Im Urlaub in kurzer Zeit mehr erleben und dabei möglichst vom Alltag abschalten: Ein Bikepacking-Trip macht genau das möglich. Auch, weil diese Form zu reisen das Leben auf das Wesentliche reduziert.
Eine Mehrtages-Tour mit dem Rad in Angriff zu nehmen, heißt auch immer, ein bisschen Unsicherheit zu akzeptieren: Schafft man tatsächlich, was man sich vorgenommen hat?
Max Rieses Weg zum Bikepacker und Ultraradfahrer hat so gesehen schon früh begonnen: In der Schulzeit den Mitschülern zu beweisen, etwas „doch zu schaffen“ – das prägte sich ihm ein. Nach einigen Jahren Radrennsport machten das Gravelbike und Reiseberichte Lust auf mehr. Viel mehr. Vor allem „krasse Erfahrungen“, wie es der Wahl-Salzburger selbst nennt, weckten seine Begeisterung: „Eine Woche ohne Strom in zum Teil hochalpinen Gegenden wie beim Mountain Race in Kirgistan. Wie ein Nomade unterwegs zu sein, das verändert dein Leben“, erzählt er von der Faszination, Abenteuer und Wettkampf zu verbinden.
Man merkt schnell: Der 36-Jährige bevorzugt raues und abgelegenes Terrain mit wenig Versorgungsmöglichkeiten und anspruchsvolles, gebirgiges Gelände. Als mehrfacher Finisher des Silkroad Mountain Race, des FURTHER Perseverance oder des Rhino Run sowie vieler weiterer Events hat er bewiesen, dass er auf dem Rad fast alles aushalten und auf Top-Niveau in der Ultradistanz-Szene mithalten kann. Wenn es auf 900 Kilometer mit rund 29.000 Höhenmetern über raues Mountainbike-Terrain durch Griechenland geht, dann stehen trotz Wettkampfmodus auch viele Impressionen und Begegnungen an. Mit Bären zum Beispiel.
Für Max Riese ist der Prozess eines Bikepacking-Projekts „eigentlich absurd“: Zeit rausholen, wo es geht, Optimierung in allen Bereichen, strukturiertes Training und Ernährung. „Es war dann schon mein Ziel, so was auch mal zu gewinnen. Das dann zu schaffen, fühlt sich im ersten Moment surreal an."
Schnell oder langsam bis ins Ziel
Dieses Gefühl ist keineswegs an einen Wettkampf gebunden. Jedes individuelle Bikepacking-Projekt hat einen Plan und ein Ziel. Dort angekommen stellt sich früher oder später, gepaart mit einer gewissen körperlichen Erschöpfung, eine unbezahlbare innere Zufriedenheit ein. Diese Augenblicke bleiben – und können süchtig machen.
Ob mit oder ohne Stoppuhr: Der Reiz, unterwegs zur Improvisation gezwungen zu werden, macht Bikepacking für Max zur besten Art der Fortbewegung. Wenn es tatsächlich so weit kommt, gilt für ihn „Panik ist das letzte, was dich weiterbringt.“ Ein Beispiel: „Ich bin mal auf 4.000 Metern Seehöhe in einen Gewittersturm geraten. Sich der Situation bewusst zu sein und diese anzunehmen, ist der erste wesentliche Schritt, wenn Dinge anders laufen als gedacht und geplant“, erzählt er. „Selbst mit allen möglichen Kartenmaterialien ist es schon vorgekommen, dass ein Weg auf einmal zu Ende – oder nach einem Unwetter einfach nicht mehr da war.“ In solchen Momenten bleibt nur Umdrehen als Option.
Von der sonst so strukturierten Lebensweise befreit zu sein, weil auf dem Rad alles andere unwichtig wird.
(Un)geplanter Urlaub
Der Faszination Bikepacking ist auch Katharina Kruse erlegen – ohne Wettbewerbscharakter. „2023 habe ich verletzungsbedingt nicht Enduro fahren können und stattdessen eine Viertagestour nach Südtirol unternommen. Ich war sofort Feuer und Flamme und wusste: Das ist die schönste Art zu Reisen!“, erzählt sie. Bald wurden die Touren größer – es ging für sie mit dem Fahrrad nach Barcelona, durch Island und als bisher größtes Highlight 24 Tage lang durch Patagonien.
Katharina plant ihre Touren umfangreich. Vor allem auch deshalb, weil sie stärker auf ihr Gefühl achtet als auf Daten oder Werte von Uhren. Auf mögliche Szenarien vorbereitet zu sein, gibt ihr Sicherheit. Schlafmöglichkeiten, Sehenswürdigkeiten oder Geschäfte stehen in der Vorbereitung ganz oben.
