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Interview mit Steve House:

Interview mit Steve House: "Es wäre dumm, keine Angst zu haben!"

Artikel vom:

Als junger Mann stand er vor der höchsten Felswand der Erde. Von diesem Tag an gab er alles, um sie eines Tages besteigen zu können. Steve House lebt den Verzicht auf das Unnötige – und es scheint, als habe er darin seine Erfüllung gefunden.


Steve, du warst gerade für zwei Wochen in Alaska. Hast du eine Expedition vorbereitet?
Nein, in diesem Fall habe ich als Bergführer einen Kletterer aus New York begleitet. Wir waren schon häufig gemeinsam unterwegs und hatten eine fantastische Route im Eis. Das hat Spaß gemacht.

Ist die Arbeit als Bergführer dennoch eine Art Pflicht, während deine eigenen Touren die Kür sind?
Früher hätte ich das vielleicht so gesehen. Aber für meinen Kunden war das ein unvergessliches Erlebnis. Er lebt in Manhattan – und nun hat er drei Tage in einer Felswand verbracht. Es erfüllt mich, anderen Menschen solche Erfahrungen zu ermöglichen.

20 Jahre lang warst du stark auf dich selbst fokussiert. Wann kam der Sinneswandel, dass du dich mehr auf die Menschen in deinem Umfeld einlassen möchtest?
2010 hatte ich einen schweren Unfall in Kanada. Ein Fels brach, ich verlor den Halt und stürzte 25 Meter tief. Zwei Stunden lang habe ich auf den Helikopter gewartet. Mit sechs gebrochenen Rippen, einem kollabierten Lungenflügel und einem Riss in der Leber. Ich konnte kaum atmen, aber mein Kopf war klar. Und in diesen Minuten dachte ich über mich und mein Leben nach …

Warst du denn nicht zufrieden damit?
Mit dem, was ich ins Klettern investiert und auch wieder zurückerhalten hatte, war ich sehr zufrieden. Aber mir fiel auf, dass ich noch andere Dinge erreichen wollte, als nur für mich zu leben und Berge zu besteigen.

Kurz darauf hast du deine Frau Eva kennengelernt …
Das war perfektes Timing! Ich denke nicht, dass ich mir vor dem Unfall die Zeit für eine solche Beziehung zugestanden hätte. Es wäre meinem hundertprozentigen Fokus auf das Klettern abträglich gewesen. Aber der Sturz hat mir die Augen geöffnet, und nun genieße ich die Harmonie mit meiner Frau. Außerdem habe ich ein Mentoring-Projekt gestartet und arbeite an einem Buch, in dem ich mein Wissen weitergeben möchte. Es soll Menschen verschiedenster Leistungsstufen bei ihrem Training helfen.

Warum sollen die Menschen denn ihre Zeit in den Bergen verbringen?
Die Berge sind ein wunderbarer Spiegel, sie reflektieren viel von dir selbst. Vielleicht ärgerst du dich eine Zeit lang über schlechtes Wetter. Und auf einmal fällt dir auf, wie lächerlich das ist – schließlich kannst du es nicht ändern. In diesem Moment erkennst du nichts anderes als deine eigene Ungeduld.

Was kann ich noch vom Berg lernen?
Er zeigt dir, wie fit du bist. Und was du wirklich drauf hast. Du erfährst, wie du auf Enttäuschung reagierst. Oder auf Angst. Solche Emotionen und Erfahrungen sind am Berg in ihrer Intensitätkomprimiert und deshalb besonders aussagekräftig. In anderen Situationen ist der Spiegel nicht so klar. Deshalb denke ich, dass wir durch das Bergsteigen leichter zu besseren Menschen werden können. Du lernst viel über dich selbst – und du bekommst die Fähigkeit, deine Angst zu kontrollieren.

Ist Angst nicht manchmal ein guter Ratgeber?
Natürlich! Es wäre dumm, keine Angst zu haben. Weil sie dich vor Risiken und Gefahren warnt. Am Berg lernst du aber, die Angst in etwas Positives zu verwandeln, in Konzentration und Fokussierung. Zurück im Tal kannst du diese Fähigkeiten dann auf andere Bereiche des Lebens übertragen. Wenn dir etwas nicht passt, wenn du dich unwohl fühlst, dann suchst du nach der Ursache und versuchst gezielt, Abhilfe zu schaffen. So werden die Erfahrungen vom Berg zu einem Werkzeug, mit dem sich die Herausforderungen des Lebens besser meistern lassen.

Bis heute sind 19 Menschen tödlich verunglückt, mit denen du im Laufe der Jahre geklettert bist. Ihnen hat der Berg am Ende das Leben genommen …
Was zum Tod dieser Menschen geführt hat, waren in erster Linie ihre Ambitionen. Es war ihre Antriebskraft als Teil ihrer Persönlichkeit – und genau das hat sie so menschlich und lebendig gemacht. Aber manchmal ist man leider zur falschen Zeit am falschen Ort.

Kann man darauf Einfluss nehmen? Oder ist es einfach Pech?
Vor mehr als 20 Jahren lernte ich als Austauschschüler in Slowenien das Klettern. Schon damals begann jeder Trip mit einer Diskussion über die richtige Route und den richtigen Zeitpunkt. Du beachtest zahlreiche Faktoren, so wie die Tatsache, dass die Nachmittagssonne das Eis schmelzen lässt und die Gefahr von Steinschlag erhöht. Im modernen Alpinismus kann die Grenze zwischen der richtigen und der falschen Zeit für eine Klettertour relativ exakt gezogen werden. Aber manchmal kommen eben Felsen, Eisbrocken oder eine Lawine runter, wenn man es nicht erwartet. Das ist dann einfach Pech.

