Rausgehen und loslassen. Mit seinem Buch „Microadventures" landete der Brite Alastair Humphreys vor wenigen Jahren einen Bestseller. Wie so ein „Kleinst-Abenteuer" aussehen kann, und warum man für eine derartige „Expedition" nicht viel mehr als die notwendige Motivation mitbringen muss, hat unser SPORTaktiv-Redakteur herausgefunden.

Von Christoph Lamprecht


Abstand gewinnen vom Stress der Arbeitswelt, quasi Detox vom Alltag. Das Motiv, wieso es aktuell immer mehr Menschen in ihrer Freizeit nach draußen zieht, ist meist dasselbe. Bei der Art und Weise, wie „Outdoor" praktiziert wird, tun sich jedoch gravierende Unterschiede auf. Denn während für die einen eine Weitwanderung gar nicht weit weg genug führen kann, suchen andere das Besondere im Banalen, und erleben gleichsam Abenteuer direkt vor der eigenen Haustüre.

Nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung ist der britische Autor und Abenteuer-Blogger Alastair Humphreys, der mit seinem 2014 erschienenen Ratgeber „Microadventures" einen Bestseller landete. Darin propagiert der heute Anfang-Vierzig-Jährige die Idee, dass nahezu überall kleine Abenteuer erlebt werden können. Wichtigstes Mantra dabei: Wenn die Mentalität stimmt, ist der physische Abstand zu den Dingen des Alltags unbedeutend.

ABENTEUER IST, WAS DU D'RAUS MACHST
Um „Mikroabenteurer" zu werden braucht es also vor allem zweierlei: Begeisterungsfähigkeit sowie eine Prise Kreativität bei der Planung. Denn allzu große Komplexität oder ein enormer budgetärer Aufwand passen eben nicht in Humphreys' Konzept. Essentiell ist dabei hingegen, einen wachsamen Blick für potenzielle Mikro-Unternehmungen zu entwickeln.

Ist dies der Fall, und die entsprechende Motivation vorhanden, steht dem Einstieg ins „Abenteurer-Leben" nichts mehr im Weg. „Pack nach Feierabend deine Sachen, schwing dich aufs Fahrrad und fahre irgendwo hin, wo du noch nie warst. An einen Fluss zum Beispiel, in dem du morgens baden kannst. Am nächsten Morgen radelst du nach Hause, machst Frühstück und gehst ins Büro", riet Humphreys Neo-Abenteurern 2015 expemplarisch im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

MINIMALES EQUIPMENT, MAXIMALES ERLEBNIS
Wenn auch Mikroabenteuer per Definition möglichst unkompliziert vonstattengehen sollen, und umfangreiches Equipment dabei den Sinn der Sache untergräbt, macht sich der Trend auch im Fachhandel bemerkbar. „Stylische Messer und andere Outdoor-Multitools sind derzeit besonders beliebt", weiß Verkäufer Michael Wallner von Gigasport in Graz. „Was außerdem vielen Abenteuerlustigen entgegen kommt, ist, dass das Material – wie bei den meisten Sportarten – leichter wird, und das Packmaß im Laufe der letzten 15 Jahre deutlich abgenommen hat."

Humphreys' Devise bezüglich Material ist ebenso minimalistisch wie pragmatisch: Nur nicht übertreiben – so viel wie notwendig, so wenig wie möglich! Denn bei aller Freude an der Ausrüstung, gilt es stets, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren, und das ist letztlich das bewusste Sammeln von Eindrücken. Wie das funktionieren kann? Eine Möglichkeit ist, sich von kindlicher Begeisterung anstecken zu lassen, weiß der Bestseller-Autor, der im Gespräch mit dem englischen Fachmagazin Wired for Adventure Eltern folgendes mit auf den Weg gibt: „Unterschätze niemals deine Kinder. Kinder sind mindestens so gute Abenteurer wie Erwachsene!"

Überhaupt plädiert Humphreys dafür, seinem Nachwuchs nicht nur Kultur, sondern eben auch ein gesundes Verhältnis zur Natur näherzubringen. Aus diesem Grund finden Eltern auch zahlreiche Tipps im Blog des Abenteurers (www.alastairhumphreys.com): „Ich glaube nicht, dass es ein Zufall ist, dass meine Tochter Juno in so jungen Jahren schon so selbstsicher, neugierig und mutig ist."

QUALITY TIME STATT KEINE ZEIT
Ob nun alleine, mit Freunden oder der Familie – wohlbekannte Ausreden, zuhause die Couch zu hüten, zählen laut Humphreys nicht. Keine Zeit für eine lange Reise? Kein Problem, sogar Städter erreichen hierzulande innerhalb kürzester Zeit spannende Natur-Kleinode – vorausgesetzt natürlich, man ist sich ihrer bewusst. Kein Geld? Auch kein Problem, denn vorübergehend auf alltägliche Annehmlichkeiten oder gar Luxus zu verzichten ist Teil der Faszination.

Oberste Regel, um derartige Unternehmungen auch genießen zu können, ist, stets das richtige Mindset zu behalten. Denn was Menschen an exotischen Expeditionen voller Superlative bewundern, ist eben nicht die inhärente Gefahr oder individuelle Leistung, sondern das Entkoppelt-sein von den Zwängen einer modernen Industriegesellschaft. So war der „Microadventures"-Autor zunächst selbst vom Erfolg seines Buchs überrascht, wie er gegenüber SPIEGEL ONLINE preisgab: „All die Jahre verbrachte ich damit, ein knallharter Abenteurer zu sein. Dann schlafe ich einmal auf einem Hügel vor der Haustür – und die Leute werden hellhörig."

Humphreys hat scheinbar einen Nerv getroffen, der tief in uns verankert ist, in der heutigen Zeit aber nicht mehr entsprechend ausgereizt wird. Dabei geht es absolut nicht um Leistungsgedanken oder gar Rekord-Mentalität, die der Brite auch durch seine aufwendige Expedition quer durch Indien oder seinen Lauf durch die Sahara kennt. Eines scheint offensichtlich: Je mehr sich Menschen im Alltag getrieben fühlen, desto größer ist in der Freizeit ihr Bedürfnis nach Entschleunigung. Und diese erfährt man wiederum am besten draußen, wo die Natur ohne konkretes Arbeitspensum und zerknirschende Deadlines einfach vor sich hin vegetiert. Herrlich.

Das ganze Interview von SPIEGEL ONLINE mit Alastair Humphreys liest du hier.


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