Weil zwei steirische Radsportlerinnen die für sie perfekte Radbekleidung nicht fanden, entwarfen sie einfach selbst welche. Katharina Stelzer und Donata Schörkmaier setzen voll auf Nachhaltigkeit, Performance und Athletinnen. Über Damenradsport, ganz wenig Blümchenmuster, aber ganz viel Herz. 

Christoph Heigl
Christoph Heigl


„Frauen wissen halt besser, wo es Frauen beim Radfahren zwickt.“ Ein Satz von Donata Schörkmaier, der über dieser Geschichte wie ein Subtitel steht, den Kern genau trifft und noch dazu von einem herzhaften Lachen begleitet wird. Katharina Stelzer unterstreicht die Aussage mit einem aufgeregten Schütteln ihrer blonden Mähne. Willkommen bei Kama Cycling.

Die Story aus der Grazer Jetzt-Zeit beginnt aber schon viel früher. Katharina war viel mit dem Papa unterwegs und ist als Kind schon Mountainbikerennen gefahren. Zum Rennrad ist sie vor etwa fünf Jahren gestoßen. Auch Donata Schörkmaier ist Bikerennen gefahren, war mit ihrem Mann in der Downhill- und Enduroszene unterwegs und ist dann beim Triathlon gelandet, wo sie 2016 mit den Tri Out Girls den ersten Triathlonverein Österreichs nur für Frauen mitbegründet hat. Zunächst bestätigt sich auch bei den beiden: Die meisten Frauen kommen über Männer zum Radsport, seien es Papas, Freunde, Ehemänner. Was Katharina und Donata aber auch schnell herausgefunden haben: Auch die meisten Radsportprodukte sind männlich dominiert, werden von Männern entwickelt, designt, vermarktet und verkauft. Und so – siehe erster Satz oben – sind beide selbst mit der besten Radbekleidung, die der Markt zu bieten hatte, nie richtig zufrieden gewesen. Es gibt zwar hochwertige Damenradsportmode der renommierten (Männer-)Marken und -Hersteller, „die Damenhosen etwa sind aber oft nur abgeänderte Männermodelle“. Schnitt, Sitzpolster, Träger würden immer noch viele Wünsche offen lassen, „und in den Radsportvereinen wird meistens sogar mit Männerhose gefahren“, schüttelt Donata den Kopf. 

Wir sind in einer Zeit eingestiegen, wo alles sensibel und hellhörig war und unsere Kundinnen sind für Nachhaltigkeit und Fairness ohnehin viel aufgeschlossener.

Katharina Stelzer

2019 entschlossen sich die beiden Steirerinnen, selbst einen Versuch zu starten. Sie trugen alles zusammen, was sie von ihren bisherigen Lieblingsstücken gut fanden („dort das Polster, da die Nähte, hier der Stoff, dort das Bündchen“) und bündelten die Ideen. Katharina war die Erste am Start, hatte mit „Kama“ schon eine eigene Grafik- und Marketingagentur laufen – weshalb eine von vielen Deutungen des Namens Kama auch „Katharina“ und „Marketing“ zulassen würde, aber des Rätsels Lösung soll bewusst offen gelassen werden – und Donata, auch mit einer Marketing-Agentur selbstständig, stieß über ein Gewinnspiel und eine gemeinsame Radtour dazu. Durch ihren beruflichen Background können sie Ideen selbst und schnell umsetzen.

Die beiden wollen vieles anders machen als die Großserienproduzenten: Fokus auf Performance und Athletinnen, Produktion in Europa, nachhaltige Stoffe, keine Kompromisse. „Das ist die Extra-Meile, die wir gehen.“ Corona war in der Startphase dann ein völlig unerwarteter Stein im Weg, die beiden sehen aber auch das Positive. „Wir sind in einer Zeit eingestiegen, wo alles sensibel und hellhörig war“, sagt Katharina, „und unsere Kundinnen sind für Nachhaltigkeit und Fairness ohnehin viel aufgeschlossener.“ Die meiste Zeit begegneten sich die beiden nur online am Screen ihrer Laptops, das Jahr 2020 fand fast nur digital statt, bis auf ein paar schnelle Treffen zum Austauschen von Stoffmustern und Prototypen. „Während der Ausgangssperren wie Drogenhändler mit offenem Kofferraumdeckel auf irgendwelchen Parkplätzen“, lacht Katharina. Selbst die Produktionsfirma in Venezien in Norditalien haben sie bis heute nicht selbst betreten. Mit einem Satz: Es gibt einfachere Rahmenbedingungen für ein Start-up. 