Und wie findet man den richtigen Ort? Wie suchst du deine Kletterziele aus?
Jede Tour erzählt dir etwas über deine Fähigkeiten. Das nutze ich als Basis, um mich nach meinem nächsten Ziel umzusehen. Ich frage mich einfach, welche Wand der Ort für meine nächste Unterrichtsstunde sein soll. Und dann gibt es natürlich Berge, die dich nach dem ersten Anblick nicht mehr loslassen.

So war es beim K7?
Ja, das ist ein besonderer Berg. Der K7 liegt im Herzen des Karakorums, von seinem Gipfel siehst du Indien, China und Pakistan. Du blickst auf den K2 und den Nanga Parbat. Dieser Ort fühlt sich friedlich an, aber gleichzeitig spürst du die ungeheure Kraft der Natur.

In deinem Buch schreibst du, die Solobesteigung des K7 sei für deine Persönlichkeit von besonderer Bedeutung gewesen.
Ich habe sieben Versuche benötigt und viel dabei gelernt. Dass ich meine Ausrüstung reduzieren und mich mehr auf meine Fähigkeiten, auf meinen Instinkt verlassen muss. Der Weg der Vereinfachung ist der richtige Pfad – vom K7 habe ich diesbezüglich eine Menge Klarheit erhalten. Und es ist nicht nur die Tatsache, dass du mit weniger Gewicht leichter und schneller manövrieren kannst. Für mich ist das zu einer grundsätzlichen Philosophie geworden: Je einfacher wir die Dinge handhaben, desto intensiver ist das Erlebnis.

Nach dem K7 fühltest du dich bereit für die Rupalwand am Nanga Parbat. Welche Bilder hast du im Kopf, wenn du daran zurückdenkst?
Ich sehe das Gesicht meines Partners Vince. Er hat so unglaublich hart gekämpft, er hat zu einer Stärke gefunden, die er gar nicht haben konnte. Das war einfach nicht zu fassen. Und es inspiriert mich bis heute. Wenn ich mal einen faulen Tag habe, schließe ich die Augen und beobachte ihn. Daraus ziehe ich Kraft für mich selbst. Und mein zweites Bild ist Vince auf dem Gipfel: Er geht in die Knie – es ist der Moment totaler Erschöpfung, als plötzlich alles zu ihm kommt.


Video: Steve House über Bergsteigen in Pakistan


Ihr wart sechs Tage in der Wand, zwei Tage dauerte der Abstieg. Du hast in dieser Zeit zehn Kilo Körpergewicht verloren. Wenn man alles gegeben hat – was bleibt dann übrig?
Was bleibt, ist man selbst. In einer veränderten Form. Als ich vom Nanga Parbat zurück in die USA kam, hatte ich kaum noch Geld und auch keine Wohnung. Aber ich hatte eine neue Persönlichkeit im Gepäck.

Kann man so einen Zustand Erfüllung nennen?
Ich denke schon. Da war etwas, das mich erfüllt hat. Es fühlte sich an, als wären alle Anstrengungen und alle Wünsche meines Lebens in einem einzigen Moment gemündet. Das konnte mir niemand wegnehmen, ich konnte es auch nicht mehr verlieren – weil ich es tief in mir trug. Aber der Erfolg ist hohl. Und ich habe sofort nach einem neuen Ziel gesucht. Erst wollte ich den Nanga Parbat durch einen neuen Berg ersetzen, aber das funktionierte nicht. Damals schwante mir bereits, dass ich künftig Wege beschreiten müsste, die nicht mehr ausschließlich zu mir, sondern auch zu meinen Mitmenschen führten.

Muss man seine Erfüllung also immer wieder von Neuem finden?
Eines meiner Vorbilder ist mein Freund Yvon Chouinard, der Gründer der Firma Patagonia. Er ist eine große Persönlichkeit des Alpinismus’ und besitzt mehrere Unternehmen. Jedes Jahr spendet er viele Millionen US-Dollar an Umweltorganisationen. Er fährt einen zehn Jahre alten Subaru, im Fußraum liegt der Sand, weil er gern beim Surfen ist. Er hat eine eigene Bekleidungsfirma und trägt seine Klamotten trotzdem bis zum Ende auf. Ich denke, das ist Erfüllung: Du hast alles – aber du brauchst es nicht …


Steve House im Interview / Bild: Richard DurhanDER GENÜGSAME
Steve House wurde am 4. August 1970 in Pullman im US-Bundesstaat Washington geboren. Mit 20 Jahren reiste er im Rahmen einer slowenischen Expedition zum Nanga Parbat. 15 Jahre später kehrte er zurück und bezwang den Zentralpfeiler der Rupalflanke, die mit 4.500 Meter höchste Steilwand der Erde. Die mit Vince Anderson im Alpinstil realisierte Besteigung wurde mit dem „Piolet d’Or“ ausgezeichnet. Obwohl Reinhold Messner ihn als den „besten Höhenbergsteiger unserer Zeit“ bezeichnet, legt der selbsternannte „Punk auf Steigeisen“ wenig Wert auf eine medienwirksame Vermarktung. Sein erstes Buch „Jenseits des Berges“ erhielt 2009 den renommierten Boardman-Tasker-Preis. Steve House lebt mit seiner österreichischen Frau Eva in Ridgway (Colorado/USA).

Weitere Infos findest du auf www.stevehouse.net


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