Sonne, Strand, Meer und ein Haufen gleichgesinnt Wahnsinniger, die sich einbilden, in einer Woche das Radfahren neu zu erfinden und so eine gewaltige Form aufzubauen, dass sich die daheimgebliebenen Kollegen ins Radhöschen machen. Genau so stellt man sich ein Trainingslager im Frühjahr vor.

Nicole Weiss
Nicole Weiss / unicorn-racing.com

So hatte ich es auch geplant – aber wie es nun mal so oft ist, kommt es anders, als man denkt: Trainingslager in Italien vom Verein abgesagt, ein anderes Camp beruflich nicht möglich und dies genau im Jahr der ersten Langdistanz. Was also tun? Weinen? Aus Frust Schuhe kaufen? Oder nicht verzagen und das Training einfach daheim durchziehen? Trotz der Option des Schuhekaufens habe ich mein Trainingslager einfach nach Hause verlegt und versucht, ein paar Gründe zu finden, warum es sich auch daheim lohnen kann:

1. Man kann sich auch zu Hause nach allen Regeln der Kunst zerstören
Kärnten bietet durch seine selektiven Strecken genügend Möglichkeiten, sich zu quälen, bis man sich übergeben muss (oder zumindest bis man denkt, dass es gleich soweit sein müsste). Schon mal auf die Simonhöhe oder auf die Turrach pedaliert? Wer Höhenmeter mag, wird es lieben (der Rest flucht eben vor sich hin).

2. Der (a)soziale Faktor
Sollten einen die Freunde, die mit Triathlon und dem damit verbundenen Irrsinn nicht viel anfangen können, nicht schon längt verlassen haben, so gibt es bei einem „Trainingslager daheim“ die Möglichkeit, diese auch wieder mal zu sehen. Wenn man durch das viele Training und den Job auf der sozialen Ebene in den letzten Monaten nachgelassen hat („Sorry, ich kann nicht, hab noch Schwimmtraining“, „Sorry, ich kann nicht, heute noch Koppellauf“, „Sorry, konnte nicht, bin um 18:05 Uhr eingeschlafen“ … kennen wir doch alle!), kann man im „Trainingslager daheim“ mal bei den Freunden vorbeiradeln oder sie am Abend einladen (wenn man bis 18:10 Uhr wach bleibt).

3. Das große Fressen
Ok, zu den größten Trainingslager-Benefits zählt es definitiv, dass man nicht selbst kochen muss, sondern sich einfach an das große Buffet stellen kann. Für mich persönlich gestaltet sich das aber oft als recht schwierig, denn wie oft bekommt man bei den Anbietern schon Vegetarisches oder Bio-Lebensmittel. Beim letztjährigen Trainingslager in Italien offerierte man Eier mit der Markierung „4“. Wenn also „0“ Bio bedeutet und „3“ Käfighaltung, will ich gar nicht erst wissen, wofür die „4“ steht. Also wurde der Gang zum Buffet ein Spießrutenlauf, denn Blondie isst 60% des Essens ja nicht. Im „Trainingslager daheim“ kann man also mal den Ansatz verfolgen, das Essen und das Kochen bewusst zu zelebrieren. Dann geht man eben zum Biomarkt des Vertrauens und weiß dafür genau, was man isst. Klar, kostet dies wieder Zeit und Energie, aber zumindest ich habe dabei ein super Gefühl und kann das Essen dann entspannt und guten Gewissens genießen.

4. Das eigene Bett
Manchmal hat man in Trainingslagern nicht das Glück des bequemen Hotelbettes, erholsamer Schlaf fällt dann schon mal schwer und mein Gott, man braucht ihn doch so dringend. Im eigenen Bett sollte dies für gewöhnlich nicht passieren. Für ein wenig Trainingslager-Flair kann man sich das Rad ja neben das Bett stellen. Man munkelt ja, dass bei manchen Menschen das Rad stets neben dem Bett steht (damit man wenigstens immer mit dem Satz „Good morning, beauty …“ aufwachen kann).

