Wie funktioniert eigentlich die Zeitnehmung bei einem Lauf-Bewerb? Was läuft da im Hintergrund, wenn wir laufen? Dieser Frage sind wir nachgegangen. in Theorie und Praxis.

Klaus Molidor
Klaus Molidor

4 Buchstaben für ein Halleluja. RFID – dahinter versteckt sich die Technologie von Zeitnehmungen, wie wir sie von Lauf-, Rad- und Triathlonwettkämpfen her kennen. „Radio Frequency Identification“, löst Helmut Wöllik, anerkannter Zeitnehmungsexperte und Sporttelematiker an der FH Kärnten in Klagenfurt auf. Auf Deutsch: Identifizierung mithilfe elektromagnetischer Wellen. Wöllik und sein Team haben Software geschrieben für viele Zeitnehmer und auch selbst eine eigene Zeitnehmung aufgebaut. Antennenschirme, Router, Switches, Netzteile, RJ45-Adapter. Das ist die Welt von Helmut Wöllik, Sporttelematiker an der FH Kärnten in Klagenfurt und ausgewiesener Experte für Zeitnehmung. Mit seinem Team hat er für viele Anbieter die Auswertesysteme entwickelt und irgendwann auch selbst eine Zeitnehmung aufgebaut mit Chips, Antennen und eben jenen oben erwähnten Dingen. Mit zumindest 4 und maximal 15 Leuten kürt er bei Triathlons, Radrennen, Marathons und Co. Sieger und Platzierte. „Denn ohne Zeitnehmung wäre eine Reihung im Sinne der Wettkampfbedingungen nicht möglich“, sagt Wöllik.

Stromkabel und WLAN-Verbindungen braucht er, dazu Sensoren, die die Chips der Läufer erkennen und die Zeit nehmen. Waren früher die Champion- Chips, die man auf die Laufschuhe geschnürt hat, das Maß aller Dinge, so werden Einmal-Chips mittlerweile längst auch auf der Startnummer getragen. Entweder ganz dünn und kaum merklich aufgeklebt oder ein wenig dicker in Schaumstoff verpackt. „Damit Schweiß und Regen die Funktion nicht beeinträchtigen können.“ Apropos Chips. Da unterscheidet man zwischen passiven und aktiven. „Passive haben keine Batterie und bekommen die Energie, wenn man an der Zeitnehmungsstation durch das Magnetfeld läuft“, erklärt Wöllik. Der Vorteil: Sie werden direkt auf die Startnummer geklebt, sind somit einfach in der Abwicklung weil man sie nicht extra austeilen und nach dem Rennen wieder einsammeln muss. Vor allem aber sind sie günstig. Weniger als 50 Cent kostet so ein Chip. „Wenn man sie zu Tausenden bestellt wie etwa für einen großen Marathon mit 10-, 20-, 30.000 Teilnehmern kosten sie vielleicht kaum 10 Cent pro Stück.“ Der Nachteil: Sie brauchen etwas länger um aktiviert zu werden, der Streifen, in dem die Zeit gemessen wird, ist also oft ein, zwei Meter breit. Das kennt man von den Zeitnehmungsmatten. „Hundertprozentig präzise sind sie also nicht.“

Aktive Chips wiederum sind extrem präzise. „Weil sie eine Batterie haben, die sich kurz vor der Station blitzschnell aktiviert, kann man die Zeit innerhalb weniger Zentimeter bei der Ziellinie zuordnen.“ Dafür sind die Chips dicker und werden entweder auf den Schuhen oder um die Fesseln geschnallt getragen. Und sie sind wesentlich teurer. Die Entwicklung wird auf beiden Sektoren übrigens noch vorangetrieben. Bei den passiven Chips geht es darum, sie nicht nur präziser und noch günstiger zu machen, sondern auch robuster gegenüber Umwelteinflüssen. Bei Massenveranstaltungen wie großen Marathons führt an ihnen kein Weg vorbei. „Weil man schlichtweg nicht genügend Helfer bekommt um 30- oder 40.000 Chips auszugeben und wieder einzusammeln“, sagt Wöllik. Bei den aktiven Chips gibt es mehrere Varianten. „Durch die fortschreitende Miniaturisierung werden auch diese Chips immer kleiner werden. Man könnte sie also auch in Sportuhren integrieren und Vitalparameter mitmessen. Das Problem dabei ist, dass nicht alle Uhrenhersteller dieselbe Software verwenden.“ Chance auf Durchsetzung also sehr gering. „Immer wieder fragen mich Veranstalter und Zeitnehmer auch, ob es nicht möglich wäre, die Teilnehmer auf der ganzen Strecke live zu tracken.“ Das ist prinzipiell auf verschiedene Arten möglich. Mithilfe des Global Positioning Services GPS zum Beispiel, wie wir es von Navigationsgeräten im Auto oder von den modernen Sportuhren kennen.

