Freeriden ist längst kein junger Trend mehr – es ist ein Lebensgefühl mit einer starken Community, die tief im Schnee verwurzelt ist. Drei Szenegrößen nehmen uns mit in ihre Berge: Sandra Lahnsteiner, Alex Huber und Ben Kalra erzählen, was Powdern heute bedeutet – zwischen Flow, Verantwortung und der Magie der eigenen Spur.
Ein klarer Wintermorgen, die ersten Sonnenstrahlen kratzen an den Berggipfeln, der Schnee glitzert und man wird von einer Ruhe umarmt, die lediglich durch das Knirschen des Schnees und die tiefen Atemzüge durchbrochen wird. Oben am Berg herrschen sie: Ruhe, Weite, Erwartung. Dann – ein Klick in die Bindung, ein weiterer tiefer Atemzug und der erste Turn in unberührtem Weiß. Der Schnee sprüht, die Line sitzt, das Herz pocht. Freeriden ist längst kein Geheimtipp mehr. Seit den ersten „Fat Skis“ sind über 20 Jahre vergangen und aus der einst rebellischen Randsportart ist eine globale Bewegung geworden. Heute stehen Werte wie Verantwortung, Achtsamkeit und Respekt vor der Natur genauso im Fokus wie die perfekte Line im Powder. Doch neben aller Romantik muss man sich auch der Risiken bewusst sein, wenn man im Backcountry unterwegs ist.
Die Natürlichkeit des Moments
Sandra Lahnsteiner aus Gastein hat den Wandel hautnah miterlebt. Sie selbst kam vom Pistenskifahren über den Skirennlauf ins Geländeskifahren und immer mehr auch ins alpine Skitourengehen und hat somit fast alle Facetten des Skifahrens durchlebt. „Freeriden ist für mich die natürlichste Art Ski zu fahren“, sagt sie: „Es ist das Zusammenspiel von Berg, Natur, Bedingungen und Mensch. Freeriden ist nicht einfach Ski fahren im Tiefschnee. Damit ich überhaupt rausgehen kann, müssen viele Faktoren passen: Schnee, Lawinenlage, Wetter, Team. Das macht es so spannend – und mich so demütig.“
Diese Demut zieht sich wie ein roter Faden durch Sandras Perspektive: Der Hang, der heute perfekt ist, kann morgen komplett anders aussehen; die ständige Veränderung hält neugierig und fordert lebenslanges Lernen. Als Filmemacherin und Gründerin der #ShadesOfWinter-Projekte hat sie viel dafür getan, auch Frauen im Freeride sichtbarer zu machen – ein Anliegen, das in ihren Camps bis heute lebt: „Damit wollte ich den Sport für Frauen zugänglicher machen. In den letzten Jahren hatte ich mehr als 350 Frauen aus 15 Nationen in Gastein zu Gast, die in den Camps ihre persönlichen Freeride-Highlights erlebt haben.“
Heute beobachtet sie eine starke Professionalisierung der Szene und gleichzeitig eine Beschleunigung durch Social Media: „Viele sehen nur den Kick, nicht die Vorbereitung dahinter. Aber Freeriden ist kein Glücksspiel.“ Für die Salzburgerin bedeutet Freiheit immer auch Verantwortung: „Lieber einmal umdrehen als zu viel riskieren. Kein Powderschwung ist es wert, das Leben zu verlieren.“ Ein Erlebnis, das bei ihr hängen blieb, führt weit weg: Alaska. Über die Kombination aus Respekt, Adrenalin und Freude sagt sie: „Die Spines in Alaska zu fahren: Herausforderung, Adrenalin, unglaublicher Respekt, unglaubliche Freude, einfach alles. Da kommt alles zusammen. Das ist Freeriden für mich: den Mut haben, die eigene Spur zu ziehen.“
Flow statt Show
Alex Huber vom Kärntner Nassfeld ist einer, der das Freeriden bodenständig lebt. Für ihn ist der Reiz des Freeridens elementar: „Die Freiheit, den Sport dort auszuüben, wo und wann ich will – nur begrenzt durch die Natur und nicht von Mensch, Lift und Maschinen.“ Wenn alles passt – Schnee, Körper, Kopf –, dann tritt der Flow ein: jene Automatisierung der Bewegungen, in der ein Turn den nächsten atmet und Zeit klein wird. „Wenn man das Glück hat und guten Schnee erwischt, kommt man in eine Art Flowzustand und fühlt sich absolut frei und im Moment.“
Doch Huber sieht auch die Kehrseite des Booms: „Freeriden ist zum Massensport geworden. Zu viele mit zu wenig Erfahrung. Es ist zu viel Lifestyle und zu wenig Respekt.“ Sein Appell: Know your borders – und wenn du kein Local bist, hol dir Local Knowledge oder buche einen Guide. „Ohne diese ist ein sicheres Bewegen im freien alpinen Raum nicht möglich.“
Alex Huber verbindet sein Engagement eng mit Familie und Gemeinschaft – sein Sohn Max fährt bereits mit sieben Jahren im Gelände und in dessen Augen findet er die ursprüngliche Freude wieder: „Die Begeisterung und die pure Freude in seinen Augen zu sehen, macht mich selbst wieder zum Träumer – und noch begeisterter als zuvor!“ Der Routinier rät auch den alten Spruch „No friends on a powder day“ irgendwo ganz hinten im Gedächtnis einzumotten, denn das Gegenteil ist richtig – only friends on a powder day –, weil jeder dein Retter sein könnte; und mit Freunden macht eine Sportart, die so geprägt ist von der Kollektivität der Szene, bekanntlich auch viel mehr Spaß.
