Kolumnist, Querdenker, Kletterer von Weltruf. Herbert Ranggetiner ist seit vielen Jahren fixer Bestandteil jeder SPORTaktiv-Ausgabe Das Bild zeigt ihn inmitten seiner „Boulder-Gang“.

Gleichzeitig jung und alt: Herbert Ranggetiner über Sport als Brückenbauer
Herbert Ranggetiner

Sogar der Hahn von nebenan kuschelt noch zwischen seinen Hennen, als ich zeitig in der Früh meine tägliche Runde mache. Mit dem Kaffee in der Hand befreie ich unsere zwei Katzen aus ihrem Kellernachtquartier und darf mir ein visuelles Zuckerl, also diese ersten Momente nach ihrer Tiefschlafphase ansehen. 5 Sekunden kurz durchstrecken und die putzigen Viecherl sind voll da, die stehen gleich habt acht und haben eine Klarheit im Blick, als kämen sie von einer Erstbesteigung im Himalaya zurück, genial! Ist man so wie ich jenseits der 50 Lenze, dauert dieses Durchstreckprozedere volle 20 Minuten und erst dann ist an so etwas wie Training zu denken. Doch wenn der alte Motor einmal läuft, ja, dann tuckert er mit einer überraschenden Leichtigkeit dahin, wobei ich stets zuverlässig auf die innerliche Schmierung mittels Koffein achte. Wartung ist halt die halbe Miete. Heute Nachmittag Bouldertime, heißt im Kletterraum mit meinen Jungs und anderen Kids a bissl anreißen. Der Versuch spielerisch die Schwerkraft auszutricksen ist ein Grundbedürfnis dieser bunten Truppe. Der eine mit Mütze, beim zweiten sitzt die Hose recht tief und der dritte ist oben ohne, ja, cool, wir sind eh nicht bei den Pfadfindern. Bevor ich meinen Vortrag über das Aufwärmen überhaupt beginnen kann, hängt schon ausnahmslos jeder in der Wand, passt, alles so wie immer! Wer Verletzungen nicht kennt, der fürchtet sie auch nicht, das passt zwar nur so mittelprächtig, aber um das Fingerkneten mit dem Softball kommt dann keiner rum.

Die Handys liegen irgendwo im Eck, die anfängliche Hektik legt sich und dann kommt das eigentliche Phänomen, ich nenn es einfach mal so salopp das ,,Harmoniestadium‘‘. Eine langsame Gleichschaltung der Pole und Energien, kein Trainer mehr, keine Schüler, kein Generationenkonflikt, sondern nur mehr ein Haufen motivierter Kletterer. Alle versuchen mit ihren individuellen Fähigkeiten ein Boulderproblem zu lösen, hier beseitigt das Miteinander jede Art von Kluft! Achtung Info: Ein Boulderproblem ist eine klar definierte Abfolge von Kletterzügen, in unserem Fall ist der Ort des Geschehens eine 60 Grad steile Kletterwand im Keller und jeder arbeitet an seiner selbst ausgedachten Abfolge von Kletterbewegungen an verschiedensten Griffen. Keine Regeln, nur diese ultimative Frage: „Wie zum Geier komme ich von Punkt A nach Punkt B?“ Der kreative Freiraum von Kindern und das scheinbar permanente Ignorieren von Schwerkraft und Trägheitsgesetzen haben mich schon oft zum staunenden und dankbaren Schüler gemacht. Ein Vorbild kann man nur sein, wenn man einer von ihnen ist und nicht mit erhobenem Zeigefinger über ihnen steht. Charakter und Persönlichkeit können sich nur entfalten, wenn ich jedem dasselbe Gefühl von Wertigkeit gebe. Nur beim Fluchen und der oft irrsinnigen Suche nach der Schuldfrage des „Warum schaff ich den elendigen Zug des Boulderproblems nicht“ kenne ich kein Pardon, da hau ich dann die Bremse rein. Wer alles gibt, braucht nie einen Schuldigen zu suchen, der kann nur gewinnen, die maximale Form der Niederlage ist immer nur das Nichtstun. 

