330 Kilometer, 25.000 Höhenmeter in etwas mehr als 78 Stunden. Ultratrailrunner und BOA-Athlet Florian Grasel hat sich beim Tor des Géants im italienischen Aostatal 2025 einen Lebenstraum erfüllt und Platz zehn unter 774 Finishern erreicht. Zufrieden ist der Niederösterreicher trotzdem nicht. Im Interview spricht er über ungewöhnliche Trainingsmethoden, Grenzzustände, schlechte Sänger in der Nacht – und warum er es im September 2026 noch einmal versuchen will.
Wenn man dich beim Training sieht, etwa mit Daunenjacke bei 30 Grad oder um vier Uhr früh deinen Haushügel mit 100 Höhenmetern rauf und runter: Was daran ist typisch Flo Grasel?
Typisch ist wahrscheinlich, dass ich gern experimentiere und offen für Neues bin. Dieses Hitzetraining ist gerade ziemlich en vogue. Es ist interessant, weil du extrem schnell in einen Zustand kommst, den du normalerweise erst nach sechs bis acht Stunden erreichst. Im normalen Training läufst du viele Steigungen einfach – im Rennen wie dem Tor des Géants nach 20, 30 oder 40 Stunden gehst du sie nur mehr. Auch auf meinem Haushügel mit diesen 100 Höhenmetern kommst du in ein Schrittmuster hinein, das du sonst erst nach vielen Stunden spürst, weil der Körper in einer Ausnahmesituation ist – durch Hitze, Schwitzen und Belastung.
Das Spannende daran ist: Du kannst den Stress eines langen Rennens simulieren, ohne den Bewegungsapparat stark zu belasten. Knie und Gelenke halten diesen mechanischen Stress nur begrenzt aus. Für das Herz-Kreislauf-System ist es dagegen ziemlich interessant. Ich werde das heuer sicher wieder machen. In der Nachbarschaft sollte man sich damit allerdings eher nicht sehen lassen – deshalb bin ich meistens früh unterwegs. Es schaut schon ziemlich strange aus.
Du kommst aus der IT-Welt, wo vieles planbar, messbar und optimierbar ist. Wie viel davon steckt auch im Ultratrailrunning – und wo stößt diese Planbarkeit an ihre Grenzen?
Der beste Plan hält meistens nur bis zum ersten Feindkontakt. Wobei: In der IT ist es eigentlich ähnlich – auch dort funktioniert selten alles genau so, wie man es sich vorgestellt hat. Es spielen immer viele Komponenten mit hinein – und oft gilt: Wenn etwas funktioniert, ist das schon ein Erfolg. Davon nehme ich viel mit ins Ultratrailrunning.
Und dann: Du hast immer Höhen und Tiefen, genauso wie im Berufsleben. Einmal bist du himmelhoch jauchzend, dann wieder zu Tode betrübt. Gerade bei extremen Rennen wie dem PTL (La Petite Trotte à Léon, ein Team-Rennen mit rund 300 km und 25.000 hm in der UTMB-Woche in Chamonix, das Grasel 2024 bestritt, Anm.) oder dem Tor des Géants habe ich gelernt: Egal wie verzweifelt du gerade bist oder wie schlimm sich eine Situation anfühlt – irgendwann geht es meistens auch wieder bergauf.
Das kenne ich auch aus dem Unternehmertum. Auch da gibt es drastische Phasen, die im Extremfall 16- bis 20-Stunden-Tage bedeuten. Aber ich habe gelernt: Irgendwann kommt wieder ein Hoch. Auf das freut man sich dann umso mehr.
Du hast das „System“ des Tor des Géants erst im Rennen verstanden. Du bist davon ausgegangen, dich nur an bestimmten Stellen verpflegen zu können, während die anderen Läufer viel mehr Support hatten. Ist das auch typisch für die Ultratrail-Welt, dass so etwas passiert – mit vielen Jahren Erfahrung?
Naja, vielleicht ist das eher typisch für meine chaotische Art, wie meine Frau sagen würde. Ich bereite mich grundsätzlich intensiv vor, aber ich bin diesmal von falschen Annahmen ausgegangen. Ich habe die Ausschreibung und den Verhaltenskodex nicht im Detail gelesen, weil ich mir gedacht habe: Ich bin seit 15 Jahren dabei, gewisse Grundregeln gelten ohnehin überall.
Normalerweise gilt zum Beispiel, dass du Stöcke von Start bis Ziel mittragen musst, wenn du sie einmal dabeihast. Beim Tor war das anders – du hättest sie an Stationen deponieren können. Noch wichtiger war aber die Support-Frage. Bei den meisten großen Rennen ist Betreuung nur an den großen Lifebases erlaubt. Deshalb habe ich oft Verpflegung für 50 Kilometer mitgetragen.
Beim Tor des Géants ist Support aber praktisch an jeder Labestation erlaubt. Wenn du nur für zehn Kilometer planst, brauchst du deutlich weniger Essen, weniger Material und kannst viel leichter unterwegs sein. Dazu kommen Dinge wie Stirnlampen oder Zusatzbekleidung. Wenn du weißt, dass du in zwei oder drei Stunden wieder Unterstützung hast, kannst du ganz anders agieren. Der mit leichterem Gepäck hat natürlich einen Vorteil – aber es ist eben erlaubt. Das habe ich im Rennen gelernt.
