Mika Vermeulen ist voll in der Spur. Für Österreichs besten Skilangläufer hat die Reise trotzdem erst begonnen. Weil er sein wahres Potenzial noch entdecken möchte.
Mika, deine Eltern waren Langlaufprofis, haben dich nach dem finnischen Weltmeister Mika Myllylä benannt. Warum nicht nach Bjørn Dæhlie? Der war noch erfolgreicher …
Meine Mutter war schwanger mit mir, als Mika Myllylä bei der Ski-WM in Ramsau dreimal Gold gewann. So kam das mit dem „Mika“. Und ich bin damit sehr zufrieden.
Mal darüber nachgedacht, wie dein Leben ohne das Langlaufen verlaufen wäre?
Tja – hätte, hätte, Fahrradkette.
Radfahrer?
Gut möglich! Unsere Familie ist jedenfalls ausdaueraffin und absolut sportfanatisch. Deshalb sind meine Eltern aus den Niederlanden in die Ramsau gezogen. Hier fanden sie das ideale Umfeld für ein sportliches Leben.
Du sagst, Langlaufprofi zu werden, sei ein Kindheitstraum gewesen. Gab es dafür einen Schlüsselmoment?
Meine Idole waren Hermann Maier und Michi Walchhofer. Ich wollte Skifahrer werden. Mein Vater meinte, das sei aufgrund der Verletzungsgefahr eine riskante Berufswahl. So war ich zunächst in der Nordischen Kombination aktiv, und irgendwann war klar, dass mir das Langlaufen die besten Möglichkeiten bietet. Es war also nicht mein erster Kindheitstraum. Aber es war der Traum, der in Erfüllung ging. Und heute würde ich nichts lieber tun als genau das.
Mit 26 Jahren bist du Österreichs bester Langläufer. Traum erfüllt?
Einerseits ja. Die Erfolgsmomente auf der Ziellinie sind unglaublich schön und intensiv. Sie sind aber auch kurz und nach einer Stunde ist das Gefühl schon wieder vorbei. Es geht zwar um diese magischen Augenblicke. Aber auch um die Reise und die ist bei mir noch nicht beendet. Das fühle ich genau.
Was spürst du?
Dass nicht alles draußen ist. Ich spüre, dass da noch mehr in mir steckt.
Langlaufen war nicht mein erster Kindheitstraum. Aber es war der Traum, der in Erfüllung ging.
Wie willst du es aus dir herausholen?
Es geht um das ständige Pushen seiner Limits. Warum ist ein anderer schneller als ich? An welchen Stellschrauben kann ich drehen? Das Anpassen kleinster Details ist unglaublich spannend und in meinen Augen das Interessante am Spitzensport.
Ihr habt euch im Weltcup selbst versorgt, um die Ansteckungsgefahr an den Hotelbuffets zu vermeiden. Ist so etwas wirklich notwendig?
Absolut! Ein krankheitsbedingter Ausfall trifft dich vielfach: Du musst Energie in die Genesung investieren und verlierst wertvolle Zeit, die du zusätzlich benötigst, zurück auf das Level zu kommen, um bei voller Leistungsfähigkeit deine Limits zu verschieben und besser zu werden.
Wie erlebst du dein Limit? Eher im Kopf oder im Körper?
Beides. Das körperliche Gefühl ist dabei von der mentalen Verfassung abhängig. Im Training visualisiere ich gerne das nächste Rennen, das nächste Großereignis. Ich stelle mir vor, dass ich gerade mein wahres Potenzial entdecke. Wenn ich mental gut drauf bin, komme ich dabei immer wieder in einen Flow und laufe wie in Trance.
Und wenn du nicht so gut drauf bist?
Dann ist es harte Arbeit. Auch die muss erledigt werden.
Was denkst du dir dann?
Es ist dein Beruf. Du hast es dir so ausgesucht. Also fang jetzt nicht an zu jammern …
Birgt das nicht die Gefahr, sich zu überfordern?