„Ein guter Plan ist mir wichtig, aber Bikepacking heißt auch loszulassen und mit dem umzugehen, was man aktuell hat“, weiß sie. Dauerhaft schlechtes Wetter in Südamerika oder ein vergessenes Ladegerät für die Schaltung in Island: „Not macht erfinderisch. Genau das, also Lösungen finden und kreativ zu sein, macht Bikepacking auch aus.“
Das Beste für sie bleiben aber die (Natur-)Erlebnisse und Begegnungen unterwegs. Vor allem, wenn man es lockerer angeht: sich treiben lassen, Pausen machen, wann einem danach ist, essen, wann und was man möchte, sich etwas ansehen. Urlaub eben!
Eine eigene Welt
Bikepacking bedeutet nicht automatisch, improvisieren zu müssen oder ständig mit Unvorhergesehenem konfrontiert zu sein. Wenn eine gut vorbereitete Mehrtages-Tour wie am Schnürchen funktioniert, sind das genau die Momente, die ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Beim späteren Betrachten der Fotos kehren diese Erlebnisse immer wieder zurück und lösen Gefühle von Demut und Dankbarkeit aus, die einen auch Herausforderungen im Alltag leichter bewältigen lassen.
Jede Bikepacking-Tour ist einzigartig und entsteht meist individuell. Daneben gibt es auch legendäre Routen, die für viele einmal im Leben auf der Bucketlist stehen. „LEJOG“ zum Beispiel – die Abkürzung für Land’s End to John o’ Groats: die Verbindung vom südlichsten zum nördlichsten Punkt Großbritanniens. Zwischen dem Signpost am Atlantik und jenem an der Nordsee liegen je nach Routenwahl etwa 1.500 Kilometer oder plus/minus zwei Wochen.
Die Erlebnisse auf jeder Tour füllen Bücher. Währenddessen befindet man sich in einer eigenen Welt, lebt im Hier und Jetzt und reduziert seine Gedanken auf die Grundbedürfnisse: Wo schläft man? Wo bekommt man Essen und Trinken? Katharina schwärmt: „So eine Freiheit habe ich noch nirgendwo so intensiv erlebt. Von der sonst so strukturierten Lebensweise befreit zu sein, weil auf dem Rad alles andere plötzlich unwichtig wird."
Mentale Komponente
Eine Mehrtagestour mit dem Fahrrad hat auch eine psychologische Seite: Hat man eine Tour lange geplant und schon viel Energie investiert, gibt man nicht so schnell auf. Eine Art Lebensschule. Man lernt viel über sich selbst und darüber, was man tatsächlich braucht – und worauf man verzichten kann.
Man verlässt – und das ist vielleicht für viele Menschen der herausforderndste Teil – definitiv die eigene Komfortzone. Die Sorge, dass etwas schiefgehen könnte, sollte eine Bikepacking-Tour aber nicht verhindern.
Wenn man möchte, kann man auf einer Bikepacking-Tour auch an seine Limits kommen. Katharina weiß, wovon sie spricht: „Patagonien und Island waren wegen des Wetters wirklich sehr fordernd, zugleich aber auch die schönste Erfahrung. Grenzen erreichen muss aber nicht dazugehören – ein Komfort-Trip ist genauso reizvoll."
Jedem seine Bucketlist
Ihre nächsten Projekte führen Katharina Kruse in die französischen Alpen und nach Skandinavien, im Idealfall irgendwann auch einmal quer durch Kanada. Auch bei Max Riese stehen noch einige Ideen und Rennen auf der Liste. Fünf bis sechs Jahre plant er noch auf diesem Niveau an Ultrarennen teilzunehmen.
Dank moderner Technologien und besserem Equipment wird Bikepacking auch für Einsteiger immer zugänglicher. Der wichtigste Tipp bleibt aber einfach: losfahren und ausprobieren. Einmal ins Abenteuer Bikepacking hineingekippt, wird man bald feststellen: Jede neue Tour erzählt ihre eigene Geschichte.
Bikepacking-Tipps
- Zum Einstieg Equipment ausleihen – erst testen, dann investieren
- Starte mit einer Wochenendtour
- Einen täglichen Rahmen setzen, aber auch Tour stets flexibel bleiben
- Für die Routenwahl auf mehrere digitale und analoge Quellen zurückgreifen: Tourenportale, Landkarten, Tourismusinformationen
- Packliste nach dem Grundsatz: So viel wie nötig (Wetterschutz!) und so wenig wie möglich, Packmanagement üben
- Kleine Testfahrten mit vollem Gepäck machen, am besten bei unterschiedlichen Bedingungen
- Körperliche Vorbereitung mit längeren Touren und 3-Tages-Blöcken
- Ernährung im Vorfeld ausprobieren – Bikepacking steht und fällt mit der Energieversorgung
- Nie die Anstrengung, sondern das Erlebnis in den Vordergrund rücken. Jede Bikepacking-Tour ist ein Privileg – genießen!

