Wenn du auf deine Entwicklung schaust: Vom UTMB mit 160 km/10.000 hm über Teamrennen mit Tom Wagner wie dem Eiger 250 mit 250 km/18.000 hm oder dem PTL bis hin zur 300-Kilometer-Distanz solo wie dem Tor des Géants. Oder plakativer über die Renndauer: Beim UTMB sind Läufer deiner Klasse unter 24 Stunden unterwegs, beim Tor 80 und beim PTL 100 Stunden. Ist das noch die gleiche Sportwelt oder schon etwas anderes?
Das Witzige ist: Der Tor des Géants, zumindest so wie ich ihn angehe, ist wieder näher am UTMB als etwa der PTL mit Tom Wagner. Der PTL ist viel Abenteuer-lastiger. Du bist komplett autonom unterwegs, hast dein ganzes Equipment dabei – Steigeisen, Klettergurt und alles, was dazugehört. Du startest Montagfrüh und kommst Freitagabend zurück. Eine lange Abenteuer-Arbeitswoche in den Bergen, in der du fast komplett auf dich selbst gestellt bist. Du hast ein paar Hütten und wenige Labestationen – das war’s.
Der Tor ist dagegen viel stärker ein Rennen. Support, Labestationen alle zehn Kilometer – und wenn du vorne mitlaufen willst, hat das einen echten Renncharakter. Natürlich kommen neue Herausforderungen dazu. Schlafmanagement etwa. Oder Logistik. Du willst möglichst leicht unterwegs sein und gleichzeitig sicher. Du willst nicht zu viel tragen – aber nachts auch nicht irgendwo erfrieren.
Und du musst das Rennen viel besser kennen. Welche Lifebase eignet sich zum Schlafen? Wo wirst du ungefähr wann ankommen? Ich bin letztes Jahr einmal in einem Tourismusort gelandet, da war ein Volksfest mit Livemusik. Es war die zweite Nacht, ich wollte schlafen – aber ich konnte nicht, weil jemand so schlecht gesungen hat wie ich es noch nie in meinem Leben gehört habe.
Solche Faktoren kommen dann dazu. Wenn du vorne mitlaufen willst, musst du viel mehr über das Rennen wissen.
Was sagt dieses Streben nach immer längeren Distanzen über dich aus – ist das einfach eine Folge des Älterwerdens oder steckt mehr dahinter?
Ich habe ehrlich gesagt lange gehadert, ob ich den Tor de Géants überhaupt noch einmal laufen will. Für mich macht Trailrunning eigentlich Natur aus, autonom unterwegs zu sein und möglichst wenig Abhängigkeiten zu haben. Genau deshalb hat mir der PTL zum Beispiel so gut gefallen.
Gleichzeitig hat mich der Tor noch einmal gereizt – gerade weil ich jetzt weiß, was ich letztes Jahr falsch gemacht habe und das Gefühl habe, dass ich es mit dieser Erfahrung besser machen könnte. Ich möchte sehen, was noch möglich ist. Ob da in diesem „schneller, höher, weiter“ noch etwas geht. Das treibt mich schon an. Ich möchte mein Potenzial ausnutzen – und schauen, ob vielleicht sogar Top 3 möglich sind.
Beim Tor des Géants warst du 78,5 Stunden unterwegs, mit nur 6 Stunden Rast und 4 Stunden Schlaf. Warum begibt man sich freiwillig in solche Extremsituationen? Ist das auch ein Teil des Reizes?
Absolut – das ist definitiv ein Teil des Reizes. Man kann es sich im Vorhinein eigentlich nicht vorstellen. Und ehrlich gesagt: Ich kann es mir heute oft selbst schon nicht mehr vorstellen, wie das damals war und wie das überhaupt zu schaffen ist – obwohl ich es schon mehrmals erlebt habe. Ich habe großen Respekt davor.
Nach solchen Rennen denkt man sich einerseits: Das mache ich nie wieder. Und gleichzeitig entsteht wieder dieser Reiz, noch einmal in diesen Ausnahmezustand hineinzukommen. Teilweise erreichst du einen fast transzendenten Zustand und willst wissen: Bin ich dem gewachsen? Was passiert da mit mir? Es ist schon … strange, muss ich ganz ehrlich sagen.
Und warum man sich das noch einmal antut? Puh. Man muss schon ein bisschen einen Knall haben, um das freiwillig wieder zu machen.
Welche Momente in Ultratrailrennen bleiben besonders im Kopf? Du hast auch einmal gesagt: Du machst auch deshalb viele Fotos und Videos, weil man durch den Extremzustand im Rennen vieles gleich wieder vergisst?
