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Am Ziel: Benedikt auf dem 8.163 Meter hohen Manaslu im Himalaya.

Tour im Himalaya: Zwischen Rekord und Tragödie

Artikel vom:

Benedikt Böhm hat den 8.163 Meter hohen Manaslu im Himalaya bestiegen und ist mit Skiern wieder abgefahren. Das alles in weniger als 24 Stunden. Tatsächlich aber hat der Dynafit-Manager bei dieser Expedition viel mehr erlebt als einen Rekord. Wundervolle Augenblicke – und Momente voller Tragik …

Sechs Jahre lang hatte er dieses Ziel vor Augen. Endlich ist er angekommen, aber der Moment währt nur für einen Augenblick. Er muss so schnell wie möglich weg hier. Denn diese erhabene Weite und das in der Sonne funkelnde Wolkenmeer sind so traumhaft schön wie trügerisch zugleich.
Benedikt Böhm steht auf dem Gipfel des Manaslu. Aus dem Sanskrit übersetzt bedeutet dieser Name soviel wie „Berg der Seele“. Kein Mensch zuvor hat dieses 8.163 Meter hohe Massiv so schnell bestiegen wie er – und kaum ein Mensch mag an diesem Ort so aufgewühlt gewesen sein: Er spürt die magische Gipfel-Euphorie, beschwert von der Sorge um seine Freunde und den Gedanken an die dramatischen Ereignisse der vergangenen Tage.

ES BEGINNT MIT EINER TRAGÖDIE
Sechs Wochen zuvor hatte diese Expedition im Himalaya begonnen: Akribisch haben sich Benedikt Böhm und sein Partner Sebastian Haag auf die geplante Speed-Begehung des achthöchsten Berges der Erde vorbereitet. Schließlich wollen sie in weniger als 24 Stunden vom Basislager in 5.000 Meter Höhe auf den Gipfel des Manaslu gestiegen und mit Skiern wieder abgefahren sein. Ein höchst ambitioniertes Vorhaben – an dessen Anfang jedoch ein Drama steht ...
Am 23. September 2012 befinden sich die beiden auf einer Akklimatisierungstour in 6.400 Metern Höhe. Sie campieren auf einer Erhöhung im Gelände, weil sie von einer früheren Expedition wissen, wie leicht aus dem Hang über ihnen eine Lawine abgehen kann. Dieses Wissen hat den beiden in dieser Nacht wohl das Leben gerettet. Denn um 4.30 Uhr löst sich eine gewaltige Lawine und donnert tausend Höhenmeter in die Tiefe. „Es war absolut windstill“, erinnert sich Benedikt Böhm. „Im Halbschlaf hörten wir ein Grollen, dann erwischte uns eine Druckwelle. Raus aus dem Zelt, da sahen wir schon die Stirnlampen anderer Bergsteiger im Hang und wussten, was passiert war ...“
Die Lawine trifft in 6.700 Meter auf das Höhenlager 3 und verschüttet mehr als zwanzig Zelte. Sogar im traditionellen Lager 2 auf 6.300 Metern, nur 100 Höhenmeter von Benedikt und Sebastian entfernt, richten die tonnenschweren Schneemassen schwere Verwüstungen an.
Auch Benedikt und Sebastian stiegen sofort in den Hang, um nach Überlebenden zu suchen. Es dämmerte, als sie nach 15 Minuten einen ersten Schuh fanden. Dann weiteres Material, zerstörte Zelte – die ersten halb verschütteten Menschen. Die Lawine hatte die Bergsteiger im Schlaf überrascht und hunderte Meter weit mitgerissen.
„Wir dachten nicht mehr nach – wir haben nur noch gegraben“, erzählt Benedikt. „Der Schnee war so fest wie Beton, wir haben Minuten gebraucht, um auch nur einen Arm freizubekommen.“ Die Helfer im Hang organisieren sich. Schuhe werden auf einem Haufen gesammelt, um die Verunglückten, die auch mit Sauerstoff und Essen versorgt werden, damit auszustatten. Dutzende können gerettet werden – elf Menschen kommen ums Leben.
In diesem September waren mehr Bergsteiger am Manaslu unterwegs als üblich. Der in Tibet gelegene Cho Oyu (8.188 Meter) war aufgrund von Visa-Einschränkungen durch die chinesische Regierung nicht zugänglich, mehrere Expeditionsgruppen schwenkten um auf den Manaslu. Obwohl der Berg der Seele als gefährlicher gilt – aufgrund seiner exponierten Lage kann hier in Windeseile schlechtes Wetter aufziehen.

