Am Samstag, dem 15. August, erreichte Martin Sieberer um 12:23 Uhr den Gipfel des Pizzo Badile über den Nordgrat und vollendete damit sein Projekt „Ridge2ridge“ im Alleingang. Mit seinem persönlichen Projekt stellte der österreichische Alpinist einen neuen FKT (Fastest Known Time) auf.


Sein Ziel war es, zwei der bekanntesten Granitwände der Alpen miteinander zu verbinden – inklusive der 273 Kilometer langen und mit rund 2.900 Höhenmetern verbundenen Radstrecke zwischen Vals und Bondo, den beiden logistischen Ausgangspunkten seines Projekts. Insgesamt bewältigte der 1988 geborene Kletterer während des Projekts rund 6.700 Höhenmeter, einschließlich der Aufstiege über die jeweiligen Normalwege zu den beiden Graten. Eine Herausforderung, die neben großer Ausdauer vor allem mentale Stärke und ein hohes Maß an Organisation erforderte.

Die Aufstiege
Am frühen Nachmittag machte sich Martin Sieberer von der Geraer Hütte auf den Weg zum Fußstein und stieg über die Nordkante auf. Er wählte bewusst die heißeste Zeit des Tages, um den größten Andrang zu vermeiden. Die markante Route umfasst 14 Seillängen und rund 550 Klettermeter bei Schwierigkeiten bis V/V+. Gegen 15 Uhr hatte Sieberer die Wand bewältigt – über glatte Platten, stets auf der Suche nach den wenigen verlässlichen Griffen.

Viel Zeit für die Dokumentation blieb nicht. Nach einigen Fotos als Beleg begann bereits der Abstieg über die Südseite. Gegen 18 Uhr erreichte er den Parkplatz bei der „Touristenrast“ – den ersten Zielpunkt und gleichzeitig den Ausgangspunkt für die nächste Etappe.

Auch diese Verbindung zwischen den beiden Kletterzielen war keineswegs zu unterschätzen. Sieberer hatte geplant, Bondo kurz nach Sonnenaufgang zu erreichen. Dreizehn Stunden und fast 300 Kilometer lagen vor ihm – mitten in der Nacht, quer durch Österreich und die Schweiz. Doch auch auf dieser Etappe lief alles nach Plan. Von Innsbruck bis Bondo wurde Martin von Max Dräger begleitet, der die Strecke ebenfalls mit dem Fahrrad zurücklegte und die gesamte Unternehmung dokumentierte. Nach Innsbruck ging es mit einem Zwischenstopp an der Raststätte in Landeck weiter Richtung Engadin. Über St. Moritz und den Malojapass erreichten die beiden schließlich das Bergell.

Die lange Fahrt ermöglichte es Martin, seine Gedanken zu ordnen und sich mental vorzubereiten. Die Verpflegung aus eigener Versorgung erwies sich allerdings als schwieriger als erwartet, und Möglichkeiten, unterwegs etwas zu essen oder zu trinken zu bekommen, waren rar. Kurz nach 7:30 Uhr begann schließlich der Aufstieg zum Pizzo Badile.

Der Nordgrat des Pizzo Badile wurde 1923 erstmals von Risch und Zürche begangen. Die rund 800 Meter lange Route weist Schwierigkeiten bis V+ auf. Fels und Charakter der Route erinnerten stark an die Kletterei am Fußstein – allerdings machte sich nun die zunehmende Ermüdung bemerkbar. Doch Sieberers Entschlossenheit war stärker als die Belastung – und auch als die Hitze an einem der heißesten Tage des Jahres. Nach einer kurzen Pause an der Capanna Sasc Furä folgte gegen 10:30 Uhr der letzte Abschnitt.

An Schwierigkeiten mangelte es auch hier nicht. Martin neigt jedoch von Natur aus und ganz bewusst dazu, diese nicht größer darzustellen, als sie tatsächlich waren. Er wollte die Fakten nicht zu einer künstlich überhöhten Heldengeschichte machen. Der finale Aufstieg dauerte knapp zwei Stunden. Um 12:23 Uhr erreichte Martin Sieberer den Gipfel des Pizzo Badile. Die größte Belohnung? Den Gipfel ganz für sich allein genießen zu können, den Blick über das Val Masino schweifen zu lassen – und anschließend gemeinsam mit seinem Freund und seiner Freundin endlich die lang ersehnte Pizza zu genießen.

Das Projekt
„Seit mehreren Saisonen plane ich, zwei Wände miteinander zu verbinden, die für mich eine ganz besondere Bedeutung haben“, erzählt der Alpinist. Sieberer wurde bereits zweimal für den Piolet d’Or nominiert, unter anderem für die Erschließung von zwei Routen am Schrammacher in den Zillertaler Alpen.

„Am Fußstein haben meine Sommerabenteuer begonnen. Er ist mein Hausberg. Im Gegensatz zu anderen Teams, die die Verbindung in umgekehrter Richtung angegangen sind – also mit dem Start am Pizzo Badile –, konnte meine persönliche Vision der Großen Nordpfeiler nur hier beginnen.“ Hinter dem Projekt standen jedoch nicht ausschließlich sentimentale Gründe. „Ich wollte meine Spuren hinterlassen, ohne eine physische Spur am Fels zu hinterlassen. So wie ich bei meinen Klettereien und Abstiegen immer darauf achte, sämtliches verwendetes Material wieder mit nach Hause zu nehmen, wollte ich auch die Verbindung zwischen den beiden Bergen möglichst sauber gestalten – ohne externe Unterstützung und ausschließlich mit dem Gravelbike als Fortbewegungsmittel.“

Als Vorbereitung hatte Sieberer bereits eine erste Testfahrt absolviert: Von Innsbruck fuhr er zum Nordgrat des Grundschartners (VI, 700 m) und wieder zurück – insgesamt 13 Stunden. Auch den Grat kletterte er solo. „Danach hatte ich bereits das Gefühl, ziemlich fit zu sein.“ Das passende Wetterfenster ergab sich schließlich beinahe im letzten Moment. „Da für mich keine Himalaya-Expeditionen geplant waren, konzentrierte ich mich auf dieses Projekt und intensivierte mein Training auf dem Rad. Nachdem zwei Schlechtwetterperioden meine Pläne in den vergangenen Wochen zunichtegemacht hatten, ergab sich Mitte August schließlich die Gelegenheit, auf die ich gewartet hatte.“

Seine möglichen Begleiter waren zu diesem Zeitpunkt mit anderen Projekten beschäftigt. Also entschied sich Sieberer, das Vorhaben alleine in Angriff zu nehmen. „Meine Freunde und Fotografen Max Dräger und Mario Kaeppeli begleiteten mich aus der Distanz. Max fuhr insbesondere während der Nacht auch mit mir mit und half dabei, dass mir die Müdigkeit nicht zu sehr zusetzte.“