“Pax“ – das lateinische Wort für Frieden – rahmt als Motto die 39. Auflage des “Maratona dles Dolomites“ ein. Und es gibt wohl kaum einen Ort auf dieser Welt, jedenfalls nicht im Morgengrauen des 05. Juli 2026, wo dieser aktuell sehr strapazierte Begriff mehr denn je spürbar wird als in Alta Badia in Südtirol.
Es ist 06.00 Uhr in der Früh und noch 30 Minuten bis zum Start von einem der größten Radmarathons der Welt: Die Maratona dles Dolomites – Enel. Jedes Jahr gibt es mehr als 30.000 Anfragen für 8.000 verfügbare Plätze. Aus 80 Nationen kommen die Teilnehmer:innen. Sie sind hier, um ihre Leidenschaft für den Radsport gemeinsam zu teilen. Um einen einzigartigen Tag zu erleben. Vielleicht auch, um ein persönliches sportliches Ziel zu erreichen. Aber ganz egal warum – sie alle setzen ein Zeichen, wie einfach ein Miteinander doch sein könnte.
Die Veranstaltung bietet drei Strecken an: die kürzeste Strecke, die berühmte „Sellaronda“, umfasst 55 km mit 1.780 Höhenmetern, die „Mittlere“-Strecke ist 106 km lang mit 3.130 Höhenmetern, und die „Maratona”-Strecke“ ist 138 km lang mit 4.230 Höhenmetern. Dabei inklusive ist die Kulisse der majestätischen Dolomiten – UNESCO-Weltnaturerbe – mit ihren legendären Pässen Campolongo, Pordoi, Sella, Gardena, Giau und Falzarego-Valparola, die die Geschichte des Radsports geprägt haben. Welche Strecke man fährt, kann man unterwegs entscheiden.
Verkehrsfreie Straßen, 6 Stunden Live-Übertragung der RAI, über 1.500 Freiwillige, ladinische Tradition und Kultur machen diese Veranstaltung zu viel mehr als nur einem Rennen. Die gesamte Atmosphäre allein bewirkt schon Gänsehaut. Hinzu kommt Vorfreude, begleitet von gesunder Nervosität und Anspannung. Und darüber schwebt Begeisterung und Staunen, wenn die ersten Sonnenstrahlen die imposanten Felsen zwischen dem Startort La Villa und dem weiter taleinwärts liegenden Corvara, wo sich das Ziel befindet, hell erleuchten. Wettertechnisch wartet ein perfekter Tag auf die Radsportler:innen.
Mit dem Startschuss um 06.30 Uhr beginnt eine herausfordernde, aber ob der Rahmenbedingungen auch genussvolle Reise. Die Aufgabe, nun einen Pass nach dem anderen vor sich zu haben, wird schnell zum Privileg.
Nach 4 km Einrollen folgt mit dem Passo Campolongo der erste Anstieg und schnell zieht sich das Feld in die Länge. So lang, dass der gesamte Berg voll ist mit Radfahrer:innen. Der Helikopter kreist über ihnen und hält dieses einzigartige Bild fest. Und auch als Teilnehmer mittendrin spürt man, gerade Teil etwas ganz Besonderen zu sein.
Dieses Gefühl setzt sich nach der ersten Passhöhe unmittelbar fort, wenn man erstens doch trotz aller Anstrengungen dieses unfassbare Panorama wahrnimmt, und zweitens realisiert, dass die folgenden Abfahrten heute nur den Radfahrer:innen gehören. Heißt nicht sinn- und hirnloses Risiko, sondern purer Spaß durch die Kehren – und kurze Erholung für die Beine.
Der Pordoipass ist mit etwas über 600 Höhenmetern auf knapp 9 Kilometern der längste Berg der Sellaronda. Trotz aller Euphorie nicht überpacen, lautet die Devise. Die nächste schnelle Abfahrt und das Sellajoch stellt sich zwischen den Felsen vor einem auf. Spektakulärer kann eine Umgebung kaum sein. Der Passo Gardena teilt sich in zwei Hälften und nachdem sich das Spiel von Rhythmus bergauf, Genuss bergab und Nahrungszufuhr irgendwo dazwischen vier Mal wiederholt hat, ist man nach 55 Kilometern wieder in Corvara.
Es geht durchs Ziel und, wer möchte, weiter: Nochmal den Campolongo hoch, nach der Abfahrt in Arabba dann aber links talauswärts weiter. Auf den nächsten 25 Kilometern rollt es in der Gruppe zügig dahin, unterbrochen nur durch zwei Gegenanstiege.
Zeit, in Ruhe zu verpflegen und die Beine etwas zu entlasten. Mit dem Passo Giau steht der schwierigste Teil der langen Strecke unmittelbar bevor. Zehn Kilometer lang und über 900 Höhenmeter. Nur ganz wenige, ganz kurze Flachpassagen am Weg zum höchsten Punkt des Tages. 25 Tornanti – also Kehren – sorgen für Abwechslung am Weg nach oben.
Ja, man spürt die Beine. So richtig. Aber es ist kein Leiden. Nicht heute. Die Freude, hier alle Trainingshöhenmeter bei so prachtvollen Bedingungen auf die Straße bringen zu dürfen, überwiegt jeden Schmerz, bis die Kuppe erreicht ist.
Mit einer kurvenreichen Abfahrt bis Pocol, dem nächsten Gel intus und dem Mindset “einer noch“ geht es flott in den Anstieg zum Passo Falzarego-Valparola. Nicht so steil, aber dafür nochmal über 13 Kilometer bergauf. Spätestens hier ist man nun in einer Gruppe mit ziemlich gleichwertigen Kollegen. Logisch, irgendwie – nach über vier Stunden im Sattel. Und jeder weiß, oben ist es quasi geschafft.
Die letzten 20 Kilometer sind geprägt von einer sehr schnellen Abfahrt bis La Villa, wo alles begann. Noch einmal purer Genuss auf der völlig gesperrten Strecke. Und von der “Mur di Giat“ – einer kurzen, bis zu 20 Prozent steilen Rampe fünf Kilometer vor dem Ziel. Die tut natürlich nochmal richtig weh – Giro d’Italia-Stimmung lässt die Anstrengungen aber fast vergessen und inmitten der mehr oder weniger schmerzverzerrten Mimik lässt sich ein Grinsen nicht unterdrücken.
Etwas über fünf Stunden sind nun vergangen. Lange, aber gefühlt wie im Flug, weil ein Highlight dem Nächsten folgte und ständig etwas los war. Die Schnellsten sind längst im Ziel und auch ich freue mich, in Kürze absteigen zu dürfen. Der rote Teufelslappen für den “ultimo chilometro“ und mit dem Überqueren der Ziellinie wechseln sich die Gefühle im Sekundentakt ab: Freude, Erschöpfung, Erleichterung, Begeisterung, Demut und ganz viel Dankbarkeit. Was für ein Tag!
Auch das Hungergefühl stellt sich bald ein – aber auch hier wissen die Italiener zu überzeugen und versorgen die Athlet:innen im Ziel mit bester Pasta al dente. Wie generell die gesamte Organisation vor, während und nach dem Rennen toll funktioniert. Überhaupt – das ganze Tal lebt an diesem Wochenende den Radsport. Friedlich. Gemeinsam. Stilvoll.
Die Maratona dles Dolomites – muss man mal gemacht – oder besser gesagt erlebt haben. Es war sensationell. Grazie mille!

