SECHS JAHRE DAVON GETRÄUMT
Umso schwieriger wird nach diesem Bergdrama für Benedikt Böhm und sein Team die Entscheidung, als plötzlich ein stabiles Wetterfenster erkennbar wird. Die von Dynafit, Gore-Tex und Thermocool unterstützte Expedition besteht aus sechs Personen: Drei von ihnen geben angesichts der Ereignisse auf. Benedikt Böhm und seine beiden Partner Sebastian Haag und Constantin Pade aber bleiben. Sie nehmen den Gipfel des Manaslu in Angriff.
Und das direkt nach einem verheerenden Lawinenabgang; wie kann ein Ziel so wichtig werden? Wer Benedikt Böhm diese Frage stellt, der sieht ihm augenblicklich an, dass es am Ende keine Alternative mehr gab. „Sechs Jahre lang bin ich mit diesem Ziel ins Bett gegangen und mit ihm aufgestanden. Ich habe jeden Tag trainiert. Dann sitzt du sechs Wochen in dieser verdammten Eishölle – und plötzlich tut sich ein Wetterfenster auf. Da musst du einfach los. Dieses Momentum sitzt so tief, weil es so lange gespeist wurde.“

VON DER NACHTTOUR INS BÜRO
Zum Beispiel dann, wenn Benedikt Böhm daheim um zwei Uhr morgens aufgestanden ist, um zu Trainingszwecken mit Stirnlampe auf die Zugspitze zu steigen und mit Skiern wieder abzufahren. Im Anschluss an diese Morgeneinheit ging es ins Büro nach München. Dort agiert er als Geschäftsführer von Dynafit – und auch hier hat er in den vergangenen Jahren höchst ambitionierte Ziele verfolgt und umgesetzt. Das Unternehmen schaffte es aus der Insolvenz zurück in die Erfolgsspur. Wie konnte das gelingen? „Ich habe Freunde ins Team geholt, die allesamt die Berge lieben. Wir haben der Marke ein Gesicht gegeben und uns von Rückschlägen niemals entmutigen lassen.“
Die Wege nach oben sind sich also durchaus ähnlich – am Berg wie im Business: „Wer die richtige Route wählt und an sich glaubt, der kann viel erreichen.“ Und natürlich glaubten Benedikt und seine beiden Freunde auch an ihren Erfolg, als sie die Speed-Besteigung am Manaslu starteten …

NACH 15 STUNDEN AM GIPFEL
Der Aufstieg beginnt am Abend des 29. September um 18 Uhr, am Basecamp auf 5.000 Meter. Jeder geht sein Tempo, ohne Akklimatisierungspause passieren sie die weiteren Höhenlager. Gegen 4 Uhr verschlechtern sich die Bedingungen, ein Sturm fegt mit Böen von bis zu 100 km/h über das Gipfelplateau. 
Benedikt Böhm ist den anderen voraus, auf 7.400 Metern findet er Unterschlupf in einem verlassenen Zelt. Es ist mitten in der Nacht, stockdunkel und bitterkalt. Der Wind reißt an den Zeltwänden. Ein Schluck Wasser, etwas Powergel – dann geht es weiter. Noch einmal treffen sich die drei Freunde, in zwischen ist die Sonne aufgegangen, aber Haag und Pade müssen abreißen lassen. Nur Benedikt Böhm stapft unbeirrbar weiter und erreicht am 30. September 2012 um 9 Uhr bei strahlendem Sonnenschein den Gipfel des Manaslu. Er ist jetzt seit 15 Stunden unterwegs und hat in dieser Zeit mehr als 3.300 Höhenmeter bewältigt.

