Wir haben Lucas Pinheiro Braathen bei den ATOMIC Media Days kurz vor seinem ersten historischen Weltcupsieg für Brasilien getroffen. Der junge „bunte Vogel“ gibt tiefe Einblicke, vor allem, wie er weit über seine Leidenschaft Skifahren und das Siegen hinaus andere dazu inspirieren möchte, ihren eigenen Weg zu gehen.
Lucas, wie geht es dir heute fast zwei Jahre nach dem Start beim brasilianischen Verband? Und wie zufrieden bist du mit diesem Weg und dem Projekt bis jetzt?
Ich fühle mich erfüllt und zufrieden. Ich kann jeden Tag meinen Traum so leben, wie ich bin – ein Privileg, das nicht jedem Sportler zuteil wird.
Du hast damals gesagt: „Ich kann mit Stolz sagen, dass ich noch nie in meiner Karriere authentischer und freier war.“ Gilt das mehr denn je?
Ich glaube, ein entscheidender Wendepunkt war meine Auszeit. Damals habe ich den mutigen Schritt gewagt, ganz ich selbst zu sein und das Streben nach einem Leben, das anderen gefällt, aufzugeben. Und ich denke, der Weg seither ist einfach eine Fortsetzung davon. Ich lebe jetzt die Realität, die ich mir mit dieser Entscheidung geschaffen habe.
Was bedeutet für dich Skifahren und warum ist gerade Skifahren deine große Leidenschaft?
Skifahren ist für mich Freiheit. Da spielen Herkunft, Aussehen, Akzent oder Kleidung keine Rolle. Es geht nur um dich, die Natur und deine Beziehung zu ihr. Du bestimmst selbst, wie diese Beziehung aussieht, und genau das macht Skifahren für mich zu einer Kunstform. Ich betrachte die Berge wie eine Leinwand, auf der ich meine Gefühle ausdrücke, indem ich mit meinen Skiern Pinselstriche als Spuren hinterlasse.
Was bist du für deine Leidenschaft alles bereit zu geben?
Immer 100 Prozent. Und seit meiner Auszeit weiß ich: Solange ich alles gebe, werde ich mit meiner Leidenschaft Erfolg haben.
Ein Zitat von dir lautet: „Mein erstes Ziel sind gute Ergebnisse, mein zweites Ziel ist es, dem Sport etwas zurückzugeben, denn er ermöglicht mir das Leben zu leben, das ich so sehr liebe.“
Ja, für mich ist es wichtig, zu gewinnen und auf dem Siegerpodest zu stehen. Denn nur dann bekomme ich die Stimme, die ich brauche, um gehört zu werden. Und um letztlich das bewirken, was eigentlich mein Lebensziel ist: Menschen zu inspirieren, ihre eigenen Träume zu verfolgen, ganz egal, welche Träume das sind. Ich möchte eine Quelle der Inspiration sein und andere dazu anregen, nach Erfüllung zu streben, genau wie ich es tue. Ob im Sport oder außerhalb ist dabei völlig egal, denn genau darum geht es: Es muss ihr persönlicher Traum sein, den sie verfolgen, nicht meiner.
Du gibst doch aber auch direkt dem Sport etwas zurück?
Ja, da geht es um die Stiftung, die ich 2021 zusammen mit meinem Vater gegründet habe: die „Luci“-Stiftung. Dort möchte ich Stipendien an Menschen aus benachteiligten Verhältnissen vergeben, die aufgrund finanzieller Einschränkungen im Sportbereich nicht gefördert werden können. Denn letztendlich liegt der wichtigste Wert des Sports in unserer Gesellschaft in der Inklusion: Wir müssen die Zahl derer, die unter Ausgrenzung leiden, minimieren und stattdessen die Inklusion fördern, als wunderbaren gesellschaftlichen Beitrag, den der Sport leistet.
Klingt, als ob du nicht nur durch deine sportlichen Erfolge ein Vorbild für andere Sportler sein willst?
Für mich definiert sich Erfolg durch Glück. Glücklich sein ist doch unser grundlegendes Ziel. Genau das möchte ich beweisen, mit jeder perfekten Kurve auf der Piste, aber auch mit jedem kreativen Projekt, bei dem ich ein neues Thema anspreche. Glück zu suchen, bedeutet, Erfüllung zu suchen. Und nur du selbst weißt, was dich erfüllt.
