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Vom Barhocker zum Ironman: Eisern in ein neues Leben / Bild: Ironman Klagenfurt

Vom Barhocker zum Ironman: Eisern in ein neues Leben

Artikel vom:

Der Grazer Georg Michl stellte mit Hilfe des Sports innerhalb von zwei Jahren sein ganzes Leben auf neue Schienen. Eine persönliche Erfolgsgeschichte, die auch anderen Mut machen sollte.

Von Georg Michl


Mit verklebten Augen stand 
ich im Badezimmer und betrachtete im Spiegel einen Mann, der ich nicht sein wollte. Es war ein verregneter Sonntagvormittag vor knapp zwei Jahren. Ich hatte einen massiven Kater, 126 Kilogramm und mehr Brust als die meisten Damen aus der Bar des Vorabends. „Wann ist das denn passiert? Ich war doch immer sportlich!"

Das war wohl ein astreiner Selbstbetrug. Mehr als zwei Jahr hatte ich mir nach dem Ende meiner Raucherkarriere leid getan, maßlos gefressen und mich gehen lassen. Es musste was passieren. Subito! Aus den untersten Fächern meines Kastens kramte ich die Laufutensilien hervor – und musste feststellen, dass alles zu klein war. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter und ich hatte vor lauter Wut auf mich selbst Tränen in den Augen. Mein Körper war ein schwabbeliges Wrack. Ich brauchte eine massive Änderung – und neue Kleidung.

DER HUNGER AUF SPORT
In den folgenden Wochen nahm ich das Training langsam wieder auf. Und ich schaffte mir eine Waage an. Als Mensch der Extreme musste ich mich in der ersten Euphorie bremsen, um mich nicht abzuschießen, aber ein Dreivierteljahr nach meiner Eingebung standen 118 Kilogramm beim Wien-Marathon am Start. Der Spaß hat 4:18 Stunden gedauert und der „Hunger" auf Sport war wieder da.

Die Zechtouren wurden weniger, die Stunden auf der Laufstrecke mehr. Mein Gefühl für den Körper kehrte langsam zurück und die alten Laufsachen begannen wieder locker zu sitzen. Da ich nichts „normal" machen kann, quälte ich mich im Juni 2014 adipös als Einzelläufer durch den 24-Stunden-Lauf in Irdning. Ich habe auf 120 Kilometern meinen mächtigsten Feind bekämpft und geschlagen: mich.

Dass ich mich zu diesem Zeitpunkt erst am Beginn einer spannenden Reise befand, war mir nicht bewusst – in den kommenden Monaten sollte der Sport eine extrem wichtige und auch dominante Rolle in meinem und dem Leben meiner Mitmenschen einnehmen. Ich war infiziert, und wie über vielen Ausdauersportlern schwebte über mir plötzlich der Mythos „Ironman“. Und ganz ehrlich: Ich hatte Zeit, ein bisschen Geld auf der Bank und damals außer arbeiten eigentlich nichts weiter vor. Warum also nicht? Die Tatsachen, dass ich nicht schwimmen konnte, kein Rennrad hatte, allein für einen Marathon 4:16 Stunden gebraucht habe und noch 112 Kilos auf den Rippen hatte – die habe ich einfach ignoriert.

DAS NEUE LEBEN
In den kommenden Monaten änderte sich einfach alles. Mein Körper, meine Einstellung, mein Wille. Der Weg bis hin zur Ziellinie des Ironman Austria führte über ein neues Leben. Die lockere „Schau-ma-einmal"-Lebensplanung konnte ich mir einrexen. Bis sich das System zwischen Training, Büro und Freizeit eingespielt hat, vergingen allerdings ein paar Wochen, und noch eins: Plötzlich hatte ich eine Freundin – eh klar, monatelang schlägt man sich die Nächte in Bars um die Ohren, bleibt allein – und wenn man sich dann entscheidet, dem Ganzen zu entsagen und wie ein Besessener zu trainieren, sitzt ein Lockenkopf am Nebentisch und lächelt.

Ich war im Dauerstress und leicht überfordert. Dabei hielt sich das Trainingspensum mit rund acht Stunden pro Woche zu Beginn noch in Grenzen. „Behandle deine Einheiten wie Geschäftstermine", hat mir mein Trainer Herwig Reupichler bei unserem ersten Gespräch erklärt. Damals haben wir beide unsere Zielzeit für den Ironman auf einen Zettel geschrieben – wir lagen zwei Stunden auseinander. Ich kritzelte „14“ auf den Wisch, er „12“. Mir wurde schlecht, als ich das gesehen hatte. Was hat dieser Mann mit mir vor? Der spinnt ja!