Wer alles gibt, braucht nie einen Schuldigen zu suchen, der kann nur gewinnen, die maximale Form der Niederlage ist immer nur das Nichtstun.

Herbert Ranggetiner

Ich habe auch gar kein Problem mit korrekt gekleideten Kids mit Engelsgesicht und Heiligenschein, aber leicht verstaubte grundehrliche Lausbuben mit einer Neugier auf das Leben da draußen verstehe ich einfach in ihrer Art besser, da ich eben selber einer war! Apropos Neugier, warum genau predige ich schon wieder wie Hochwürden in der Kirche, obwohl ich immer von Freiheit und keinen Regeln labere? Genau, weil eben Kinder Erwachsenenregeln nicht verstehen und weil eben wir Erwachsenen das oft auch nicht tun und dann die Antwort kommt: „Das ist halt einfach so!“ Ich gebe immer alles, um eine Lösung der Probleme in ihrer Welt zu finden, und ich pfeife darauf, sie davon abzuhalten, dieselben Fehler zu machen wie ich einst, denn erst die Summe dieser Erfahrungen macht dich als Individuum einzigartig. Zurück in den Boulderraum: Mani, ein 23 kg schweres Energiebündel versucht sich zum x-ten mal an seinem Boulderprojekt, alle feuern ihn an und geben Tips, er klettert, aber wir haben schwitzige Hände und wieder rauscht er beim letzten Zug im hohen Bogen in den weichen Berg aus Schaumstoffmatratzen.

Und trotzdem, jeder gibt High five, denn jetzt in diesem Moment ist Mani gleich groß, schwer und alt wie ein jeder Einzelne von uns. Kein Tricksen, keine Ausreden, nur versuchen und lernen. Machen der Sport, die Gemeinschaft, das Miteinander bessere Menschen aus uns? Es kommt immer auf das Umfeld an, wie ticken die Kumpels beim Sport, welcher Antrieb und welche Motivation, ist es das Siegen, der Spaß oder die Suche nach Anerkennung? Ich traf Typen, die waren grenzgenial in ihrem Sport, aber doch 100%ige Idioten, überheblich und arrogant in ihrem Auftreten, eine wandelnde One Man Show. Sport ist kein Allheilmittel, aber von den richtigen Leuten vermittelt, ist es eine Tätigkeit bei der Körper und Geist trainiert werden und zumindest im Zeitraum der Ausübung ist es schwer möglich sonst irgendeinen Blödsinn anzustellen. Die Natur, dein Umfeld und das Wissen um deine Fähigkeiten lassen Dinge wie Alkohol, Drogen oder Doping in weite Ferne rücken. 

 Politiker denken nicht um, sondern nur an sich selbst und momentan steuert der Blinde das sinkende Schiff und der Taube führt seine Befehle aus.

Herbert Ranggetiner

Jemand, der dopt, ist nie das Opfer von Leistungsdruck und der Gesellschaft, nein, er ist das Opfer seiner selbst ­geschaffenen Realität, unfähig auf dem richtigen Weg zu bleiben. Im Geiste bin ich immer noch ein junger Wilder, der den offensichtlich permanent fortschreitenden Irrsinn dieser Erdbewohner nicht mit seinem begrenzten Verstand verarbeiten kann, deshalb Unverstandenes kompensieren, in Energie umwandeln und diese im Sport verpuffen lassen muss, meine Art der Problembewältigung. Politiker denken nicht um, sondern nur an sich selbst und momentan steuert der Blinde das sinkende Schiff und der Taube führt seine Befehle aus. Einfach den Jungen einen größeren Löffel in die Hand zu drücken, um die Suppe auszulöffeln, kann wohl nicht die Lösung sein. Es gibt keine Endpunkte, immer nur Ausgangspunkte! Wahrnehmung – Denken – Handeln, so beeinflussen wir unser Schicksal, die Quelle aller Veränderung sind unsere Gedanken! Deshalb, älter werden, dehnen, aufwärmen, alles kein Problem, denn im nächsten Leben werde ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eh eine Katze!