Einerseits bleiben natürlich die Landschaften im Kopf. Andererseits aber vor allem die Erfahrungen und Begegnungen mit anderen Läufern, die im selben Zustand unterwegs sind wie man selbst. Das bleibt hängen. Beim Tor habe ich mich letztes Jahr sehr aufs Rennen konzentriert und werde das heuer anders machen – mehr dokumentieren, mehr festhalten. Beim PTL war das anders. Weil es stärker Abenteuer war, haben Tom Wagner und ich viele Fotos und Videos gemacht – auch wegen der Situationskomik und der Dynamik zwischen uns. Wenn man sich das im Nachhinein anschaut, denkt man sich oft: Arg. Strange. Wie war ich da eigentlich drauf? Denn vieles vergisst man tatsächlich wieder.
Und dann gibt es natürlich auch die weniger schönen Bilder. Ein Foto vom Tor zeigt mich völlig fertig, wie ein Häufchen Elend mit schwarzen Augenringen. Das sind die anderen Seiten, die man nicht unbedingt gern sieht.
Beim Tor des Géants war im Vorjahr dein Vater dein „Supportteam“. 2026 wirst du mit einem deutlich größeren Umfeld unterwegs sein. Was erwartest du dir?
Heuer werden wir das noch einmal deutlich organisierter angehen – gemeinsam mit BOA. Gleichzeitig muss ich sagen: Ich finde es fast ein bisschen übertrieben, nur fürs Laufen so einen Aufwand zu treiben. Logistisch bringt das auch Stress mit sich. Du weißt plötzlich: Da stehen Menschen dahinter, da ist Verantwortung.
Das ist etwas anderes, als wenn ich bei irgendeinem FKT (Fastest Known Time, also Bestzeiten auf definierten Strecken außerhalb von Rennen, Anm.) einfach loslaufe und schaue, was passiert. Eigentlich ist es eher mein Ding, Dinge für mich selbst zu machen, autonom unterwegs zu sein. Aber nachdem die anderen scheinbar auch gern dabei sind, freue ich mich natürlich über diese Unterstützung.
Bei Distanzen wie dem Tor des Géants ist Ausrüstung Teil der Rennstrategie. Worauf vertraust du dabei – und was muss Material leisten?
Absolut – gerade beim Tor wird da nichts dem Zufall überlassen. Das Rennen ist in viele kurze Segmente eingeteilt, und genau dadurch wird die optimale, minimale – aber trotzdem sichere – Ausrüstung entscheidend. Es klingt vielleicht banal, aber da geht es wirklich um Gramm. Untertags nehme ich zum Beispiel nicht die große Stirnlampe mit, sondern nur die kleine, weil ich weiß, dass ich in zwei oder drei Stunden ohnehin wieder Zugriff aufs Material habe.
Das Gleiche gilt für Kleidung. Wenn es 25 Grad hat und ich weiß, dass ich bald wieder in einer Lifebase bin, nehme ich nicht automatisch die große Jacke mit – auch wenn ich sie später vielleicht brauche, um nachts irgendwo kurz schlafen zu können. Diese Logistik macht das Rennen einerseits spannend, andererseits auch ein bisschen absurd, wenn man bedenkt, dass es – unter Anführungszeichen – eigentlich nichts zu gewinnen gibt.
Merkt man auf solchen Distanzen die Entwicklung bei Schuhen und anderer Ausrüstung besonders stark? Da hat sich ja in den letzten Jahren enorm viel getan.
Definitiv. Gerade Themen wie Verarbeitung, Passform oder Systeme wie BOA machen einen Unterschied. Der Fuß schwillt extrem an. Bergauf willst du es lockerer haben, später kommt vielleicht eine technische Passage oder ein Klettersteig, wo du wieder maximale Stabilität brauchst. Dann ist es schon praktisch, wenn du nicht mit klammen Fingern irgendwo an Schuhbändern fummeln musst.
Du verbindest dein Training für den Tor des Géants heuer mit einer Challenge über die drei höchsten Gipfel Österreichs – mit dem Rad dazwischen. Ist das reine Vorbereitung oder steckt auch eine Botschaft dahinter?
Das habe ich in der Coronazeit schon einmal probiert: die drei höchsten Gipfel Österreichs – Weißkugel, Wildspitze und Großglockner – in einem Push zu machen und die Strecken dazwischen mit dem Rad zurückzulegen. Damals bin ich am Großglockner wegen des Wetters gescheitert – 300 Höhenmeter unter dem Gipfel. Das möchte ich jetzt gemeinsam mit Jakob Herrmann noch einmal angehen – eher als privates FKT-Projekt. Gleichzeitig machen wir das gemeinsam mit POW – Protect Our Winters Österreich –, um auf Gletscher und Klimawandel aufmerksam zu machen.
Ich glaube, das ist ein ziemlich cooles Projekt. Insgesamt sind es knapp 360 Kilometer und rund 10.000 Höhenmeter, weil eben etwa 300 Kilometer auf dem Rad dazwischen liegen. Und ich glaube schon, dass es unter 24 Stunden machbar sein müsste. Beim letzten Versuch war ich bei 24:30, bevor ich umdrehen musste. Der Termin ist wetterabhängig – aber klar ist: ohne Ski. Es sollte halbwegs schneefrei sein. Ende Juni oder Anfang Juli wäre ideal.





