Zu differenzieren, ob man am Jammern ist oder ein Virus in einem steckt, ist die große Schwierigkeit. Deshalb muss man auch negative Gefühle zulassen und versuchen, sie richtig zu deuten. Ich gleiche mein Gefühl mit Trainingswerten ab. Die Entscheidungsbefugnis meines Gefühls ist im Zweifel allerdings höher als die meiner Daten.
Wann war das zuletzt so?
Vergangenen Samstag. Drei Intervalle mit 30 Minuten im Wettkampftempo. Da musst du bereit sein zu leiden. Du musst aber auch physisch am Start sein, damit dein Körper den Reiz verarbeitet und besser wird. Beim Einlaufen dachte ich noch, ich wäre am Jammern. Beim Start des Intervalls kam dann aber ein stark negatives Gefühl. Ich habe abgebrochen, obwohl die Pulswerte bestens waren.
Und?
Am Nachmittag fing die Nase an zu laufen. Ich bin ins Bett, habe gut geschlafen und bin am nächsten Morgen topfit aufgestanden. Hätte ich mein Gefühl ausgeblendet und das Training volles Rohr durchgezogen, rein ins offene Immunsystem – dann wäre ich wohl eine Woche flachgelegen.
Die Entscheidungsbefugnis meines Gefühls ist im Zweifel allerdings höher als die meiner Daten.
Dein Bruder Moran hat 2024 mental ausgebrannt seine Karriere als Radprofi beendet. Hat er zu wenig auf sein Gefühl gehört?
Ich habe bis heute keinen Athleten erlebt, der so beinhart trainiert hat wie mein Bruder. Er hatte ein brutales Talent, seine Emotionen abzuschalten, war sich im Training komplett egal. Und das jeden Tag. Sechs Grad, Wind, Regen – fünf Stunden auf dem Plan? Okay, machen wir sechs. Moran war überragend im Agieren. Aber vielleicht war er am Ende nicht so gut im Reagieren.
Ihr habt als Brüder viel über seinen Rücktritt gesprochen. Was hat das in dir ausgelöst?
Es war sehr bewegend. Als Kind hat mich nichts mehr motiviert, als meinen großen Bruder zu schlagen. Später war er mein Vorbild in Sachen Fleiß und Trainingseinstellung. Meine Saison 2023 war extrem schlecht, ich traf falsche Entscheidungen, habe gezweifelt. Ich sagte mir: Jetzt machst du es wie Moran. Er würde rausgehen und trainieren. 2024 habe ich dann mein erstes Weltcuppodest geholt. Ohne meinen Bruder wäre ich heute nicht dort, wo ich bin.
Und ohne deinen Umzug nach Norwegen?
Wahrscheinlich auch nicht.
Was machen die Norweger besser?
Junge Athleten werden nicht trainiert, sondern ausgebildet. Man redet sehr viel und da geht es um mehr als nur um Sport. Gibt’s Stress mit der Freundin? Schlafe ich gut? Habe ich Freude an dem, was ich tue? All diese Faktoren ergeben am Ende die Leistung. Sportler bekommen den Freiraum, sich selbst zu gestalten. Niemand wird darauf getrimmt, Folge zu leisten. Ein Trainer in Norwegen ist eine Begleitperson, die dir behilflich ist. Ob dein Weg dann aber links oder rechts oder obendrüber geht, das musst du selbst entscheiden. Du willst gut werden? Dann musst du dich selbst gut machen.
Und wie gut willst du werden?
Ganz ehrlich?
Ja, bitte …
Natürlich möchte ich Olympiasieger werden. Oder Weltmeister. Ich glaube daran, auch wenn die Chancen gegen mich sprechen. Aber ganz egal, wohin es gehen wird: Ich habe meine Leidenschaft zu meinem Beruf gemacht. Schon das ist ein großer Erfolg. Viele Menschen sitzen im Büro und sind froh, wenn sie abends nach Hause kommen. Ich erlebe eine wahnsinnig schöne Zeit, die ich um kein Geld der Welt tauschen möchte. Am Ende willst du doch einfach nur zurückblicken und dir sagen: Ich hatte gemeinsam mit vielen anderen Menschen einen Riesenspaß im Leben

















