wirken wie Blitzableiter. Oft unterschätzt werde aber auch der sommerliche Anspruch in südseitigen Wänden, so der Tiroler Bergführer – es gilt, genügend Flüssigkeit dabei zu haben und regelmäßig zu trinken, „selbst dann ist es brutal anstrengend“, mahnt Gabl.

Einzuschätzen, ob eine Tour für einen passt, lernt man eigentlich nur auf eine Art und Weise: Indem man mit einfachen Aufgaben beginnt, sowohl von den Höhenmetern als auch Schwierigkeitsgraden her, und sich langsam und stetig an schwierigere Aufgaben herantastet.

Die letzte Kuppe, das letzte Mal ein- und umhängen, der Rundumblick von oben – das Spüren des Freiheitsgefühls.

Alex Huber

Alpine Klettersteige
Noch mehr gilt das Gesagte in alpinen Klettersteigen: Im Gegensatz zu talnahen Sportklettersteigen warten die alpinen Klettersteige, die in der Regel zu einem Gipfelziel führen, oft zusätzlich mit langen Zu- und Abstiegen auf, die in die Tourenplanung unbedingt mit einfließen müssen. Alpine Klettersteige sind eindeutig etwas für Fortgeschrittene, zum Einsteigen soll man sich an talnahe Anlagen halten, so der Rat unserer Experten.

Martin Šolar, Bergführer in den slowenischen Julischen Alpen, weist auf einige Besonderheiten von Klettersteigen in seiner Heimat hin: „Alpine Klettersteige in Slowenien sind zunächst als eine Art sehr schwierige Bergwege zu verstehen, bei denen nur Teile des Weges gesichert sind, wie man es von Klettersteigen kennt. Sie führen Bergsteiger auf Wegen zu Gipfeln, die durch Felswände oder über exponierte Grate führen.“ Šolar weiter: „Wichtig ist eben zu beachten, dass der Weg nicht ständig mit Drahtseil gesichert ist, sondern nur dort, wo es nötig ist.“ Der Rest ist teilweise recht ausgesetzt und meist nicht einfach, ist aber frei zu gehen. „Die alpinen Klettersteigtouren in Slowenien sind daher für sehr erfahrene und gut ausgerüstete Bergsteiger geeignet und attraktiv. Aber mit modernen Klettersteigen haben sie wenig zu tun.“

Dass die alpinen Klettersteige insgesamt ebenfalls ihre Reize haben, versteht sich von selbst – auf jeden Fall sollte man diese Touren genauso sorgfältig planen wie eine Hochtour (so Michael Gabl) und über das entsprechende Wissen und Können verfügen. Nicht vergessen darf man auch, dass bei Zu- und Abstieg Orientierungsvermögen gefragt ist und dass eben nach dem Gipfel oft noch ein schwieriger, langer Abstieg wartet, für den die Reserven noch reichen müssen. Auch Höhenangst ist ein verschärftes Thema, so Alex Huber, denn „es ist ein Unterschied, ob ich im Talbereich 20 Meter über dem Boden bin oder Hunderte Meter Luft unter mir habe“, so Alex Huber.

Wer aber über Können, Wissen sowie den passenden körperlichen Zustand verfügt, kann hier auch Einzigartiges erleben – Huber schwärmt: „Die letzte Kuppe, das letzte Mal ­­ein- und umhängen, die Landschaft öffnet sich. Du hast einen Super-­Rundumblick, spürst das Freiheitsgefühl. Das ist die größte Belohnung für jeden Bergsportler.“ 

Klettersteig-Sicherheit

Für Einsteiger:

  • Kursbesuch! Ohne professionelle Einführung durch einen Profi sollte man sich nicht auf einen Klettersteig wagen
  • Klettererfahrung, etwa in der Halle, ist von Vorteil, aber kein Muss
  • Gute Grundkondition, Beweglichkeit, Bein- und Armkraft 
  • Trittsicherheit & Schwindelfreiheit
  • Sich zu fordern ist gut, sich oder Klettersteigpartner zu überfordern, jedoch nicht. Mental wie physisch sollten stets Reserven vorhanden sein.

Ausrüstungs-Basics:

  • Klettergurt (Hüftgurt)
  • Klettersteigset 
  • Rastschlinge (Bandschlinge & intuitiv gut bedienbarer Karabiner)
  • Kletterhelm
  • Klettersteig-Handschuhe
  • Rucksack ohne abstehende, ­herunterhängende Teile
  • Fels- und klettertaugliche, nicht zu weiche Schuhe, etwa „Zustiegschuhe“

Immer am Berg dabei:

  • Erste-Hilfe-Set
  • Rettungsdecke
  • Biwaksack
  • Voll geladenes Smartphone
  • Stirnlampe
  • Isolations- und Regenjacke
  • Kartenmaterial

Für Fortgeschrittene:

  • Saisonstart mit leichteren, nicht sehr langen Klettersteig-Touren
  • Tritte sowie Ein- & Umhängtechnik bewusst und exakt ausführen
  • Die Höhe wieder bewusst spüren
  • Auf- und absteigen im Klettersteig üben
  • Behutsam steigern und sich erst allmählich wieder ans Leistungsmaximum der Vorjahre heranwagen
Michael Gabl

ist Bergführer und technischer Leiter von Climbers Paradise in Tirol.

Web: www.climbers-paradise.com

Alex Huber

betreibt die Sportschule Alpeadria Sports am Nassfeld (Kärnten), bietet dort geführte Klettersteigtouren an.

Web:
www.nassfeld.at
alpeadria-sports.com

 

Martin Šolar

ist Bergführer, berät die Tourismusregion Julische Alpen in Sachen Outdoor­aktivitäten.

Web: www.julian-alps.com