Nicht dein Handy, nicht Social Media oder die Menschen um dich herum – in meinem Fall eben die Medien – bestimmen, was Erfolg für dich ist und wie du ihn erreichst. Das liegt allein an dir. Und ich hoffe, ich kann andere dazu inspirieren, genauso zu leben. Du kannst dein Umfeld positiv beeinflussen, indem du die beste Version deiner selbst bist. Egal, auf welchem Weg.
Spitzensport braucht stets auch Ausgleich. Was sind deine Kraftquellen?
In meiner Situation ist es schwer, die richtige Balance zu finden, weil ich stets ein Leben voller Gegensätze geführt habe. Ich bin ein Produkt der Kontraste: Meine Mutter ist Brasilianerin, mein Vater Norweger – zwei kulturelle Gegensätze. Winter und Sommer, feucht und trocken, dazu schon von Kindheit an ständig unterwegs. Ich bin ein Produkt dessen, wie mich das Leben geformt und zu dem Menschen gemacht hat, der immer nach Kontrasten sucht. Und dieses Leben hat mich auch zu dem Athleten geformt, der ich bin – und umgekehrt. Alles ist eins. Für mich geht es darum, im Hier und Jetzt zu leben. Es geht darum, inmitten all des Chaos, das das Leben mit sich bringt, innezuhalten und sich zu fragen: Was ist jetzt das Beste für mich? Wie möchte ich leben und wie kann ich die Balance finden? Deshalb muss ich neben der Skiwelt auch andere Interessen entdecken und diese wiederum nutzen, um mich stetig weiterzuentwickeln. Ein endloser Kreislauf, in dem sich alles gegenseitig nährt.
Was bedeutet es für dich, Teil der ATOMIC-Familie zu sein?
Für mich steht ATOMIC für die reinste Form des Skifahrens – für Leistung, die aus Leidenschaft, Präzision und Fortschritt entsteht. Als ich mit dem Skifahren begann, war für mich klar: Die Legenden fahren mit ATOMIC. Aber über die Ski hinaus geht es vor allem um die Menschen – die Entwickler, das Serviceteam und die Athletinnen und Athleten. Teil von ATOMIC zu sein, bedeutet, von einer Kultur umgeben zu sein, die sich niemals zufriedengibt; die ständig fragt, wie wir schneller, sauberer und mutiger durch unsere Schwünge ausdrücken können, wer wir sind. Es geht nicht nur darum, Rennen zu gewinnen, sondern den Sport gemeinsam weiterzuentwickeln.
Mein Ziel ist es vor allem Menschen zu inspirieren, ihre eigenen Träume zu verfolgen, egal, welche das sind.
Wie war für dich die gemeinsame Entwicklung eines neuen Produkts?
Ein Teil dieses Prozesses zu sein – von den ersten Ideen und Prototypen bis hin zu den Tests auf Schnee und dem Erleben der Entwicklung – verleiht dem Begriff Performance eine völlig neue Bedeutung. Man beginnt zu verstehen, dass jedes kleine Detail zählt: der Flex, die Balance, die Reaktion des Skis unter Druck. In der Zusammenarbeit mit dem ATOMIC-Team wird klar, dass es nicht nur um Produktentwicklung geht, sondern um das gemeinsame Streben nach kontinuierlichem Fortschritt. Für mich ist das auch ein kreativer Prozess: Ich kann meine Perspektive einbringen, als jemand, der Ausdruck und Kunst im Skifahren liebt – und sie bringen ihr technisches Spitzenwissen ein. Wenn diese Welten aufeinandertreffen, entsteht etwas wirklich Besonderes.
Was sind deine nächsten Ziele als Skifahrer?
Meine nächsten Ziele gehen über reine Ergebnisse hinaus. Natürlich will ich Rennen gewinnen und um Titel kämpfen, aber ich möchte auch neu definieren, was es bedeutet, ein Skifahrer auf höchstem Niveau zu sein. Ich will zeigen, dass Leistung und Persönlichkeit zusammengehören, dass Rennsport sowohl Kunst als auch Sport sein kann. Kurzfristig geht es darum, mich technisch weiterzuentwickeln, neue Ebenen von Konstanz und Geschwindigkeit zu erreichen. Langfristig möchte ich als der Mensch in Erinnerung bleiben, der eine neue Generation inspiriert hat, selbstbewusst auszudrücken, wer sie ist. Ganz egal, ob auf Skiern oder abseits davon.
















