Rennradfahrer tun es. Mountainbiker nicht. Außer, sie fahren Rennen in hautengen Hosen. Auch komisch. Die neuen Gravelbiker schwanken noch. Warum rasieren sich erwachsene Männer eigentlich die Beine? Glatte Lügen, haarige Details und nicht ganz ernst gemeinte Rasurtipps von Christoph Heigl.

Christoph Heigl
Christoph Heigl

Willkommen in der Runde der seltsam Veranlagten. Beginnen wir damit, diesen Artikel mit einem Soundtrack zu hinterlegen. Es empfiehlt sich, etwa das Musical „Hair“ in angemessener Lautstärke zu hören. Alternativ könnte „Hair Metal“ von Poison oder Warrant hilfreich sein, „Gib des Bandl aus die Haar“ sowieso und für etwas volkstümlicher Gepolte der Hit „Beuge dich vor grauem Haar“ (Die Ladiner, wer’s kennt). Haarig geht es auch bei den Dänen-Rockern von D.A.D. und ihrer trotzigen Teenagerhymne „I won’t cut my hair“ zu. Gut, die Jungs nennen sich ausgeschrieben „Disneyland after Dark“ und das deutet sicher auf mehrere nicht aufgearbeitete Traumata hin. Für „Legs“ von ZZ Top muss man Ü18 sein. 

Musik läuft?
Also eigentlich liebe ich meine Haare. Am Kopf, im Gesicht, unter … Nun gut, fast überall, auch auf meinen Beinen, wo es reichlich sprießt. Diese Beinbehaarung, die im Winter wohlige Wärme spendet, evolutionsbiologisch daran erinnert, warum Tiere ein Fell (oder Federn, aber das wäre eine eigene Story …) haben, das lange Unterhosen oder – Gott bewahre – Strumpfhosen überflüssig macht, ist jetzt im beginnenden Sommer gefährdet. Denn die Radsaison startet. Und damit die Saison der kurzen Hosen und nackten Schenkel.
Als Mountainbiker null Problemo, wie mein sehr behaarter Jugendfreund vom Melmac sagen würde. Biker sind ja historisch die Fun-Fraktion der Radfahrer, rasierte Beine hat es da nie gegeben, warum auch? Allerdings hat die spaßbefreite Wettkampfszene dann doch etwas aus dem Radsport der Rennradfahrer importiert, was sich später einmal als einer der größten Irrtümer der Geschichte herausstellen wird: rasierte Ober- und Unterschenkel bei Männern, die Radrennen fahren. Bitte, der Damenwelt soll es unbenommen bleiben, ihre zarten Körper von gelegentlichen Härchen zu befreien. Aber die Männer, die ersten Nachfahren von King Kong und Orang-Utan? Mit der Venus in der Hand? Wo wir doch vom Mars kommen? Man stelle sich den TV-Spot von Gilette mit überkreuzten Männerbeinen vor …
 

King Kong und Orang Utan mit rasierten Beinen? Kann nur ein Irrtum der Geschichte sein.

Christoph Heigl

Aber auch ich bin schwach geworden.
Zum ersten Mal, weil man beim MTB-Rennen in Hintergumpfenbach in den 90ern so richtig „Pro“ ausschauen wollte. Die Kumpels haben sich totgelacht. Statt einem braungebrannten Pro ist ein gerupftes Hendl in Rosa vor ihnen gestanden. Aber sie haben dann auch rasiert. Und zuletzt jetzt wieder, als der Herr Verkaufsleiter dieses Magazins (Name und Anschrift bekannt) das sündhaft teure S-Works-Rennrad zum Testen nur mit folgender Bedingung herausrücken wollte: „Für ein S-Works  Ultimate musst du dir die Haxn rasieren.“ Man bringt Opfer. Aber diese demütigende Prozedur des Rasierens. „Papa…?“, fragen die Kinder leise, wenn sie mich erhaschen. Würden sie mich aus einem syrischen Folterkeller mitten im Waterboarding befreien, ihr Blick könnte nicht mehr Mitleid ausstrahlen. Aber Rennradfahren in engen Lycras ist halt was Feines. Ist es warm, rasiere ich meine Beine im Garten, mit einer Lavur und heißem Wasser, mit Rasierschaum und Klinge. Schauen die Nachbarn eh nicht? Wäre ja peinlich. Ist es kalt, verziehe ich mich in die Badewanne, aber dort fängt die Misere erst an. Ich hab’s ja nicht so mit Yoga, aber bei meinen Verrenkungen, wenn ich den hinteren Oberschenkel erreichen will, wird jeder Yogameister blass. Eine gute halbe Stunde dauert das schon, bis alles enthaart ist bis hinauf in die männliche Bikinizone. Fertig. Jetzt spürt man jeden Luftzug auf den nackten Beinen. Bei der allerersten Ausfahrt dann am Rennrad ein fast semierotisches Erlebnis. Kurz-kurz und Sommer auf der Haut! (Psssst, und die Muckis schauen auch gleich besser aus …)

Grauslich oder anmutig? Da gehen die Meinungen weit auseinander. In den von Männern produzierten und von Männern gelesenen Rad-Fachmagazinen wird Männern in superrepräsentativen Umfragen von einer überwältigenden Mehrheit in der Damenwelt berichtet, die rasierte Männerbeine schön findet. Nur: In der Realität hat noch nie jemand so eine Frau aus den Umfragen gesehen oder konnte mit ihr sprechen. Wo sind sie, wenn man sie braucht, diese Umfragefrauen? Die Kollegen vom YouTube-Channel „GCN“ brechen die Thematik auf die letztlich entscheidende Frage herunter: „Was liebst du mehr? Den Radsport oder deine Verlobte?“ Jetzt nur keine voreiligen Antworten … Also Wissenschaft: Peinlich penibel und genau wird im Windkanal getestet. Mit dem Ergebnis, dass rasierte Beine beim Radfahren viiiiiel aerodynamischer sind und einen uuunglaublichen Vorteil bringen. 1 Watt oder so. So viel wie strömungsoptimierte Nasenflügel. Diese bahnbrechenden Resultate werden dann in den Männerradmagazinen doppelseitig publiziert. Hammas ja gewusst!  Läuft die Musik übrigens noch? Haare Krishna von George Haarrison auflegen, es geht weiter.

Und bitte nicht mit dem Finger auf dünne, enthaarte Radsportler zeigen. Schwimmer, Leichtathleten, selbst Fußballer enthaaren sich im Körperkultwahn. Skinheads! Okay, da ist es was anderes. Profisportler bringen das Argument, dass sie oft massiert werden und glatte Haut weniger Entzündungen und Schmerzen zur Folge hat. Verletzungen und Wunden sind schneller versorgt. Warum dann Bauchnabeln, Unterarme und sonst noch was kahlgeschoren werden? Muss der Übereifer sein. Der Mountainbiker in mir bleibt haarig, der Rennradfreund in mir rasiert. So ist auch das Bild vorne zu erklären, klar eine gespaltene Persönlichkeit. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Summe des linken und rechten Beines zur Vernunft kommen wird. Zum Beispiel in der Ausprägung der neuen Gravelbiker. Die frönen der Verschmelzung von Rennrad und Geländefahrrad ja geradezu. Bekleidung und Laid-back-Flair lassen noch haarige Beine beim „Graveln“ zu. Noch. Möge es so bleiben. Bis dahin bleibe ich geistig halbrasiert, ein noch halbwegs erkennbarer Nachfahre der Menschenaffen und ergehe mich nicht in weiteren Haarspaltereien. A bissl Orang Utan darf schon sein.

Musik? God Shave the Queen.