„Aber das braucht noch mehr Energie als ein herkömmlicher aktiver Chip“, sagt Wöllik. „Auch Mobilfunknetze wären möglich. Nur sind die bei einer großen Zahl an Teilnehmern und Zuschauern dann auch potenziell zu schnell ausgelastet.“ Eine korrekte Messung ist damit dann nicht zu garantieren. Wöllik und sein Team der FH forschen aber an einer neuen Möglichkeit: 5G. „Ich denke, dass wir da im Moment die Einzigen sind.“ Die neue Technologie, die gerade erst flächendeckend verbreitet wird, braucht weniger Energie. „Und hat eine extrem hohe Prozessrate, kann damit also in sehr kurzer Zeit eine Unmenge an Daten übertragen. Es wird nicht mehr heuer passieren, aber dass es kommen wird, ist sicher, weil die 5G-Technik genau auf das ausgelegt ist und man eine Unmenge an Dingen auslesen kann, wenn man will“, sagt Wöllik. Am Ende ist es eine Preisfrage. Veranstalter, die nur eine Ergebnisliste haben wollen, werden nicht das ganze Schnickschnack kaufen. „Aber wenn etwa große Veranstalter wie Ironman oder Challenge darum konkurrieren, wer das bessere Service hat, dann wird vielleicht der eine sagen: Bei mir gibt es dies oder jenes noch dazu.“ Man kann den Teilnehmer dann auf jeder Stelle der Strecke verfolgen.

„Und der Veranstalter hat eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie er die Zuschauer unterhalten kann, weil er den Rennverlauf von einer Stelle aus immer live verfolgen kann“, blickt Wöllik in die Zukunft. Das hat auch Vorteile für die Organisation. Dadurch kann man Streckenquerungen besser ermöglichen, wenn man sieht, dass etwa nach einer Gruppe von Läufern ein größeres Loch kommt und vielleicht minutenlang kein Teilnehmer um die Ecke biegen wird. „Bei Triathlons kann man auf der Radstrecke auch das verbotene Windschattenfahren besser kontrollieren.“ Was nicht passieren wird, ist das Auslagern der Zeitnehmung auf Handys oder Sportuhren. „Das ist ein netter Versuch, wird aber scheitern, weil man nicht davon ausgehen kann, dass jeder das korrekt handhabt. Beim Handy hat nicht jeder die gleiche Software. Bei den Uhren ist das Problem, dass nicht jeder die hat, die der Veranstalter verwendet. Eine zweite Uhr wird sich keiner für ein Rennen kaufen.“ Aktive Chips, passive Chips, 5G-Technik, Datenautobahn. Rund um die Laufevents tut sich also sehr viel. Nur laufen müsst ihr noch selbst.

Aus dem Leben eines Zeitnehmers
Die Afrikaner haben die Zeit, die Europäer haben die Uhr“, lautet ein alter Spruch. Auch wenn das natürlich im übertragenen Sinne gemeint ist – Jürgen Smrz ist einer, der die Uhr hat. Der Laufveranstalter hat irgendwann mit seinen Geschäftspartnern Ralph Zimmermann und Gregor Goldmann beschlossen, auch die Sache mit der Zeitnehmung selbst in die Hand zu nehmen. Nicht mit Stoppuhr freilich, sondern mit einer modernen Anlage. Solche Systeme gibt es mittlerweile einfach zu kaufen, zwei große Anbieter dominieren da den Markt: Race result und mylaps – von dort haben nahezu alles großen Timing-Anbieter ihre Systeme. Ob das jetzt mit Chips am Schuh, am Fußgelenk oder in der Startnummer gemessen wird. „Ab rund 4000 Euro ist man dabei“, sagt Smrz. Dafür gibt es eine Matte, das Steuergerät und die Software. Aufgestellt ist das Ganze ruckzuck. „Es kommt darauf an, wie komplex die Veranstaltung ist, aber bei einem Straßenlauf, bei dem Start gleich Ziel ist und man keine Zwischenzeit hat, ist das in wenigen Minuten aufgebaut“, erzählt Smrz aus der Praxis. Vor drei Jahren hat er sich mit Time Now Sports zeitlich unabhängig gemacht. „Zu Aufbau und Betreuung eines Events reichen ein bis zwei Leute aus.“ Das System arbeitet mit Akku, bei „normalen“ Läufen ist also nicht einmal Strom notwendig.

Auch eine Internetverbindung ist nicht zwingend. „Man kann dann halt die Ergebnisse nicht direkt ins Netz stellen, sondern muss Ergebnislisten ausdrucken.“ Meist sind Netzwerke aber ohnehin vorhanden. Was die Abwicklung massiv erleichtert: die Einmalchips, die auf die Startnummer geklebt werden. „Die kann man beim Systemanbieter gleich direkt mitbestellen.“ Ganz ohne technisches Know-how geht es aber nicht. „Man muss die Software dann schon noch anpassen, weil man ja meistens verschiedene Altersklassen hat sowie getrennte Wertungen für Frauen und Männer, Staffel, Teams und so weiter“, sagt Smrz. Dafür gibt es aber beim Systemanbieter kostenpflichtige Workshops. Wie schnell so eine Zeitnehmung heute aufgebaut und in Betrieb genommen wird, hat er selbst erlebt. „Bei einem Bewerb ist der Zeitnehmer nicht aufgetaucht. Also hab ich eine Stunde vor dem Start meine Geschäftspartner angerufen, einer ist ins Lager gefahren und hat das Equipment geholt, der andere war zwar ebenfalls bei einem Event im Einsatz, hat aber schnell ein paar Kleinigkeiten programmiert und das System, das natürlich dasselbe wie unseres ist, freigeschaltet. Mit einer halben Stunde Verzögerung konnte der Lauf dann durchgeführt werden.“