5. Die Radauswahl
Vor allem jene Triathleten, die ein Trainingslager auf Mallorca, Lanzarote oder ähnlichen Destinationen geplant haben, kennen das Dilemma: „Rad mitnehmen oder vor Ort eines für die Woche leihen? Rentiert er sich überhaupt, den Transfer per Flugzeug zu organisieren? Ich hab‘ doch gar keinen Radkoffer?! Diesen auch noch kaufen? Ach, mieten wir eines! Aber ich wollte doch auf meinem Wettkampfrad Kilometer sammeln…“ Zuhause kann man elegant mit seinem Rad fahren, ein neues Set-Up ausprobieren oder – sofern diese Luxussituation besteht – je nach Strecke und Trainingsziel zwischen Rennrad und
Zeitfahr-Lebensgefährt wählen. Geil.

6. Heimische gleichgesinnte Wahnsinnige
Auch in den eigenen Breiten gibt es genug ambitionierte Kollegen, die einen bei den Ausfahrten begleiten. Ich habe durch den Radclub Althofen natürlich das Glück, gleich ganz viele Trainingspartner zur Verfügung zu haben … wobei ich sie in der Trainingswoche auch schon mal verflucht habe (ich sage nur „Zeitfahrtraining“ und verweise auf Punkt 1. Aber ich habe überlebt. Irgendwie. Aber es war nicht schön.).

7. Die Nachhaltigkeit
Der Öko in mir verweist natürlich auch gerne auf die Tatsache, dass man sich viele Kilometer per Flugzeug oder Auto spart, wenn man seine 6-Stunden-Tour einfach vor der Haustüre startet. Es reicht ja schon, wenn man manche Rennen in fernen Destinationen bestreitet und damit seine CO2-Bilanz in die Tonne tritt.

8. Der Geld-Faktor
Bleibt man daheim, spart man sich so einiges an Geld! Dieses kann wiederum in Gadgets für das Rad, das 15. Laufshirt (das man eigentlich nicht braucht) oder in die anfangs erwähnten Schuhe investiert werden (die man echt nicht braucht, aber mei … so schön!).

9. Italo-Flair powered by Straßenbauamt
Jeder, der schon mal in Italien geradelt ist, kennt es: Irgendwann hört die schöne Straße einfach mittendrin auf und man darf einen Kilometer lang über Schotter, Erde und Felsen schleichen. Wenn man lange genug sucht, wird auch in Kärnten fündig und kann sich über ein wenig Italo-Flair freuen. Einziger Wermutstropfen: der Überraschungseffekt fehlt – hier werden Baustellen oder fehlender Asphalt meistens mit Markierungen und Schildern angekündigt.

10. Kärnten
Hier braucht es nicht vieler Worte: Kärnten ist wunderschön und bietet alles, was man sich für eine Trainingswoche nur wünschen kann! Ist so!

Ja, so kann man sich das „Trainingslager daheim“ richtig schönreden und es hat funktioniert. Es wurden in dieser Woche 510 Kilometer geradelt, fast 50 Kilometer gelaufen und ein wenig regenerativ gebadet wurde auch. Aber bei all der Lobhudelei muss auch festgehalten werden: Um zu Hause gleich zu performen wie in einem Trainingslager mit Gruppenzwang am Meer und einem All-Inclusive-Hotel, braucht es viel Disziplin und Motivation. Vor allem muss man darauf achten, sich nicht ablenken zu lassen, wenn nicht trainiert wird (man könnte ja noch schnell die Wohnung umdekorieren …). Aber ich sehe auch das als mentale Vorbereitung auf den Ironman: fokussiert bleiben und sich selbst in den Allerwertesten treten, wenn man eigentlich keinen Bock mehr hat.

Nicole Weiss
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