Ein Tag im Sattel? Der ist schwer in einen Rahmen zu fassen – und sei doch jedem Biker für den einen oder anderen freien Tag ans Herz gelegt. 

Lukas Schnitzer
Lukas Schnitzer


Tagestour. Wessen Verstand übersetzt diese Buchstabenfolge nicht automatisch in einen tagesfüllenden Ausflug? Und wen lässt unser in berufliche Formen und Normen gepresstes Denken nicht glauben machen, man müsse dafür mindestens das gesamte Fünftel der 40-Stunden-Woche zwischen Lenker und Sattel verbringen, müsse dazu fit sein wie der sprichwörtliche Turnschuh? Wer sein Geld mountainbikend verdient, für den mag dies vielleicht zutreffen. 

Für alle anderen – nämlich jene, die ihre kostbare Freizeit zum Biken, für den ungefilterten Genuss in der Natur und den einen oder anderen Kick am Trail nützen, will die Tages­tour aber der krasse Gegensatz zum von (beruflichen) Konventionen geplagten Alltag sein. Tages­tour, das sollten Otto und Ute Normalo gänzlich anders auffassen: Schnapp dir dein Bike, wenn du willst, deinen Partner oder gute Freunde, geh raus in die Natur und entdecke neue Straßen, Pfade, Wege, Ausblicke und Einkehrschwünge. Verbringe deinen Tag, wie es Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf machen würde – ganz so, wie es dir gefällt. Ob du dabei von Dämmerung zu Dämmerung leidest, ganz entspannt über die Almen kurbelst oder nach sagenhaften Trails scoutest, ob du ein paar Stunden länger oder kürzer unterwegs bist: Es ist dein Tagesausflug, und nur du setzt den Rahmen. Einzige Regel: Keinen Meter sollst du dein breites Grinsen verlieren!

So weit – man eben will
Weiter und länger als die schnelle Feierabendrunde darf die Tages­tour schon sein, touristisch vermarktet sind es oft als Runden angelegte Streifzüge durch landschaftlich spannendes Geläuf, vorbei an beeindruckenden Panoramen und hin zu sehenswerten Kraftplätzen oder legendären Trails. Auch einzelne Tagesetappen diverser Mehrtagesklassiker eignen sich hervorragend als Tagestour – wenngleich man sich dort mitunter in der Planung vorab um einen geeigneten Rückweg per Bike, Bus oder Bahn umsehen sollte. 

„Wir bieten im Wienerwald sehr unterschiedliche Strecken, die sich als Netz über den gesamten Biosphärenpark Wienerwald legen. Entsprechend vielfältig lassen sich die Trails und Routen zu unterschiedlichsten Tagestouren verknüpfen“, zeigt Saul Ferguson vom Wienerwald Tourismus die Vielfalt hinter dem Begriff der Tagestour auf. Ob Trail oder Forst, gemütlich oder hart: „Natürlich haben wir auch Touren mit 40 Kilometern und 1000 Höhenmetern, in Zeiten von E-Bike, Strava und Genuss setzen wir aber nicht mehr auf klassisch vorgegebene Eckdaten. Eine Tages­tour, das ist eben ein schön ver- brachter Tag im Wienerwald“, erklärt Ferguson seinen Blickwinkel.

Unendliche Auswahl
Der Zugang im Wienerwald belegt einmal mehr: Geschmäcker sind verschieden. Der eine startet morgens mit Müsli, der andere braucht es pikant und verlangt nach Schinken für sein Frühstückssemmerl. Am Bike verhält es sich genauso. Während sich der eine nur Berge hochquält, um an flowige oder technische Trails zu gelangen, liebt es der andere, bergauf an seine Grenzen zu gehen, der Dritte genießt das Biken in all seinen Facetten und der Vierte im Bunde pedaliert auf der Suche nach Ruhe, Entspannung und Genuss durch die Berge. Die eine perfekte Tagestour für das gesamte Quartett? Die ist wohl kaum zu finden, ist sich auch Elisabeth Hartl vom Flachau Tourismus sicher: „Auch im Rahmen des Flachau- E-Bike-Festivals habe ich wieder mit vielen Bikern und Guides gesprochen. Tatsächlich bedeutet Tagestour wohl für jeden etwas anderes. Das geht von 20 Kilometern am Radweg bis zu 60 Kilometern und 1800 Höhenmetern tief in die Bergwelt“, so Hartl. Und auch Roland Gutzinger, Projektmanager für Radwege, Radsport, Mountainbike in der Tourismusregion Millstätter See – Bad Kleinkirchheim – Nockberge untermauert die Vielfalt seiner Region mit Tourentipps in unterschiedlichsten Längen. Gutzingers Geheimtipp für seine sonnenverwöhnte Heimat: Immer irgendwie einen See mitnehmen.

Wer sich vorab ein wenig schlaumacht, der findet „seine“ perfekte Tour fast in jeder Region. Ein wohlgemeinter Rat seitens der Redaktion: Seid ehrlich zu euch selbst, überschätzt weder euch selbst noch eure Tourenpartner und investiert etwas Zeit in die Tourenplanung. Sollten unterwegs Hinweistafeln fehlen oder durch Defekte oder Wetterumschwünge ein Plan B­ ­gefragt sein, hilft eine gewisse Streckenkenntnis (durch Kartenstudium und Tourenbeschreibungen) ungemein.

Wer auf eigene Faust plant, der findet vor Ort oder im Quartier auch oft Ortskundige, die gerne mit Tipps unter die Arme greifen. Vielfach wird man auch bei Komoot, Bergfex, Outdooractive und Co. fündig. Möchte man es organisatorisch ganz entspannt angehen, greift man am besten auf spezielle Guiding-Angebote zurück. Doch auch bei den geführten Touren erkennt Hartl unterschiedliche Motive. Während der eine wohl nach Gesellschaft sucht, erwartet sich der andere Tipps für die schönsten Spots oder möchte an seiner Fahrtechnik arbeiten. Als mündiger Biker sollte man sich vorab Gedanken über „seine“ perfekte Tour machen. Dann wird der Tag ganz sicher zum Erfolg.

Ich packe meinen Rucksack …
Egal, ob man den offiziellen Beschilderungen folgt oder im Rahmen des legal freigegebenen Streckennetzes auf eigene Faust loszieht: Tagestouren führen mitunter tief in die Natur und entsprechend weit weg von Werkstätten, Unterständen und medizinischer Versorgung. Eine „Notfallausrüstung“ für kleine Pannen ist Pflicht, gibt Ferguson mit auf den Weg. Ein passender Ersatzschlauch samt kompakter Pumpe, ein Minitool plus Kettenschloss sowie ein kompaktes Erste-Hilfe-Set gehören immer ins Gepäck. Und auch wenn es genügend Gastronomie gibt, so ist doch auch zumindest Wasser dringend empfohlen. Dazu noch ein Mobiltelefon mit Karte oder Navigationsapp. Je nach alpiner Ausprägung der Tour gehört auch eine mehr oder weniger Wind- und Wetter­feste Jacke zur Standardausrüstung.