KAMA. CYCLING

„KAMA.Cycling“ ist das ­Radsportlabel von Katharina Stelzer (33) und Donata Schörkmaier (41) aus Graz: nachhaltige und hochwertige Damenradsportbekleidung aus recyceltem Polyester und Casual Wear wie Shirts und Kapuzenpullis.

www.kama-shop.at

Doch Radsportlerinnen sind ausdauernd. Mittels Crowdfunding war das nötigste Startkapital da, erste Produkte im Online-Shop gleich ausverkauft. Die kleine Nische, nachhaltige Rad-Funktionskleidung aus recycletem Polyester aus PET-Flaschen herzustellen, hat noch wenig Mitbewerb, stellte sich für Kama und selbst die ausführenden Spezialfirmen aber als Challenge heraus. „Das erste Muster war wie ein Neoprenanzug“, lacht Katharina. Doch im Laufe der Zeit, mit einer weiblichen Ansprechperson in der Produktion („ein großes Glück“) und aufwendigster Detailarbeit tastete man sich an die Wunschvorstellung heran. Neben dem richtigen Sitzpolster sind es vor allem die Bundabschlüsse an Oberschenkel und Oberarm, wo sie in Millimeterarbeit breite Bündchen und Lasercut perfektionierten. „Zudem haben unsere Frauenhosen versteckte Taschen für Frauenangelegenheiten, die man nicht in Trikots haben will“, lässt Donata wissen.

Nachhaltig produzieren heißt für die beiden auch nachhaltig verwenden, weswegen ihre erste Sportkollektion „Core“ die Basis für alle vier Jahreszeiten abdecken soll und mit den Farben Schwarz, Weiß und Mare Verde (!) auch ein modischer und schmutzunempfindlicher Dauerbrenner sein sollte. Für 2022 sollten Radjacken und Windwesten folgen, es könnte auch etwas farbenfroher werden, lassen die Muster am Schreibtisch erahnen. Blümchenmuster und Sternenregen wird es eher nicht spielen, ein kleines Herzchen ist aber überall integriert. „For the love of female cycling“ lautet der Slogan bei Kama. „Und female cycling heißt nicht Spazierenfahren“, legt Donata nach. „Unsere Frauen reichen von der Hobbyfahrerin bis hin zu echten Maschinen, die acht oder zehn Stunden mit vollem Pedaldruck am Rad sitzen.“ #respecttheponytail, da verstehen sie wenig Spaß.

Selbst sitzen die beiden so oft wie möglich am Bike und Rennrad, sind dabei aber erstaunlich gegensätzlich. Kath­arina: „Selbstständig heißt, ich arbeite selbst und ständig. Das Rennrad ist mein Ausgleich zur Arbeit, das ist meine Zeit, die gehört nur mir. Wenn ich alleine dahinfahre, kann ich super abschalten und habe danach wieder die Energie für die kommenden Tage.“ Donata: „Für mich ist Rennradfahren nix Meditatives. Ich liebe es, in Gruppen zu fahren, mit Frauen und Männern, und bin begeistert, mit wie vielen Menschen aus ganz verschiedenen Richtungen man in Austausch kommt und die Leidenschaft für Radsport teilen kann.“ 

Mit vielen Mädels nehmen sie auch an Radrennen und Triathlons teil und bauen gerade ein paar Markenbotschafterinnen auf, um selbst etwas aus dem Rampenlicht zu kommen. Denn die Firma soll weiter wachsen und eine ähnliche Garagen-Erfolgsgeschichte wie Woom werden. Damit in ein paar Jahren das vielleicht nicht mehr möglich sein wird, was aktuell noch mit großer Liebe gemacht wird: Jede Bestellung wird von den beiden hingebungsvoll in Seidenpapier eingewickelt und mit selbst gebastelten Kärtchen und Widmung versendet. Eine echte „Love Brand“, wie es im Marketing heißt. Oder auf Steirisch: For the love of ­female cycling.