Letztlich hat er Recht behalten, so wie er immer Recht hat. Fast täglich hat mich ab der ersten Woche der Wecker gnadenlos aus dem Schlaf gerissen. Das System, nicht postwendend wieder einzuschlafen, war klar: Sofort aufstehen, anziehen, vor die Tür gehen und erst jetzt das Hirn einschalten. Oh, wie habe ich mir in den Anfangsmonaten Leid getan, wenn ich allein in Aller Herrgottsfrühe in der Kälte gelaufen, oder am Schwimmbeckenrand gesessen bin. „Da musst du durch, das macht dich härter.“ Scheinbar bekommen Trainer in ihrer Ausbildung den Buchband „Weisheiten für alle Lebenslagen“ geschenkt ...

Auch wenn mein Intimfeind Waage konstant weniger Gewicht angezeigte, fühlte ich mich fett. Dass ich dreimal die Woche an austrainierten Sportlern im Schwimmbad vorbeigehen musste, machte es nicht leichter. Ich konnte nicht hungern – dafür esse ich viel zu gerne – aber ich habe nur  noch vegetarisch gegessen. Nicht, weil Fleisch schlecht ist, sondern, weil ich schwach bin. Die Lust auf Burger oder Kebabs musste in Zaum gehalten werden. Diese Umstellung war weniger hart, als befürchtet. Die Auswirkungen auf mein Kaufverhalten waren wesentlich schlimmer: Ich mutierte zum Ausrüstungsfetischisten und verbrachte mehr Zeit bei Hannes im Radgeschäft, als im Café. Jegliche Konversation drehte sich nur noch um das eine Thema und mein Sozialleben beschränkte sich auf gemeinsame Trainingseinheiten.

DAS GLÜCKSGEFÜHL
Je näher jetzt im Juni der Ironman rückte, desto nervöser wurde ich – und zwei Tage vor dem Wettkampf schmiss ich die Nerven weg: Der Rahmen meiner Zeitfahrmaschine war gebrochen. Da habe ich gemerkt, dass Triathleten vielleicht auf der Strecke nur für sich kämpfen, aber sonst alles andere als Egomanen sind.

Sofort liefen die Drähte heiß und Hannes hat einen Rahmen organisiert. 24 Stunden später stand er mit dem Karbon-Teil für mich und einem Scheibenrad für Eva Wutti in Klagenfurt. Scheinbar sind auch Profis vor Last-Minute-Katastrophen nicht gefeit. Alles wurde rechtzeitig fertig und nach einer Gesamttrainingszeit von 14 Tagen, 19 Stunden und 23 Minuten in den vergangenen acht Monaten war ich bereit, die Ernte für die Quälerei im Training einzufahren.

Zu behaupten, dass es nie wehgetan hat, wäre ein Lüge. Es tat vor allem beim Laufen richtig weh, aber selbst diese Schmerzen habe ich genossen. Jede Laufeinheit im Winter, jedes Hagelkorn im Gesicht bei den Radausfahrten, jede Länge im Schwimmbad, jeder Sturz beim Langlaufen, jedes Gewicht im Fitnessstudio – einfach alles war es wert: Dieses Gefühl, nach 11 Stunden und 2 Minuten die letzten Meter in Klagenfurt über den roten Teppich zu laufen, Familie und Freunde jubelnd am Streckenrand zu sehen und die Worte „Georg, you are an Ironman“ zu hören – das, Freunde, hat alle Schmerzen vergessen gemacht.

Und ich höre nicht auf!


"Ironman" Georg MichlDER "EISERNE"
Georg Michl, 34 Jahre, lebt mit Freundin in Graz, arbeitet als Sportredakteur bei der Kleinen Zeitung. Begann vor zwei Jahren, bei einem Körpergewicht von 126 kg, mit regelmäßigem Sport; trainiert heute 8 bis 15 Stunden pro Woche.

  • Derzeitiges Kampfgewicht: 98 kg bei einer Körpergröße von 1,97 m
  • Letztes Highlight: Ironman-Finisher in Klagenfurt in 11:02,33
  • Ziele: Ironman 70.3 in Pula, Sprinttriathlon Planksee, MTB-Bewerbe
  • Motto: Hat jemand eine Idee? Ich probier es aus.

Kontakt: georg.michl@kleinezeitung.at


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