Leidenschaft, die bleibt
Ben Kalra ist Fieberbrunn-Local, Contest-Rider und einer, der die Szene von innen kennt. „Dass es nicht stoppt. Jeder Tag ist aufs Neue eine Herausforderung oder ein Abenteuer. Jeder Berg ist anders, und dass die Leidenschaft nicht erlöscht“ – das ist sein Antrieb. Er beschreibt Fieberbrunn als ein „zweischneidiges Schwert“. Die Freeride World Tour hat die Region sportlich und wirtschaftlich zum Positiven geprägt, doch wenn es schneit, zeigt sich auch die Kehrseite: „Hänge werden dadurch eben auch schnell voll. Das zeigt, wie beliebt Freeriden geworden ist.“ Gleichzeitig warnt er vor falschem Ehrgeiz, denn die steigende Beliebtheit führt unweigerlich zur Kommerzialisierung einer Sportart, die neben Leidenschaft sehr viel Können und Erfahrung fordert – das ist heikel: „Wenn Kids sehen, wie sich Profis einen Hang runterhauen, ohne zu wissen, was dahintersteckt, wird’s gefährlich.“
Genau deshalb setzt er auf Nachwuchsarbeit: ein Juniors-Team, Begleitung, Aufklärung. Sein Rat an junge Rider ist konkret: „Speed is your friend“ – doch stets in Verbindung mit Erfahrung, Vorbereitung und dem richtigen Mindset. Technik, Material und Trainingsstand haben sich in den letzten 15 bis 20 Jahren massiv entwickelt. Kalra weiß: „Die Kombination aus besserer Technik bei Material und dass Sportler heute besser trainiert sind, pusht das Level nach oben.“ Gleichzeitig pocht er auf Verantwortung: „Die Sicherheit ist das Wichtigste — ich vergleiche Freeriden gerne mit dem Surfen: Ein Local liest den Berg wie ein Surfer das Meer.“ Es ist wichtig, den Berg zu kennen, auf dem man sich bewegt.
Auch Umweltschutz ist für ihn kein PR-Satz, sondern gelebte Praxis: „Ein Zigarettenstummel verschmutzt bis zu 60 Liter Grundwasser. Müll am Berg geht gar nicht. Wir sollten nichts hinterlassen – außer einer sauberen Spur.“
Magic Moments
Zwischen den drei Stimmen entsteht ein Bild: Freeriden ist heute technisch ausgereift, kommerziell bedeutsam, medial präsent – und zugleich in seinen Grundwerten gefestigt: Respekt für den Berg, für das Team, für die Umwelt. Die Perfektion einer Line bleibt das Ziel, die Vorbereitung ist das Handwerk. Sandra Lahnsteiner bringt es auf den Punkt: „Die Magie der First Line – den Mut, die eigene Spur zu ziehen.“ Wenn die Bedingungen passen – stabile Lawinenlage, verlässliche Infos, gutes Material, eingespieltes Team, – dann ist der Turn mehr als ein Manöver: Er ist eine kleine Lebenskunst. Und genau darin liegt die heutige Freeride-Kultur: gelebte Freiheit, die sich nicht über Regeln hinwegsetzt, sondern darin wurzelt.
Safety first – dein Freeride-Self-Check
Bevor du ins Gelände gehst, gilt immer: Vorbereitung ist alles.
- Lawinenlage & Wetter
Checke täglich den Lawinenlagebericht (z. B. lawinen.report, avalanche.report) und das aktuelle Wetter. Achte auf Wind, Neuschnee und Temperaturverlauf. - Self-Check & Team
Vor jeder Tour: LVS-Test, Schaufel, Sonde, Erste-Hilfe-Set, Handy (mit Akku!) prüfen. Immer im Team unterwegs sein. - Planung & Local Knowledge
Kenne dein Gelände, beachte Sperrzonen und Wildruhen. Hol dir Tipps von Locals oder Guides und plane deine Touren gut. - Materialpflege
Felle trocknen, Bindung und Airbag prüfen, Batterien checken. Gute Wartung ist Sicherheit. - Weiterbildung
Lawinenkurse, Safety-Trainings, Technik-Workshops – Wissen ist dein stärkstes Tool. - Mindset
Powdern ist Leidenschaft, kein Risiko. Umdrehen ist keine Schwäche – sondern Erfahrung.




















