Ob Mikronährstoff-Supplemente im Freizeitsport sinnvoll sind, hängt nicht am Trainingspensum, sondern am gesamten Lebensstil. Klarheit schafft eine gute Diagnostik.
Es scheint fast, dass das Thema Supplemente und insbesondere Mikronährstoff-Ergänzungen die Freizeitsportszene in zwei Lager teilt. Auf der einen Seite jene, die sich nicht nur das Training, sondern auch Ernährung und Supplementierung möglichst exakt von ihren Vorbildern aus dem Leistungs- und Spitzensport abschauen möchten. Auf der anderen Seite jene, die überzeugt sind, dass bei einem gesunden Lebensstil und einigen Stunden Sport pro Woche ohnehin kein Bedarf für Nahrungsergänzung besteht. Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen. Und sie ist deutlich komplexer.
Ob man als Freizeitsportler Mikronährstoff-Ergänzungen für sich in Betracht ziehen sollte, lässt sich jedenfalls nicht einfach an Sportumfang und -intensität festmachen, erklärt die Salzburger Ärztin und Orthomolekularmedizinerin Dr. Claudia Steigleder-Schweiger. Entscheidend sei die Summe der Lebensstilfaktoren. „Sport erhöht den Bedarf an Mikronährstoffen. Aber auch Ernährung, Stress, Schlafqualität und andere Faktoren spielen eine wichtige Rolle.“ Untersuchungen wie der Österreichische Ernährungsbericht würden zeigen, dass bereits in der Allgemeinbevölkerung eine Unterversorgung mit verschiedenen Vitaminen und Mineralstoffen häufig vorkomme, so die Medizinerin. Wer regelmäßig trainiert, starte also möglicherweise bereits mit nicht optimal gefüllten Speichern in seine sportlichen Aktivitäten.
Mängel erkennen – nicht immer einfach
Natürlich lohnt es sich, auf mögliche Symptome zu achten. Doch auch diese sind häufig wenig eindeutig: Müdigkeit, nachlassende Leistungsfähigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, häufigere Infekte oder eine schlechtere Regeneration können unterschiedliche Ursachen haben. Häufig fehlt zudem der Vergleich, wie der persönliche Optimalzustand eigentlich aussehen würde. Gleichzeitig bleibt eine Unterversorgung oft unbemerkt, weil der Körper vieles kompensieren kann, wie Steigleder-Schweiger erklärt: „Der Körper ist ein Wunderwerk und kann ganz vieles lange Zeit ausgleichen.“
Viele lassen bei ihrem Hausarzt ihre Blutwerte bestimmen – gleichzeitig ist oft zu hören, dass die dort ermittelten Werte bezüglich unseres Versorgungs-Status nicht aussagekräftig sind. Auch in dieser Frage greift einfaches Schwarz-Weiß-Denken zu kurz: Für Steigleder-Schweiger erfüllen die verschiedenen Untersuchungen unterschiedliche Aufgaben: Klassische Blutbild-Parameter wie Cholesterin, Nieren- oder Leberwerte liefern als erster Schritt wichtige Informationen über den allgemeinen Gesundheitszustand.
Mikronährstoffstatusanalysen – also von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen – gehen eine Ebene tiefer. Hier sind sogenannte Vollblutanalysen Serumanalysen vorzuziehen. Der Unterschied: Bei einer Serumanalyse wird der flüssige Anteil des Blutes untersucht, nachdem die Blutzellen entfernt wurden, erklärt die Medizinerin. Bei einer Vollblutanalyse werden hingegen auch die zellulären Bestandteile berücksichtigt. „Viele Mineralstoffe und Spurenelemente sind zu einem großen Teil in den Zellen gespeichert. Ich möchte wissen: Wie gut ist meine Zelle versorgt?“
Welche Untersuchungen jeweils sinnvoll sind, hängt für Steigleder-Schweiger aber immer von der individuellen Situation ab. Eine möglichst umfangreiche Analyse vieler Parameter ist nicht automatisch die bessere Diagnostik. Wichtig seien zunächst die Anamnese – bestehende Beschwerden und Befunde, Training und Lebensumstände. Daraus lasse sich ableiten, welche Werte tatsächlich untersucht werden sollten. Ebenso wichtig sei anschließend die fachkundige Interpretation der Ergebnisse. Denn Laborwerte allein verraten noch lange nicht, welche Maßnahmen im Einzelfall sinnvoll sind.