IN DER TODESZONE
Normalerweise verweilen Bergsteiger nur wenige Minuten auf dem Gipfel. Die niedrige Sauerstoffkonzentration in der sogenannten Todeszone (jenseits von 7.000 Metern) ist lebensgefährlich. Dennoch wartet Böhm eineinhalb Stunden auf seine beiden Partner, die ihren Aufstieg allerdings 150 Höhenmeter unter dem Gipfel endgültig abbrechen. 
Er vergräbt einen Schal, den ihm ein Lama, ein einheimischer Priester, geschenkt hat. Dazu einen Karabiner, an dem er vor genau einer Woche Schuhe für die Verschütteten festgemacht und transportiert hatte. „Ein Akt der Demut und der Verarbeitung dieser Ereignisse“, sagt Benedikt. Dann steigt er in die Bindung, ein Klick – und die Skiabfahrt aus 8.163 Metern Höhe beginnt.
Die Steilpassagen am Gipfel sind zugeschneit und einigermaßen befahrbar. Aber die Konzentration darf nicht für den Bruchteil einer Sekunde nachlassen. Ein Sturz hätte einen tödlichen Absturz zur Folge. Benedikt Böhm trifft wieder auf seine beiden Freunde, gemeinsam geht es weiter. Eine Steilpassage auf 7.400 Metern müssen sie mit Steigeisen queren. Sie haben kaum noch Kraft – Bruchharsch, gefährliche Verwehungen und Eisbrocken im eisig-welligen Lawinenfeld machen die Abfahrt extrem riskant.
Über sich sehen sie die Stelle, an der die Lawine abgegangen ist: Die Abrisskante ist vier Meter hoch, ein Hängegletscher von der Größe mehrerer Lastwagen war abgebrochen und in den Hang gestürzt. Immerhin: Nach der Lawine ist der Hang definitiv sicherer als zuvor. Durch die Sonne sind allerdings zahlreiche Gletscherspalten aufgesprungen, es gähnen Abgründe, deren Tiefe kaum geschätzt werden kann. Benedikt plagen nun ernsthafte Sorgen, dass ihnen eine dieser Spalten zum Verhängnis werden könnte: „Ich hatte wirklich Bedenken, dass wir es heil nach unten schaffen. Einmal mussten wir das Material über eine drei Meter breite Spalte werfen und hinterher springen.“ Schließlich erreichen die drei das Basislager. Vollkommen erschöpft, aber glücklich. Die Expedition war erfolgreich: Der Manaslu wurde in gerade mal 23 und einer halben Stunde bestiegen und wieder abgefahren. Andere Höhenbergsteiger benötigen für diese Tour in der Regel vier bis fünf Tage.

ZURÜCK ZU KLEINEREN ZIELEN
Im Basislager muss Benedikt einen andauernden Hustenreiz unterdrücken, die Kehle ist geschwollen vom schweren Atmen. Er genießt das kurze Telefonat mit seiner Frau Veronika – Sohn Balthasar ist in diesen Tagen zwei Jahre alt geworden.
Und dennoch hat es den jungen Vater in dieses lebensfeindliche Umfeld getrieben, um sich nach sechs langen Jahren seinen Traum zu erfüllen. War es das wert? Nochmals sieht Benedikt die Bilder vor sich: „Aus dem Basislager läuft man in weniger als einer Stunde in eine unglaublich üppige Vegetation, als käme man aus der Eiswüste ins Paradies. Auf einmal siehst du Papageien, Yaks, Esel, Kühe ... dann drehst du dich um, blickst nach oben und fragst dich: Wie kommt dieser Berg dahin?“
Und – wie kommt er dahin? „Keine Ahnung. Aber viel wichtiger war: In diesem Moment habe ich gespürt, dass ich nach diesem Abenteuer meine Ambitionen erstmal ein wenig runterfahren möchte. Denn an niedrigeren Zielen hat man letztlich mehr Spaß – und irgendwie auch mehr Erlebnis ...“


DER SPEEDBERGSTEIGER
BENEDIKT BÖHM, 35, lebt mit Frau Veronika und Sohn Balthasar in München. Der Brand Manager des Skitouren-Ausrüsters Dynafit ist mit seinem Partner Sebastian Haag seit 2005 Rekordhalter im Skitourenrennlauf am Muztagata (7.509 m). Im Jahr 2006 stellten sie einen Geschwindigkeitsrekord am Gasherbrum II (8.034 m) auf. Am 30. September 2012 stieg Benedikt Böhm als erster Mensch innerhalb von 15 Stunden vom Basislager (5.000 m) auf den Gipfel des Manaslu (8.163 m) und fuhr dann auf Skiern wieder ins Basislager ab. Insgesamt benötigte der Münchner für diese extreme Tour 23,5 Stunden.

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