Zwei Frauen, viele Kilometer – und doch geht es nicht um Zahlen. Magdalena Kalus und Susann Lehmann laufen, um draußen zu sein, um Klarheit zu finden und um sich selbst zu begegnen.
Der Tag beginnt früh. Noch liegt Schatten in den Julischen Alpen, die Luft ist kühl, die Gedanken sind ruhig. Magdalena Kalus und Susann Lehmann laufen los, Schritt für Schritt, hinein in einen Sommer, der sie einmal entlang des gesamten Alpenbogens führen wird. Doch wer glaubt, es gehe hier um Rekorde oder Selbstinszenierung, liegt falsch. Für beide ist Laufen vor allem eines: eine Art, in der Welt zu sein. „Ich habe tatsächlich nie irgendetwas Konkretes im Laufen gesucht, sondern bewege mich einfach gerne draußen in der Natur. Ich suche eher die Freiheit und die Freude, die ich in verschiedenen Landschaften, Ländern und auch Herausforderungen finde“, beschreibt Kalus ruhig und reflektiert.
Sie ist keine, die sich über Zeiten definiert. „Ich wandere auch sehr gerne, klettere oder bin auf Ski unterwegs. Und das alles gerne in allen Gegebenheiten, die die Welt zu bieten hat.“ Dieses bewusste Verhältnis zur Bewegung prägt sie seit Jahren. Wettkämpfe, Wüstenläufe, Hochalpen – all das hat sie erlebt. Doch das klassische „schneller, höher, weiter“ war nie ihr Maßstab: „Ich bin generell gar nicht der Schneller-höher-weiter-Typ. Ich vergleiche mich nicht gern, sondern ziehe Freude daraus, Zeit in Bewegung draußen zu verbringen.“
Auch für Susann Lehmann ist Laufen weit mehr als Sport. Es ist ein Zustand, der sie zu sich selbst zurückführt. „Wenn ich laufe – vor allem über lange Distanzen –, bin ich ganz bei mir. Es bleibt kein Raum für alltägliche Sorgen oder Nebengeräusche.“ Je länger sie unterwegs ist, desto klarer wird alles. „Diese Reduktion ist unglaublich befreiend und zeigt mir immer wieder, wie viele vermeintlich wichtige Dinge wir im Alltag viel zu groß machen. Genau dieses Gefühl von Klarheit und Einfachheit ist mein Antrieb.“
Beide Athletinnen kennen die stillen, fordernden Stunden, wenn Müdigkeit und Zweifel auftauchen. Kalus begegnet ihnen mit nüchternem Optimismus. „Ich habe das Glück, einen sehr starken und objektiv gesehen realistischen Kopf zu haben. Zweifel plagen mich eher selten.“ Und wenn sie kommen, dann zählt nur der nächste Schritt: „Der Körper geht immer nur dahin, wo der Kopf hingeht – einen starken Kopf zu haben ist eigentlich die beste Waffe.“
Lehmann setzt auf Erfahrung und Vertrauen. „Wenn ein Lauf sehr lang wird, verschiebt sich mein Fokus. Ich denke weniger über Pace oder Technik nach und mehr darüber, einfach weiterzumachen. ‚Einfach weitermachen‘ wird zu meinem Mantra.“ Zweifel gehören für sie zur Realität – und genau diese zeigt sie offen. „Weder das Leben noch das (Ultra-)Laufen bestehen nur aus Highlights. Es gibt Zweifel, Rückschläge und schwierige Phasen – und genau diese gehören genauso dazu wie Erfolge.“
Die Via Alpina, die sie 2025 gemeinsam liefen, war kein Wettkampf. Sie war ein bewusst gewählter Rahmen. „Diese Art unterwegs zu sein, die größtenteils selbstbestimmt ist, entspricht genau meinem Naturell und ich geh darin voll auf“, betont Kalus. Für Lehmann wurde diese Zeit zur Bestätigung: „Das Projekt hat mir gezeigt, dass ich sehr viel Durchhaltevermögen und Biss habe. Ich weiß nicht nur, wozu mein Körper fähig ist, sondern auch, welche mentale Last ich tragen kann.“
Vielleicht ist es genau das, was Frauen wie sie den aktuellen Laufboom mitprägen lässt: eine neue Definition von Stärke. Nicht laut, nicht vergleichend – sondern ehrlich, erfahren und persönlich. Oder, wie Kalus es sagt: „Ich habe wirklich Freude an dem, was ich mache. Das lässt mich so immer weitergehen."
Zu den Personen:
Dr. Magdalena Kalus (l.)
Geb. am 28. Mai 1986, wohnt in Loisachtal in Bayern. Mehrfache Teilnahmen an Abenteuer-Etappenläufen und Ultratrails, z. B. Marathon des Sables.
Susann Lehmann (r.)
Geb. am 20. Juli 1986, wohnt in München. Mehrfache Teilnahmen an zahlreichen Ultratrailläufen, z. B. Transcanaria Classic (126 km).
Gemeinsam u. a. Platz 3 beim Eiger Ultra Trail (250 km). Im Sommer 2025 liefen sie die Via Alpina entlang des Alpenbogens (1975 km, 116.000 hm) über 8 Länder in 50 Tagen.


