Ernährung bleibt die Grundlage
Was die Medizinerin betont: Grundlage soll stets eine möglichst ausgewogene Ernährung sein – den Grundsätzen frisch, saisonal und regional folgend. „Das Ziel wäre immer, möglichst viel über die Ernährung abzudecken“, sagt Steigleder-Schweiger. Jedoch funktioniere das in der Praxis nicht immer so, wie es theoretisch wünschenswert wäre. Gerade bei Personen mit hohen Anforderungen – sei es durch Sport, Beruf oder andere Belastungen – könne eine ergänzende Unterstützung daher sinnvoll sein.
Eine Basissupplementierung mit Kombipräparaten könne dabei helfen, eine grundlegende Versorgung sicherzustellen. Zeigt eine Untersuchung tatsächlich einen Mangel, sei der nächste Schritt eine gezielte Korrektur. „Wenn ich einen tatsächlichen Mangel habe, muss ich die einzelne Substanz deutlich höher dosieren, als in den Kombipräparaten enthalten ist“, erklärt die Medizinerin.
Aber auch hier ist wiederum die Diagnostik entscheidend: Es gilt das sogenannte „Minimumprinzip“. Veranschaulichen lässt es sich mit dem Bild eines Uhrwerks: Viele kleine Zahnräder greifen ineinander, damit das gesamte System funktioniert. Fehlt eines davon oder arbeitet es nicht richtig, kann der ganze Ablauf ins Stocken geraten. Übertragen auf den Stoffwechsel bedeutet das: Ein einzelner limitierender Faktor kann dazu führen, dass andere Prozesse nicht optimal funktionieren. Deshalb gehe es nicht darum, möglichst viel von einem einzelnen Nährstoff einzunehmen, sondern herauszufinden, was tatsächlich fehlt – und genau dort gezielt anzusetzen.
Der Stoffwechsel ist mit einem Uhrwerk vergleichbar: Viele Rädchen greifen ineinander, damit das ganze System funktioniert.
Kosten von Mikronährstoffanalysen
Wer seinen Mikronährstoffstatus professionell überprüfen lassen möchte, sollte laut Steigleder-Schweiger zunächst eine ärztliche Beratung in Anspruch nehmen. Ärzte mit einer Ausbildung in Orthomolekularmedizin, in Funktioneller Medizin sowie darauf spezialisierte Zentren seien hier kompetente Ansprechpartner. Und die Kosten? Eine Basisuntersuchung mit Mineralstoffen, Spurenelementen sowie ausgewählten Vitaminen wie B6, B9, B12 und Vitamin D, ergänzt beispielsweise um Coenzym Q10 oder den Omega-3-Index, liege ungefähr im Bereich von 150 bis 200 Euro. Hinzu kommen – je nach Umfang – die ärztliche Beratung sowie die Interpretation der Ergebnisse.
Die wichtigste Erkenntnis für Freizeitsportler lautet damit: Nicht allein die Anzahl der wöchentlichen Trainingsstunden entscheidet darüber, ob eine Supplementierung sinnvoll sein kann. Ausschlaggebend ist vielmehr das Zusammenspiel aus Belastung, Ernährung und den individuellen Lebensumständen. Wer gezielt fachlichen Rat einholt und seinen Mikronährstoffstatus überprüfen lässt, ersetzt Vermutungen durch Wissen. Und das ist die beste Grundlage, um langfristig gesund und sportlich leistungsfähig zu bleiben.





















